Cote d'Ivoire
Seit dem 19. September 2002 fliehen Tausende von
Menschen, aus der Republique de la Cote d´Ivoire. Es sind vor allem
Einwanderer, die selbst oder deren Eltern ursprünglich den
Nachbarländern Cote d´Ivoires, Burkina Fasos, Ghanas, Malis, Guineas
und einigen anderen, entstammen. Sie fliehen vor den gewaltsamen
Auseinandersetzungen zwischen den Regierungstruppen von Präsident
Gbagbo und den Rebellenbewegungen Mouvement patriotique de Cote
d´Ivoire (MPCI), Mouvement pour la justice et la paix (MJP) und dem
Mouvement populaire ivorien du grand-ouest (MPIGO). Sie fliehen vor
den Angriffen auf ihr Leben und auf ihren Besitz und sie fliehen,
weil sie auf Grund ihrer fremden Nationalität als Ursache und Kern
des aktuellen Konfliktes verantwortlich gemacht werden. Die
Ausschreitungen gegen Menschen sichtbar anderer Nationalität
begannen mit Drohungen und gewaltsamen Übergriffen auf ihr Leben,
sie setzten sich fort in der Zerstörung und dem Verlust ihres
Besitzes, sie führten schließlich zum Tod vieler Menschen und sie
verfestigten bei den Überlebenden schließlich den Eindruck, in dem
Land, das ihnen eine so lange Zeit über Heimat gewesen war, nicht
mehr erwünscht zu sein. Verantwortlich für die zahlreichen, schweren
und schwersten Menschenrechtsverletzungen sind Angehörige der
Sicherheitskräfte der Regierung von Präsident Laurent Gbagbo. Die
"Heimatstaaten" der so genannten "Fremden" sind es, die versuchen,
ihre Bürger vor weiteren Diskriminierungen und tödlichen Übergriffen
zu bewahren, indem sie die Menschen mit Bussen auf Umwegen
zurücktransportieren. Wie und ob die betroffenen Länder mit dieser
Situation umgehen werden, dürfte von nicht unwesentlicher Bedeutung
für die weitere Entwicklung der gesamten Region sein. Gelingt es
nicht, die Rückkehrer wirtschaftlich und sozial zu integrieren,
könnte die gesamte Region geschwächt und zu einem weiteren
Konfliktherd werden.
Über 30 Jahre lang galt Cote d´Ivoire als Bastion
politischer Stabilität und ökonomischen Wachstums, als führendes
Land des frankophonen Afrika. Von der Unabhängigkeit am 7. 8. 1960
bis 1993 angeführt von Houphouet- Boigny, verzeichnete das Land ein
jährliches Wirtschaftswachstum von sieben Prozent und erreichte 1980
mit einem durchschnittlichen Einkommen von US$ 1,150 das höchste
Pro-Kopf- Einkommen Westafrikas. Nicht nur Ivorer profitierten von
dieser positiven wirtschaftlichen Entwicklung. Auch die Bewohner
ärmerer Nachbarstaaten sahen für sich selbst eine Chance auf Arbeit
und wirtschaftlichen Wohlstand und wanderten in das Land an der
Nordwestküste Afrikas ein. Cote d´Ivoire zog nicht nur
Arbeitsmigranten an. Das Land wurde auch zum Zufluchtsort für viele
Flüchtlinge aus den durch bewaffnete Konflikte zerstörten Ländern
der Sub-Region (u.a. Sierra Leone, Nigeria und Liberia) (vgl.: IRIN
vom 26.09.2002).
Immigration und Staatsangehörigkeit
Die letzte Volkszählung in Cote d´Ivoire aus dem
Jahre 1998 (veröffentlicht 2001) ergab eine Gesamtbevölkerung von
15. 366. 672 Menschen, unter ihnen 4. 000.047 Ausländer.
Ursprünglich stammten etwa 2,3 Millionen Menschen aus Burkina Faso,
ca. 800 000 kamen aus Mali, um die 230 000 Menschen wanderten aus
Guinea nach Cote d´Ivoire ein, 133 000 sind ghanaischer Herkunft und
jeweils ca. 100 000 Menschen haben ihre Wurzeln in Niger, Benin und
Nigeria.
Das Land zählt insgesamt 60 verschiedene Ethnien.
Die Zahl der ausländischen Einwohner stieg von 1988 bis 1998 um ca.
