ASYLMAGAZIN 1-2/2007

Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

am 1. Januar 2007 hat Deutschland die Präsidentschaft in der EU übernommen. Für ein halbes Jahr repräsentiert die Bundesregierung nicht nur die EU nach außen, sondern gibt auch intern den Takt vor. Für den Bereich der Flüchtlings- und Migrationspolitik sind Fortschritte allerdings kaum zu erwarten. Der Schwerpunkt liegt auf Abschottung: Sicherung der Außengrenzen, Stärkung von Frontex, Bekämpfung der illegalen Einwanderung. Die Verbesserung des Asylsystems steht nicht oben auf der Agenda. Menschenrechte und die Genfer Flüchtlingskonvention spielen nur in Sonntagsreden und unverbindlichen Programmsätzen eine Rolle. Die europäische Asylpolitik erhält dadurch eine gefährliche Schlagseite, die das ganze System kippen könnte, bevor es überhaupt richtig in Gang gekommen ist.
Mit einem praktischen Aspekt des entstehenden europäischen Asylsystems beschäftigt sich ein Beitrag von Tillmann Löhr in diesem ASYLMAGAZIN: dem Zugang zum Europäischen Gerichtshof in Fragen des Asyl- und Migrationsrechts. Löhr zeigt, dass der Zugang nicht so beschränkt ist, wie es auf den ersten Blick aussieht. Es ist also zu erwarten, dass der Europäische Gerichtshof mittelfristig zur Anwendung von Gemeinschaftsrecht in Deutschland und den anderen EU-Staaten Stellung bezieht.

Ihr Ekkehard Hollmann

 

Nachrichten

Bund

Zweite Bleiberechtsregelung strittig
Die Regierungskoalition hat sich noch nicht auf ein gesetzliches Bleiberecht geeinigt. Die CDU/CSU wehrt sich gegen die Forderung der SPD, auch Ausländer in das Bleiberecht einzubeziehen, die zwar keine Arbeit haben, sich aber ernsthaft darum bemühen. Andernfalls droht die SPD, ihre Zustimmung zur Verschärfungen beim Ehegattennachzug und bei der Überprüfung von Gaststudenten zurückzuziehen.
Am 14. November 2005 hatten sich Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) und Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) auf ein Gesamtpaket geeinigt. Das beinhaltete eine gesetzliche Bleiberechtsregelung, die an die von der Innenministerkonferenz beschlossene Regelung anknüpfen soll.

Integrationsbeauftragte appelliert an geduldete Ausländer
Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer, hat Arbeitgeber aufgefordert, Ausländer mit Duldung nicht als Arbeitnehmer zweiter Klasse zu behandeln. Gleichzeitig appellierte sie an geduldete Ausländer, die unter die Bleiberechtsregelung der Innenministerkonferenz fallen könnten, sich aktiv um Arbeit zu kümmern. Ein Bleiberecht ohne Arbeit lehnte sie im Interview mit der Frankfurter Rundschau ab. In der schlechten Arbeitsmarktlage in vielen Regionen sah sie keinen Hinderungsgrund. "Wir verlangen auch von deutschen Arbeitslosen, dass sie ein Jobangebot in einer anderen Region annehmen, wenn vor Ort kein Arbeitsplatz zu finden ist", sagte Böhmer.

Erneut weniger Asylanträge
Die Anzahl von Asylanträgen hat 2006 erneut einen Tiefststand erreicht. 21 029 Personen beantragten erstmals Asyl. Das bedeutet einen Rückgang gegenüber dem Vorjahr von 27,3 Prozent (28 914 Erstanträge). 251 Personen erkannte das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge als Asylberechtigte an, 1097 erhielten den Flüchtlingsstatus nach der Genfer Flüchtlingskonvention und bei 603 Personen stellte das Bundesamt Abschiebungshindernisse fest. Die wichtigsten Herkunftsländer waren Irak, Türkei und Serbien.
Etwa ein Viertel der Verfahren wurden von Amts wegen für in Deutschland geborene oder nachträglich eingereiste Kinder von früheren Asylsuchenden eingeleitet. Dieses mit dem Zuwanderungsgesetz eingeführte Verfahren fingiert einen Asylantrag, ohne dass die Betroffenen selbst einen gestellt haben.
Während Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) den Rückgang der Anträge als Erfolg der EU-weiten "Anstrengungen zur Bekämpfung des Asylmissbrauchs" bezeichnete, warf Pro Asyl der Bundesregierung Verantwortungslosigkeit vor. Deutschland vernachlässige seine menschenrechtlichen Verpflichtungen. Das Asylverfahren und seine Ergebnisse seien "politisch gesteuert".