1 Million, wobei der Anteil an der Gesamtbevölkerung von 28 auf 26
Prozent fiel. Der Anteil der Ausländer ist in den Kakaoregionen des
Landes am höchsten (vgl.: UNHCR Emergency & Security Service.
Writenet Paper No.13/2002: Cote d´Ivoire: Continues Crisis und taz
vom 4.11.2002).
Die Einwanderer kamen auf "Einladung" des
Staatsgründers Felix Houphouet – Boigny in den 70er und 80er-Jahren
nach Côte d'Ivoire, um als Gastarbeiter auf den Kakao-Plantagen des
Landes zu arbeiten. Die Kakao-Anbaugebiete machen mit etwa einem
Drittel aller Exporte (dieser Anteil entspricht einem Wert von 840
Millionen US$ Umsatz im Jahr), den wichtigsten Zweig der ivorischen
Wirtschaft aus. Gleichzeitig war Cote d´Ivoire, bis zum Fall der
Kakaopreise in den 1980er Jahren, mit 40 Prozent der Ernte der
größte Kakaoproduzent weltweit (vgl.: FAZ vom 13.11. 2002 und UNHCR
Writenet). Schon damals erhoben sich einzelne Stimmen, die die
Gastarbeiter aus Burkina Faso für den wirtschaftlichen Einbruch
verantwortlich machten (vgl.: FR vom 10.10.2002).
Die Hauptursache der Ausschreitungen und
Ressentiments gegenüber Menschen sichtbarer oder vermuteter fremder
Nationalität, ist die immer noch nicht abschließend geklärte Frage
der ivorischen Staatsangehörigkeit. Die erste Verfassung der Côte
d´Ivoire von 1960 bildete die rechtliche Grundlage eines neuen,
unabhängigen Staates. Sie enthielt auch das Recht eines jeden
Menschen, nach fünfjährigem Aufenthalt in Cote d´Ivoire die
ivorische Staatsbürgerschaft annehmen zu können. Sie sollte unter
dieser Voraussetzung unabhängig von der Herkunft der Vorfahren
erworben werden können (vgl.: Le Monde diplomatique vom 18.
11.2002). Die Auseinandersetzungen konzentrieren sich deshalb vor
allem auf die Frage, wer die Zugehörigkeit zur so genannten
"Ivorité" für sich in Anspruch nehmen darf.
Alle politischen Führer des Landes (bisher waren es
ausschließlich christlich geführte Regierungen) haben dieses
wichtige, in der Verfassung verbriefte Recht in der Realität nicht
umgesetzt. Die christlichen Regierungen befürchten, an politischer
Macht und Einfluss zu verlieren, wenn sie einer Bevölkerungsgruppe
das Wahlrecht zugestehen würden, die auf Grund ihrer kulturellen und
historischen Affinitäten eher einen aus dem Norden des Landes
stammenden Kandidaten wählen würde. Denn Nordivorer und die
mehrheitlich aus Burkina Faso stammenden Einwanderer haben
gemeinsame Wurzeln: ihre Vorfahren entstammen dem früheren Obervolta
(heute: Burkina Faso), das von 1932 –1945 administrativer Teil von
Cote d´Ivoire war. Das heutige Burkina Faso trug bis zu seiner
Abspaltung von Cote d´Ivoire durch die Franzosen im Jahr 1945 noch
den Namen Haute Cote d´Ivoire (1904-1945) (vgl.: The New York Times
vom 2.10.2002 und FR vom 22.12.1998 + 4.11.2002, Le Monde
diplomatique vom 17.11.2002 und taz vom 4.11.2002).
Die Wurzeln der aktuellen politischen
Auseinandersetzungen um die Ivoirité liegen im Jahr 1993. In diesem
Jahr starb der Staatsgründer und Präsident Felix Houphouet-Boigny.
Der als Parlamentspräsident amtierende Henri Konan Bédié von der
Parti democratique de Cote
d´Ivoire (PDCI) erklärte sich nach dem Tod
des Präsidenten zu seinem Nachfolger.
Diese Entscheidung traf er zwar in
Übereinstimmung mit den verfassungsrechtlichen Bestimmungen. Als
eigentlicher Nachfolger wurde jedoch Alassane Ouattara, damals
Premierminister, angesehen.
Ouattara erklärte nach der Machtübernahme Bédiés
seinen Rücktritt und verließ Cote d´Ivoire. Seine Anhänger gründeten
1994 in seiner Abwesenheit eine neue politische Partei: das
Rassemblement des Républicains
(RDR). Dieses wird vor allem von Nordivorern
und Einwanderern unterstützt.
Staatsstreich 1999, Wahlen 2000 und in diesem
Zusammenhang begangene Menschenrechtsverletzungen
Am 24. Dezember 1999 wurde die Regierung Bédié durch
einen Staatsstreich gestürzt. Initiiert und ausgeführt hatten ihn
Soldaten, die zunächst als Meuterer auftraten, sich dann aber hinter
General Robert Guei stellten und ihn seinerseits bei der
Machtübernahme unterstützten (vgl.: NZZ vom 20.09.2002). Guei
übernahm die Macht und den Vorsitz einer Übergangsregierung, der
Vertreter der wichtigsten politischen Parteien angehörten. Die
Militärregierung stellte im Juli 2000 eine Verfassung vor, die von
der Bevölkerung in einem Referendum bestätigt und angenommen wurde.
Das Referendum enthielt u.a. die Voraussetzungen für eine mögliche
Präsidentschaftskandidatur. Danach durften nur Kandidaten, deren
beide Elternteile Ivorer sind und die Zeit ihres Lebens keine andere
Staatsbürgerschaft als die ivorische besessen haben, zu den Wahlen
zugelassen werden. Eine Folge dieser Regelung war eine öffentliche
Diskussion über die Staatsangehörigkeit Alassane Ouattaras. Er
sollte von einer Kandidatur für die anstehenden
Präsidentschaftswahlen ausgeschlossen werden, da seine Eltern
gebürtige Burkinabes seien. Der Oberste Gerichtshof (in seinen
Urteilen keinesfalls unabhängig, sondern eher General Guei nahe
stehend) entschied schließlich, ihm die Teilnahme an den
Präsidentschaftswahlen im Oktober 2000 und den Parlamentwahlen im
Dezember 2000 zu verweigern, da er seine rein ivorische Abstammung
nicht glaubhaft machen konnte und damit die erforderlichen Kriterien
nicht erfüllte. Vierzehn weitere Kandidaten wurden ebenfalls auf
Grundlage des Referendums von den Wahlen ausgeschlossen.
In den Monaten nach der Machtübernahme durch General
Guei kam es zu schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen, für die
vor allem Angehörige der Sicherheitskräfte verantwortlich waren.
Nach Informationen von amnesty international etablierten
verschiedene Gruppen von Militärangehörigen, wie z.B. La Camora und
die Roten Brigaden, in der Überzeugung, über den Gesetzen zu stehen,
ein paralleles Justizsystem, das maßgeblich zum Legitimationsverlust
und zur Marginalisierung der legalen rechtlichen Institutionen
beitrug.
Es gelang ihnen, mit einfachen wie grausamen
Methoden die Geltung der Gesetze abzuschwächen und ein Klima der
Angst zu erzeugen, dem sich nur Wenige zu entziehen vermochten.
Hinrichtungen wurden zum Teil öffentlich vollzogen, missliebige
Journalisten willkürlich verhaftet und misshandelt und Rechtsanwälte
und Richter wurden unter Druck gesetzt
Die Wahl zum Präsidenten im Oktober 2000 gewann
schließlich Laurent Gbagbo von der ivorischen Volksfront
-Front Populaire Ivoirien
-FPI. Zwar versuchte General Robert Guei das
Ergebnis zu seinen Gunsten zu korrigieren und ließ sich, nachdem
Regierungstruppen gewaltsam einige Wahlbüros besetzt hatten, zum
Wahlsieger und Präsidenten ausrufen. Diese eigenmächtige
Machtübernahme währte jedoch nur kurz, denn die Anhänger Gbagbos,
dessen Wahlsieg bei geringer Wahlbeteiligung mit 59,36 Prozent der
Stimmen vier Tage nach der Wahl bestätigt wurde, protestierten u.a.
vor dem Präsidentenpalast und forderten seinen Abgang. Unterstützt
wurden sie in ihren Forderungen von Polizei und Armeeführung, die
sich beide hinter den FPI-Kandidaten Gbagbo stellten.