Studie zur Qualität der Bundesamtsbescheide
Eine von Pro Asyl in Auftrag gegebene Studie der Entscheidungspraxis des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge hat erhebliche Mängel festgestellt. Die Autorin Ines Welge untersuchte 77 Verfahren eritreischer Asylsuchender aus den letzten sechs Jahren. Dabei viel auf, dass in zahlreichen Fällen die Person, die über den Asylantrag entschied, nicht zuvor die Anhörung des Asylsuchenden durchgeführt hatte. Die Entscheidungen bestünden größtenteils aus Textbausteinen. Die Befassung mit dem individuellen Schicksal beschränke sich oft auf wenige Sätze. Ein Teil der Bediensteten lasse die erforderlichen Länderkenntnisse vermissen. Asylanträge würden oft wegen angeblicher Widersprüche im Vortrag des Asylsuchenden abgelehnt, ohne dass diese Widersprüche in der Anhörung zur Sprache gekommen seien. Bei Opfern sexueller Gewalt erfolge nicht immer eine sensible Aufklärung. In Verfahren, in denen der Antragsteller angab, Folterspuren am Körper zu tragen, wurde kein medizinisches Gutachten eingeholt.
Pro Asyl nannte die Qualität der Entscheidungen desolat. "Wer solch mangelhafte Arbeit zulässt, dem ist vorzuwerfen, dass er es mit dem Grund- und Menschenrecht auf Asyl nicht allzu ernst meint", sagte Bernd Mesovic von Pro Asyl. Notwendig sei eine lückenlose Kontrolle aller Entscheidungen, bevor sie das Amt verlassen.

Bundesregierung für Behandlung im Herkunftsland
Die Bundesregierung setzt sich aus Kostengründen grundsätzlich dafür ein, Ausländer, die unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden, im Herkunftsland zu behandeln. Sie begrüßt daher, soweit eine adäquate Versorgung im Ausland gewährleistet ist, die Kostenübernahme der Behandlung durch die Bundesländer, um zielstaatsbezogene Abschiebungshindernisse zu beseitigen. Das geht aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion "Die Linke" hervor (BT-Ds. 16/3746). Dem Kontakt zum Ort der Gewalterfahrung könnten die Betroffenen innerhalb des Herkunftslandes ausweichen. Die Gefahr der Retraumatisierung durch die Abschiebung selbst sei durch die Bundesländer zu prüfen. Die "BestRück Luft", Dienstanweisungen der Bundespolizei für die Abschiebung auf dem Luftweg, befassen sich nach Angaben der Bundesregierung nicht mit der posttraumatischen Belastungsstörung.
Die Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke (Linksfraktion) warf der Bundesregierung einen zynischen Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen vor. Oberste Priorität habe offensichtlich die Abschiebung.

Weitergabe von Informationen an Herkunftsstaat
Deutsche Behörden geben Informationen aus Asylverfahren im Rahmen der Bekämpfung des Terrorismus auch an ausländische Geheimdienste weiter. Das räumte die Bundesregierung in der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Fraktion "Die Linke" ein. Eine Übermittlung personenbezogener Daten erfolge nur nach "sorgfältiger Prüfung aller Umstände des Einzelfalles". Dabei komme der Frage besondere Bedeutung zu, ob der ausländische Staat bei der "Gefahrenabwehr oder Strafverfolgung erkennbar nicht den Anforderungen eines freiheitlichen Rechtsstaats genügt". Ein Übermittlungsverbot greife insbesondere dann ein, wenn eine menschenrechts- oder rechtstaatswidrige Behandlung des Betroffenen zu befürchten ist. Dies könne "in Bezug auf einzelne Staaten" zur Folge haben, dass auf eine Weitergabe personenbezogener Daten verzichtet werde.

Laien als Begleiter bei Flugabschiebungen
Bei Flugabschiebungen aus Deutschland werden einem Bericht des Nachrichtenmagazins Der Spiegel zufolge von der Pakistan International Air-lines Laien als Begleitpersonen eingesetzt. Als Entgelt dafür, dass die Person, die abgeschoben wird, tatsächlich am Zielort ankommt, erhalten die Begleitpersonen ein Freiticket. Mit 14 Fluglinien, die ähnliche Angebote bereithalten, habe der Bund inzwischen Vereinbarungen getroffen, berichtet der Spiegel.

Kein Rückgang der Kirchenasyle erwartet
Im vergangenen Jahr hat es nach Angaben der Bundesarbeitsgemeinschaft "Asyl in der Kirche" rund 100 Kirchenasyle gegeben. In etwa 70 Prozent der Fälle hätten die Betroffenen nach einem Verfahren vor dem Verwaltungsgericht in Deutschland bleiben dürfen. Für 2007 rechnet die Bundesarbeitsgemeinschaft nicht mit einem Rückgang der Kirchenasyle. Die Bleiberechtsregelung sei zwar für viele langjährig geduldete Flüchtlinge "ein Grund zum Aufatmen", sagte die Vorsitzende, Pastorin Fanny Dethloff. Sie lasse jedoch zahlreiche Rechtsfragen offen, wodurch sich die Zahl der Kirchenasyle sogar noch erhöhen könne.

Abgeordnete kritisieren Abschiebungen nach Sri Lanka
Bundestagsabgeordnete von SPD, Linksfraktion und Grüne haben das Bundesinnenministerium wegen seiner Haltung zu Abschiebungen nach Sri Lanka kritisiert. Ein Vertreter des Ministeriums erläuterte im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe, dass eine landesweite extreme Gefahrenlage nicht gegeben sei. Er berief sich zur Begründung auf den Lagebericht des Auswärtigen Amtes vom Dezember 2006. Zuvor berichtete ein Vertreter des Auswärtigen Amtes, dass sich die Lage in Sri Lanka weiter verschlechtert habe.

Integrationskurse erfolgreich
Die Integrationskurse waren nach Auffassung des Bundesinnenministeriums insgesamt erfolgreich. Das sei das Ergebnis einer Evaluierung durch die Unternehmensberatung Ramboll Management im Auftrag des Innenministeriums. Danach bieten 1300 Träger ein flächendeckendes Angebot an, das auch viele Ausländer annehmen, die schon länger in Deutschland leben. Die Unternehmensberatung schlägt vor, verpflichtende Abschlusstests einzuführen. Bislang nehmen nur 40 Prozent der Teilnehmer freiwillig an den Abschlusstests teil.

Petitionsausschuss empfiehlt Personalausweis für Ausländer
Der Petitionsausschuss des Bundestages hat die Einführung eines Personalausweises für Ausländer befürwortet. Er unterstützte einstimmig eine Petition von über 200 Personen, die die Abschaffung der Pflicht verlangten, einen Reisepass mit sich zu führen. Die Bundesregierung wies darauf hin, dass innerhalb der Europäischen Union die Einführung einer einheitlichen Aufenthaltskarte für Drittstaatsangehörige beraten werde.

Erfahrungsaustausch der Härtefallkommissionen und des BAMF
Auf Einlandung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge haben sich am 23. und 24. Oktober 2006 Vertreter der Härtefallkommissionen der Bundesländer getroffen. Das teilte die Zeitschrift "Entscheidungen Asyl" des Bundesamtes im Dezember mit. Neben einem Erfahrungsaustausch bot das Bundesamt Einblick in die Arbeitsläufe und die Entscheidungen in Asylverfahren. Die Teilnehmer sprachen sich für regelmäßige Treffen dieser Art aus.