In dieser Zeit wurden vor allem Demonstranten Opfer
von Menschenrechtsverletzungen. Am 24. Oktober 2000 wies General
Guei die Sicherheitskräfte an, Feuer auf diejenigen Demonstranten zu
eröffnen, die ihn friedlich aufriefen, die Ergebnisse der Wahlen zu
respektieren. Auch Demonstranten, die sich auf dem Gelände der
Reparaturwerft Caren in Abidjan in eine Grube flüchteten, wurden
beschossen. Später fand man dort die Leichen von 20 Männern und
Frauen, einige von ihnen wiesen Schusswunden auf.
Auch die Anhänger Ouattaras protestierten gegen das
Wahlergebnis und gegen den Ausschluss ihres Kandidaten. Sie
bezeichneten die Wahlen als ungültig und forderten Neuwahlen unter
Beteiligung Ouattaras. Mit ihren Forderungen wurden sie auch Ziel
organisierter FPI-Anhänger, die, im Zusammenschluss mit Einheiten
der Sicherheitskräfte, Moscheen angriffen und sie niederbrannten.
Ausdrücklich forderten sie den Tod Ouattaras. Dieser flüchtete sich
vor den Angriffen unter den Schutz der deutschen Botschaft.
Zahlreiche mutmaßliche Sympathisanten der RDR wurden
schließlich am 24. und 25. Oktober 2000 von der Gendarmerie in
Abidjan verhaftet. Später fand man in einem Massengrab im Stadtteil
Youpougon im Norden der Stadt 57 Leichen. Zwei Überlebende
berichteten, dass die Festgenommenen zu einer Kaserne der
Gendarmerie in Abobo im Norden Abidjans gebracht wurden. Dort hätte
man die meisten von ihnen ermordet. Die wenigen Überlebenden hätten
die Leichen auf einen LKW laden müssen, der zu einem brachliegenden
Gelände nach Youpougon gefahren sei. Um sicherzustellen, dass
niemand überlebt habe, gaben die Sicherheitskräfte nach Aussagen der
beiden Zeugen mehrere Schüsse ab. Die Opfer wurden anschließend
begraben. Gegen acht Gendarmen wurden Untersuchungen eingeleitet.
Sie wurden jedoch im August 2001 trotz Ermittlungen unabhängiger
Organisationen, unter ihnen auch amnesty international, die die
Verantwortlichkeit der Gendarmen nachweisen konnten, von der Anklage
des Mordes und des Totschlags freigesprochen. Die verantwortlichen
Stellen begründeten die Einstellung des Verfahrens mit der
mangelhaften Beweislage.
Nach diesen Massenprotesten, die einige Todesopfer
forderten, kapitulierte Guei und übergab die Macht an den gewählten
Präsidenten.
Im Vorfeld der Parlamentswahlen vom Dezember 2000
kam es erneut zu Zusammenstößen zwischen demonstrierenden RDR-
Anhängern und den Sicherheitskräften. Präsident Gbagbo rief den
Ausnahmezustand aus und ließ, obwohl RDR-Anhänger die Bevölkerung
dazu aufriefen, die Wahl zu boykottieren und ungeachtet zahlreicher
Appelle, die Wahl zu verschieben, die Wahlen abhalten. Am 4. und 5.
Dezember 2000 wurden Hunderte von Menschen auf Grund ihres Protestes
gegen den Ausschluss ihres Kandidaten Ouattara, festgenommen. Nach
Ansicht von amnesty international handelte es sich bei einigen der
Verhafteten um gewaltlose politische Gefangene, die ausschließlich
wegen ihrer Unterstützung der RDR oder wegen ihrer ethnischen
Zugehörigkeit festgenommen wurden. Eine Delegation von amnesty
international besuchte im Dezember 2000 Untersuchungshäftlinge in
der Polizeiakademie von Abidjan. Die meisten von ihnen wiesen
sichtbare Spuren von Verletzungen und Verbrennungen auf, und viele
erklärten, sie seien in ein Feuer geworfen oder mit Gürteln und
Knüppeln geschlagen worden. Einige Frauen wurden nach ihrer
Festnahme von der Polizei Gegnern der RDR übergeben, die sie in
Anwesenheit zahlreicher Zeugen vergewaltigten. Nachdem amnesty
international ihre Anliegen öffentlich machte, ordnete
Staatspräsident Gbagbo eine Untersuchung an. Die Untersuchung kam zu
dem Ergebnis, dass die Vergewaltigungen stattgefunden haben. Der
Präsident erklärte zwar, die Täter würden bestraft, bisher sind aber
keine unabhängigen Ermittlungen aufgenommen wurde, um die
Verantwortlichen vor Gericht zu bringen.