Bundesregierung verteidigt Evaluierungsbericht
Die Bundesregierung hat betont, dass sie im Evaluierungsbericht zum Zuwanderungsgesetz auch Forderungen von Kirchen und Nichtregierungsorganisationen berücksichtigt habe. So seien die Forderungen der Evangelischen Kirche zur Verbesserung der Kinderbetreuung bei Integrationskursen und der Diakonie zum Zugang von Deutschen ohne Deutschkenntnisse zu Integrationskursen übernommen worden. Dies teilte die Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Fraktion "Die Linke" mit (BT-Ds. 16/3747). In den Stellungnahmen seien zahlreiche "weit auseinanderklaffende Positionen" vertreten worden, denen sich das Ministerium "naturgemäß" nicht in allen Fällen anschließen konnte.

"Freiwillige Ausreise" ist "Unwort des Jahres"
" Freiwillige Ausreise" ist das "Unwort des Jahres 2006". Das entschied eine Jury aus Sprachwissenschaftlern. Zur Begründung führte sie an, dass in vielen Fällen die Freiwilligkeit der Ausreise bezweifelt werden könne.

 

Bundesländer

Sachsen-Anhalt: Anklage wegen Tod in Polizeihaft
Rund zwei Jahre nach dem Tod des Asylsuchenden Oury Jalloh in Polizeihaft in Dessau muss sich ein Polizist wegen Körperverletzung mit Todesfolge verantworten. Das Landgericht Dessau ließ die Anklage zur Hauptverhandlung zu. Jalloh war am 7. Januar 2005 bei einem Brand, den er selbst ausgelöst haben soll, zu Tode gekommen. Der Angeklagte soll den Rauchmelder ignoriert haben.

Sachsen-Anhalt: Brandanschlag auf Asylbewerberunterkunft
Am 7. Januar 2007 haben mutmaßliche Rechtsextreme einen Brandanschlag auf eine Asylbewerberunterkunft in Sangerhausen in Sachsen-Anhalt verübt. Dabei gab es keine Verletzte. In der angegriffenen Wohnung hielt sich zur Tatzeit niemand auf. Bewohnern gelang es, das Feuer zu löschen. Die Polizei nahm wenige Stunden nach dem Anschlag zwei Verdächtige fest.

NRW: Schüler verhindern Abschiebung von Mitschülerin
Etwa 850 Schüler der Friedrich-Ebert-Realschule in Oberhausen haben durch eine Demonstration vor der Ausländerbehörde die Abschiebung einer Mitschülerin verhindert. Die 15jährige, die als Säugling nach Deutschland kam, sollte nach Serbien abgeschoben werden. Angesichts der Demonstration am 20. November 2006 setzte die Ausländerbehörde die Abschiebung zunächst aus.

Niedersachsen: Kantinenstreik beendet
Nach etwa zwei Wochen haben die Bewohner des Ausreisezentrums im Bramsche Anfang Dezember 2006 ihren Kantinenstreik beendet. Das teilte das Netzwerk "NoLager" mit. Mit dem Boykott demonstrierten die Bewohner gegen die Bedingungen in dem Lager. Sie kündigten weitere Proteste an.

Berlin-Brandenburg: Rechtshilfefonds erfolgreich
Der Jesuiten-Flüchtlingsdienst hat eine positive Bilanz des Rechtshilfefonds für Abschiebungshäftlinge gezogen. Im vergangenen Jahr seien über 20 000 Euro an Spenden zusammengekommen. Damit hätte der Jesuiten-Flüchtlingsdienst für 61 Gefangene in Berlin und Brandenburg die Rechtshilfe finanziert. Für 32 von ihnen erstritten Anwälte die Haftentlassung, 18 Personen seien aus der Haft abgeschoben worden. In den übrigen Fällen laufe das Verfahren noch. "Die hohe Zahl der Entlassungen zeigt, dass viele Abschiebungshäftlinge zu Unrecht inhaftiert werden", sagte Martin Stark, Leiter des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes.