In einigen nördlichen Wahlkreisen konnte nicht
gewählt werden. Sieger der Wahlen wurde die FPI.
2001: Menschenrechtsverletzungen trotz
politischer Entspannung
Die politische Lage war trotz einiger Unruhen nach
einem angeblichen Putschversuch im Januar 2001 das Jahr über weniger
angespannt. Im März 2001 wurden Kommunalwahlen abgehalten, die
friedlich verliefen und an denen sich auch die Oppositionspartei RDR
beteiligte. Am 18. und 29. März 2001 trafen sich Präsident Gbagbo
und der Vorsitzende der RDR, Ouattara, zu gemeinsamen Gesprächen mit
dem togoischen Präsidenten Eyadema in Togo. Beide Seiten sprachen
bei diesem Treffen von einer Annäherung und Versöhnung.
Hoffnungen für eine Konsolidierung der Verhältnisse
in Cote d´Ivoire verbanden sich auch mit der Versöhnungskonferenz,
die am 9. Oktober 2001 in Abidjan abgehaltenen wurde. Obwohl alle
drei Kontrahenten von Präsident Gbagbo,- Ex-Staatschef Guei, der
frühere Präsident und Vorsitzende der PDCI, Henri Konan Bédié und
der Vorsitzende der RDR, Ouattara, teilnahmen, ergaben sich keine
konkreten Versöhnungsfortschritte. Der Runde Tisch, eingerichtet um
nach Lösungen für die ethnischen und politischen Probleme des Landes
zu suchen, sprach sich lediglich dafür aus, Alassane Ouattaras
ivorische Staatsangehörigkeit anzuerkennen (vgl.: taz vom
21.12.2001). Ivorische Ausweispapiere erhielt Ouattara im Juni 2002
(vgl.: FAZ vom 1.07.2002).
Die entspannte politische Situation konnte jedoch
nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch 2001 keine Anstrengungen
unternommen wurden, die zahlreichen Menschenrechtsverletzungen der
letzten Jahre zu untersuchen. Zudem kam es zu ersten
Auseinandersetzungen zwischen Ivorern und Einwanderern. Die
Zusammenstöße entzündeten sich an der Frage, ob Immigranten das
Recht besitzen, Land ihr Eigen zu nennen. Diese strittige Frage
betraf vor allem die Einwanderer aus Burkina Faso. Zwar forderten
die Behörden, den Disput zu beenden. Ihre Mahnungen konnten jedoch
den Tod zahlreicher Menschen genauso wenig verhindern, wie die
Rückkehr von etwa 1000 Burkinabes in ihre Heimat.
Ungeachtet der ruhigeren innenpolitischen Lage gab
es auch 2001 Festnahmen von Anhängern und Politikern der
RDR. Die
Festgenommenen blieben oft monatelang in Haft, bevor sie
freigelassen wurden. Der außenpolitische Berater der RDR, Jean-
Jaques Bechio, wurde beispielsweise im Januar 2001 ohne Haftbefehl
unter dem Vorwand festgenommen, er habe eine Verschwörung geplant,
weil in seinem Haus Waffen gefunden wurden. Nach drei Monaten Haft
wurde er im Mai 2001 zwar aus der Haft entlassen. Er scheint aber
weiter unter Anklage zu stehen.
Zwei führende RDR- Politiker, unter ihnen auch der
Sprecher der Partei, Ali Coulibaly, wurden im Juli 2001 von dem
Vorwurf der "Mittäterschaft bei der Zerstörung privaten und
öffentlichen Eigentums und der Gefährdung der öffentlichen Ordnung"
freigesprochen. Man hatte sie im Dezember 2000 festgenommen und fünf
Monate in Haft gehalten.
2002: Rebellion und Eskalation
Die Phase relativer Ruhe fand im September 2002 ein
jähes Ende, als am 19. des Monats Einheiten der Streitkräfte in den
drei Städten Abidjan, Korhogo und Bouaké meuterten. Die
Aufständischen übernahmen die Kontrolle über die Städte Bouaké und
Korhogo und dehnten ihre Herrschaft rasch über den nördlichen Teil
des Landes aus.
Es wurde jedoch recht schnell deutlich, dass es sich
nicht um einen kurzfristigen Aufstand von Soldaten handelte. Die
Aufständischen selbst bezeichneten sich als Mouvement patriotique de Cote d´Ivoire – Patriotische Bewegung der Elfenbeinküste (MPCI). Ziel und
Absicht ihres Aufstandes war es, den Rücktritt Präsident Laurent
Gbagbos zu erreichen, um im Anschluss an die Ernennung eines
Übergangspräsidenten freie und faire Neuwahlen abzuhalten. Der aus
dem Norden der Côte d'Ivoire stammende Alassane Ouattara erklärte
mehrmals, nichts mit den Aufständischen zu tun zu haben und begab
sich, nachdem aufständische Gbagbo- Anhänger sein Haus
niederbrannten, unter den Schutz der französischen Botschaft (vgl.:
BerZ vom 7.10.2002 und taz vom 17.10.2002).
Mouvement patriotique de Cote d´Ivoire
(MPCI)
Die Mouvement patriotique de Cote d´Ivoire (MPCI)
wird seit Oktober 2002 offiziell von Guillaume Soro Kigbafori, dem
ehemaligen Studentenführer der ivorischen Studentengewerkschaft
FESCI (Schüler –und Studentenbund der Elfenbeinküste), angeführt.
Soro repräsentierte während der Regierungszeit Bédiés (bis
Weihnachten 1999) die gleiche politische Richtung wie sein heutiger
Gegner Gbagbo.
Die FESCI verband mit den damaligen
Oppositionsparteien FPI und RDR der gemeinsame Wunsch nach dem Sturz
Bédiés. Bereits damals spalteten sich die Anhänger der FESCI in FPI
und RDR- Sympathisanten. Soro verließ die FESCI und kandidierte
2000, obwohl bereits zum diesem Zeitpunkt Anhänger der Partei
Alassane Ouattaras verfolgt wurden, für die RDR und damit gegen die
Politik Gbagbos, in der er die Fortführung einer Politik ethnischer
Spaltung sah, wie sie bereits von Bédié praktiziert wurde. Nachdem
man ihn eines Putschversuches gegen den Präsidenten bezichtigt
hatte, floh er zusammen mit RDR- nahen Militärs bis zu seiner
Rückkehr als Rebellenführer nach Burkina Faso.
Während der Kämpfe um den 19. September 2002 wurden
zahlreiche Menschen getötet, unter ihnen auch der Ex-Staatschef
Robert Guei und seine Frau Rose Guei. Nach Informationen von amnesty
international ist davon auszugehen, dass Robert Guei und seine Frau
Rose von Angehörigen der Sicherheitskräfte der Regierung extralegal
hingerichtet wurden: Guei verließ am Morgen des 19. September 2002
sein Haus, um in der Kathedrale von Abidjan um Schutz nachzusuchen.
Als er jedoch keinen Einlass fand, suchte er Schutz in der Nähe.
Gegen sieben Uhr fanden ihn Angehörige der Sicherheitskräfte und
erschossen ihn. Seine Frau Rose Guei, die sich zusammen mit anderen,
Guei nahe stehenden Personen, in der Nähe versteckte, wurde am
selben Tag gegen 14 Uhr von Sicherheitskräften entdeckt. Bevor man
Rose Guei tötete, schlug man ihr ins Gesicht und ließ sie
anschließend in einem Straßengraben liegen. Weitere acht Personen,
unter ihnen Hauptmann Fabien Coulibaly und der Chauffeur der
Familie, Georges Kouassi, die sich beide zum fraglichen Zeitpunkt in
Gueis Haus aufhielten, wurden gegen 13 Uhr verhaftet, an
verschiedene Orte gebracht und dort getötet.
Seit November 2002 operieren in einigen westlichen
Landesteilen die beiden Rebellenbewegungen Mouvement pour la justice et la paix (MJP) und das Mouvement populaire ivorien du
grand-ouest (MPIGO), die nach eigenen
Angaben unabhängig vom Mouvement partiotique de Cote d´Ivoire (MPCI)
handeln. Sie seien vielmehr Anhänger des am 19. September 2002
getöteten Ex-Präsidenten Guei. Beide Gruppen bewegen sich im Westen
des Landes, in der Grenzregion zu Liberia.