Berlin: Spandau plant Ausreisezentrum
Der Berliner Bezirk Spandau plant nach Angaben des Berliner Flüchtlingsrates die Einrichtung eines Ausreisezentrums. Der Spandauer Sozialstadtrat Martin Matz (SPD) bestätigte, dass geduldete Ausländer, die nicht bereit sind, an der Aufklärung ihrer Identität mitzuwirken, in ein bestimmtes Wohnheim eingewiesen werden sollen. Er wies darauf hin, dass sein Vorstoß im Zusammenhang mit der Abschaffung des Chipkartensystems in Spandau stehe.

 

Europa

Rat beschließt Programm für 2007
Der Europäische Rat der Staats- und Regierungschefs hat auf seinem Gipfeltreffen am 14. und 15. Dezember in Brüssel ein Programm für die gemeinsame europäische Migrationspolitik in 2007 beschlossen. Danach sollen unter anderem der Dialog und die Zusammenarbeit mit Herkunfts- und Transitländern verstärkt werden. Dazu zählen die praktische Zusammenarbeit mit afrikanischen Staaten und der Mittelmeerregion sowie die verstärkte Zusammenarbeit bei Rückkehr und Rückübernahmeabkommen. Ferner will der Rat die Migrations- und Entwicklungshilfepolitik verbinden, um Herkunfts- und Transitstaaten zum Aufbau von Aufnahmekapazitäten und zur Entwicklung eines Migrationsmanagements zu ermuntern. Die Kapazitäten der europäische Grenzschutzagentur Frontex sollen massiv erweitert werden.

Schäuble kündigt Kampf gegen illegale Einwanderung an
Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat angekündigt, dass die deutsche Ratspräsidentschaft den gemeinsamen Kampf der EU-Mitgliedstaaten gegen illegale Einwanderung verstärken will. Ferner soll der Druck auf Herkunftsländer verstärkt werden, illegal eingewanderte Staatsangehörige zurückzunehmen. Zusammen mit dem französischen Innenminister Nicolas Sarkozy schlug Schäuble Sanktionen gegen Drittstaaten vor, die nicht ausreichend im Bereich der Rückkehr mit der EU zusammenarbeiten.

UNHCR-Empfehlungen für deutsche Ratspräsidentschaft
UNHCR hat Empfehlungen für die deutsche Ratspräsidentschaft veröffentlicht (9 S., M9365). Darin fordert er Rat und Kommission auf, weiter an der Errichtung eines gemeinsamen europäischen Asylsystems zu arbeiten. Die Mitgliedstaaten sollten dabei sicherstellen, dass die Entscheidungsfindung im Asylverfahren die höchste Qualität erreicht. UNHCR betont ferner die Bedeutung von Resettlement und Integration. Rat und Kommission sollten außerdem eine Diskussion über Änderungen der Dublin II-Verordnung beginnen. Die Empfehlungen beinhalten außerdem Hinweise für ein effektives Grenzregime, das einen angemessenen Schutz für Flüchtlingen sicherstellt.
Pro Asyl kritisierte in einem Positionspapier zur deutschen Präsidentschaft (9 S., M9368). Schäubles Programm folge einer restriktiven Agenda und blende Menschenrechte und Flüchtlingsschutz aus.

Frontex stoppte 3500 Einwanderer vor den Kanaren
Die europäische Grenzschutzagentur Frontex ist zufrieden mit ihrem Einsatz vor den Kanarischen Inseln. Der "Hera" genannte Einsatz kostete insgesamt 3,5 Millionen Euro. Während der ersten Phase zwischen Juni und Oktober 2006 half Frontex den spanischen Behörden bei der Identifizierung von Migranten, die auf den Kanarischen Inseln ankamen. Während der zweiten Phase zwischen August und Dezember patroullierten Küstenboote und Flugzeuge vor den Küsten von Senegal, Mauritanien, Kap Verde und den Kanarischen Inseln. Nach eigenen Angaben griff Frontex dabei 3500 Einwanderer auf.