Flüchtlinge und Rückkehrer
Der Vorwurf der ivorischen Regierung, das
Nachbarland Burkina Faso trüge maßgeblich die Verantwortung für die
Aufstände, führte zu gewaltsamen Ausschreitungen gegenüber allen als
Ausländer betrachtete Personen. Zehntausende von Gastarbeitern aus
Niger, Mali, Guinea und Burkina Faso verließen Cote d´Ivoire in den
folgenden Wochen und Monaten, weil sie wiederholt bedroht und
misshandelt wurden und sie durch die Zerstörung ihrer Unterkünfte
obdachlos geworden waren. Insbesondere die Elendsviertel Abidjans
sind Ziel dieser Operationen, da sie von den Sicherheitskräften als
Unterschlupf für Regierungsgegner.
Zeugen aus unterschiedlichen Stadtteilen berichteten
amnesty international von der Zerstörung ihrer Häuser und der
Beschlagnahmung ihres Besitzes, aber auch von physischer
Gewaltanwendung durch die Sicherheitskräfte.
Zwar befahl Präsident Gbagbo in einer Radio –und
Fernsehansprache am 8. Oktober 2002, die Zerstörung der
Elendsviertel zu stoppen und rief dazu auf, die Attacken gegen
Fremde zu beenden. Aber auch diese Ansprache verhinderte weitere
Ausschreitungen von Sicherheitskräften gegenüber Nicht-Ivorern
nicht.
Die staatlichen Medien sind maßgeblich
mitverantwortlich für die fremdenfeindliche Stimmung. Bereits wenige
Tage nach dem Ausbruch des Aufstandes sah das staatliche Fernsehen
in Übereinstimmung mit weiten Teilen der Bevölkerung die
Verantwortlichkeit für die Situation bei den vor allem aus Burkina
Faso stammenden Gastarbeitern und forderte ihre Ausweisung (vgl.:
NZZ vom 8.10.2002). Patriotische und nationalistische Töne
beherrschten weite Teile der Medienlandschaft.
Der TV-Sprecher eines staatlichen Senders warb
beispielsweise um die Einigkeit des Volkes, da das Land angegriffen
würde und nur eine massive Mobilisierung den Sieg bringen könne
(vgl.: taz vom 28.10.2002). Zudem demonstrierten Anfang November
2002 mehrere Tausend Menschen, begleitet von Losungen wie " Ich bin
ausländerfeindlich- na und?", in den Straßen Abidjans. Die
Journalistenvereinigung "Reporter ohne Grenzen" (RoG) sprach in
einer Stellungnahme von einer medienpolitischen Zweiteilung des
Landes. Ein Teil der Medien, so RoG, verwandle sich in "rassistische
Hassblätter", während gleichzeitig wichtige ausländische Sender wie
BBC, Radio France Internationale und Africa No.1 frühzeitig
abgeschaltet worden seien und ausländische Korrespondenten Angriffen
und Festnahmen ausgesetzt waren. Redaktionen einiger einheimischer
Zeitungen und Radios wurden von Verwüstungen ebenfalls nicht
verschont (vgl.: taz vom 8.11.2002).
Der Wunsch vieler Einwanderer, dass Land zu
verlassen, wurde von ihren Regierungen durch umfangreiche
Repatriierungsmaßnahmen unterstützt. Burkina Faso, Niger, Benin und
Ghana haben ihre Staatsangehörigen zum überwiegenden Teil
repatriiert. Insgesamt sind mittlerweile mehrere Tausend Personen in
die benachbarten Heimatländer zurückgekehrt. Zusammen mit anderen
Organisationen versucht das Flüchtlingskommissariat der Vereinten
Nationen- UNHCR - die Situation durch Hilfsleistungen zu
stabilisieren. Die anhaltenden Rückkehrerströme scheinen selbst
düsterste Prognosen über die Anzahl der Flüchtlinge und intern
Vertriebenen zu bestätigen.