Wegfall der Grenzkontrollen schon Ende 2007
Der Rat der Innen- und Justizminister hat beschlossen, Ende 2007 die neuen Mitgliedstaaten der EU in das Schengen-System aufzunehmen, wenn sie bis dahin den Schutz der neuen Außengrenzen sicherstellen können. Dazu sollen sie an das bestehende Schengen Informationssystem (SIS I) angeschlossen werden. Die Kommission soll Mitte 2007 beurteilen, ob die neuen Mitgliedstaaten für einen Beitritt zum Schengen-System bereit sind.
Mit dem Beitritt zum Schengen-System würden die Grenzkontrollen an den Binnengrenzen zwischen den alten und neuen Mitgliedstaaten wegfallen.
Ursprünglich sollten die neuen Mitgliedstaaten erst dem Schengen-System beitreten, wenn das Nachfolgesystem des Schengen Informationssystems (SIS II) funktionstüchtig ist. Wegen technischer Probleme wird das voraussichtlich nicht vor Ende 2008 der Fall sein.

Europäische Grundrechte-Agentur beschlossen
Der Rat der Innen- und Justizminister hat auf seiner Sitzung am 4. und 5. Dezember 2006 in Brüssel die Einrichtung einer Europäischen Grundrechte-Agentur beschossen. Die Agentur soll die Einhaltung der Grundrechte in den Mitgliedstaaten überwachen. Ihre Tätigkeit ist aber auf die Rechtsgebiete beschränkt, die vom Gemeinschaftsrecht erfasst werden. Dazu zählen auch der Flüchtlingsschutz sowie Teile des Ausländerrechts.

Ministerrat für Zusammenarbeit mit Herkunfts- und Transitländern
Die Innen- und Justizminister haben sich auf ihrem informellen Treffen in Dresden am 15. Januar 2006 dafür ausgesprochen, enger mit den Herkunftsländern und den Transitländern im Süden und Osten der EU zusammenzuarbeiten. Hierzu sollen so genannten Partnerschaftsabkommen zwischen der EU und einzelnen Drittstaaten ins Auge gefasst werden, teilte das Bundesinnenministerium mit. Ferner wollen die Minister die "positiven Effekte zirkulärer und temporärer Migration" prüfen. Der Schutz der Außengrenzen und der Kampf gegen illegale Migration genieße weiterhin "höchste Priorität".

Verhandlungen über Rückübernahmeabkommen mit Moldawien
Der Ministerrat hat die Kommission ermächtigt, Verhandlungen über ein Rückübernahme- und Visa-Abkommen mit Moldawien aufzunehmen. Die Verhandlungen sollen so schnell wie möglich beginnen, damit beide Abkommen noch vor Januar 2008 in Kraft treten können.

Sammelabschiebung von Düsseldorf
Am 30. November 2006 hat die Bundespolizei im Rahmen eines europäischen Projekts 35 Personen von Düsseldorf aus nach Togo und Kamerun abgeschoben. Die abgeschobenen Personen kamen aus Deutschland, Spanien, Frankreich, Polen, Luxemburg und der Schweiz. Das teilte das Bundesinnenministerium mit. Im ersten Halbjahr 2007 sind noch zwei weitere Sammelabschiebungen unter deutscher Federführung geplant.

Kommission plant europäische Green-Card
Die Kommission will die Einführung eines europäisches Green-Card-Systems, das hochqualifizierten Drittstaatsangehörigen die Erwerbstätigkeit in allen Mitgliedstaaten der EU ermöglicht. Es wird erwartet, dass die Kommission einen entsprechenden Vorschlag in der zweiten Jahreshälfte vorlegen wird. Allerdings haben sich mehrere Mitgliedstaaten, darunter Deutschland, bislang gegen eine europäische Regelung der Einwanderung in den Arbeitsmarkt ausgesprochen.

IOM-Handbuch zur freiwilligen Rückkehr
Die Internationale Organisation für Migration (IOM) hat ein Handbuch zur freiwilligen Rückkehr veröffentlicht. Damit will IOM zur Entwicklung von gemeinsamen europäischen Standards bei der freiwilligen Rückkehr beitragen. Das Handbuch ist auf der niederländischen IOM-Internetseite www.iom-nederland.nl erhältlich.

Spanien: Mindestens 6000 Tote vor den Kanaren

Im Jahr 2006 kamen nach Schätzungen der spanischen Behörden mindestens 6000 Flüchtlinge beim Versuch ums Leben, die Kanarischen Inseln zu erreichen. Das berichtete die Junge Welt am 5. Januar 2007. Im gleichen Zeitraum erreichten über 30 000 Personen die Küsten der Inseln.

Spanien: Bericht über Menschenrechte an der Südgrenze
Die spanische Flüchtlingsorganisation Asociación Pro Derechos Humanos de Andalucía (APDHA) hat einen Bericht über die Situation von Flüchtlingen an der Südgrenze im Jahr 2006 vorgelegt (46 S., M9360, span.; dt. Zusammenfassung von Kerstin Böffgen: 3 S., M9361). Danach hat APDHA allein 1167 Todesfälle an der Südgrenze dokumentiert, die Dunkelziffer schätzt die Organisation auf 7000. Die Zahl von Festnahmen habe sich auf über 47 000 verdreifacht.
APDHA kritisiert außerdem die Menschenrechtslage in Drittstaaten, insbesondere Marokko. Trotz zahlreicher dokumentierter Menschenrechtsverletzungen gegen Flüchtlinge schiebe Spanien weiter dorthin ab.
Nach Angaben von APDHA gibt es in Spanien zehn offizielle Internierungslager für Flüchtlinge, die meisten auf den Kanaren und in Andalusien. Hinzu kämen inoffizielle Lager mit katastophalen Zuständen. Menschenrechtsorganisationen und das Rote Kreuz hätten keinen Zugang zu den Gefangenen in inoffiziellen Lagern.

Schweiz: Guineische Delegation
Zwischen dem 1. und 9. November 2006 hat sich eine Delegation aus Guinea in der Schweiz aufgehalten, um guineische Staatsangehörige zu identifizieren. Leiter der Delegation war N'Faly Keita, der bereits ähnliche Delegationen in Hamburg und Dortmund führte. Das berichtete der Flüchtlingsrat NRW in seinem Schnellinfo 1/2007. Keita war von einigen Personen, die seiner Delegation in Dortmund vorgeführt wurden, als Schlepper identifiziert worden, der ihnen die Ausreise nach Deutschland ermöglicht hatte. Auch soll er einigen Personen angeboten haben, sie gegen Zahlung von 1000 Euro nicht als Guineer zu identifizieren. Ermittlungen der Staatsanwaltschaft in Dortmund laufen.

Slowakei: Längerer Aufenthalt im Asylverfahren
Das slowakische Parlament hat beschlossen, dass sich Asylsuchende bis zu einem Jahr im Land aufhalten dürfen, während ihr Asylverfahren läuft. Die Frist kann verlängert werden. Bislang war Asylsuchenden der Aufenthalt nur für ein bis sechs Monate gestattet. Mit der Gesetzesänderung will die Slowakei europäische Vorgaben umsetzen.

Niederlande: Verdonk verliert Zuständigkeit für Asyl
Die niederländische Ministerin Rita Verdonk hat die Zuständigkeit für Asyl und Einwanderung an Justizminister Ernest Hirsch Ballin verloren. Damit reagierte Regierungschef Jan Peter Balkenende auf zunehmende Kritik an Verdonk wegen ihres harten Kurses in der Flüchtlingspolitik. So hatte sie sich geweigert, einen Beschluss des Parlaments für einen Abschiebungsstopp für Altfälle umzusetzen.

 

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