Friedensgespräche und weiterer Konfliktverlauf
Am 18.10.2002 um 00.00 Uhr trat ein
Waffenstillstandsabkommen zwischen den Konfliktparteien in Kraft
(vgl.: IRIN vom 11.11.2002). Friedensverhandlungen fanden in Lomé,
der Hauptstadt Togos, statt. Die Verhandlungen leitete der Präsident
Togos, Eyedema. Eine Gruppe Abgesandter der afrikanischen
Regionalorganisation Economic Community of West African States
(ECOWAS) unter der Führung des Chefunterhändlers Ibn Chambas
begleitete die Verhandlungen (vgl.: FAZ vom 20.10.2002, NZZ vom
18.und 27.10. 2002). Die Regierung Cote d´Ivoires wurde vertreten
durch ein Team des Economic and Social Councils unter der Führung
Laurent Dona Fologos. Die Delegation repräsentierte Vertreter aller
an der Koalitionsregierung Gbagbos beteiligten Parteien, wie auch
Angehörige der Streitkräfte, der Gendarmerie, Polizei und
Zivilgesellschaft (vgl.: IRIN vom 29.10.2002). Überwacht wurde das
Waffenstillstandabkommen von Angehörigen der französischen
Streitkräfte. Ihr Auftrag setzte sich aus zwei Teilen zusammen: zum
einen sollten sie den Waffenstillstand überwachen. Zum anderen war
es ihre Aufgabe, die im Land lebenden Franzosen und Ausländer zu
schützen. Auf absehbare Zeit ist geplant, sie durch Truppen einer
West African Regional Force zu ersetzen. Als befreundete Schutzmacht
ist die französische Armee seit der Unabhängigkeit Cote d´Ivoires im
Land stationiert.
Ungeachtet der Friedensbemühungen im Rahmen eines
formalen Waffenstillstandsabkommens, kam es weiterhin zu gewaltsamen
Ausschreitungen. Sie richteten sich zunächst anscheinend
ausschließlich gegen Personen, die der Sympathie mit der MPCI
verdächtigt wurden.
Als Regierungstruppen im Oktober 2002 die im Westen
des Landes gelegene Stadt Daloa von Rebellen zurückeroberten, wurden
mind. 50 Zivilisten von Personen in Kampfanzügen extralegal
hingerichtet. Bei den Ermordeten handelte es sich um Ivoirer mit
moslemischem Namen (moslemische Dioula) und um Staatsbürger aus den
Nachbarländern, vor allem aus Mali, Burkina Faso und Guinea. Sie
wurden pauschal der Unterstützung der MPCI verdächtigt.
Die Regierung hatte zwar eine Untersuchung der
Vorfälle in Daloa angekündigt, nachdem die ivorischen Behörden die
Tötungen eingeräumt aber behauptet hatten, dass die
Sicherheitskräfte für die Vorfälle nicht verantwortlich seien. Diese
Ankündigung wurde allerdings nicht in die Tat umgesetzt und die
Täter blieben bisher straflos.
Anfang November 2002 wurde der Arzt Benoit Dakoury-
Tabley von Uniformierten aus seiner Arztpraxis abgeführt und zwei
Tage später, von zahlreichen Kugeln getötet, im Stadtteil
Abobo/Abidjan aufgefunden.
Zuvor hatte sein älterer Bruder Louis
Dakouty-Tabley, ein ehemaliger Führer der FPI, sich in einem in
Paris veröffentlichten Kommunique als außenpolitischer Sprecher der
MPCI erklärt. Die Regierung Gbagbo wies die Verantwortung für den
Tod Dakouty- Tabley von sich und verdächtigte ihrerseits die
Rebellen die Tat begangen zu haben (vgl.: taz vom
11.11.2002).
Mitte Dezember 2002 wurde ein erneutes Massaker an
Rebellenangehörigen bekannt und bestätigt. Französische Truppen
gingen Hinweisen aus der Bevölkerung des Ortes Moloko- Zohi im
Westen der Côte d'Ivoire nach und fanden ein etwa 30 Meter langes
Massengrab mit 120 Toten. Zwar versuchte ein Armeesprecher der
Regierung die Verantwortung zunächst den Rebellen zuzuweisen. Er gab
jedoch nach dem Bekanntwerden von immer mehr Einzelheiten die
Verantwortlichkeit der Regierungstruppen zu. Der Verlauf der
Ereignisse konnte von Journalisten vor Ort recherchiert werden. Nach
ihren Erkenntnissen wurde, nachdem der Waffenstillstand zwischen
Rebellen und der Regierung am 27. November 2002 zusammenbrach, das
Dorf von Regierungsangehörigen besetzt. Sechs gekennzeichnete
Armeelastwagen seien in Moloko- Zohi eingerückt und Soldaten in
Regierungsuniform hätten anhand von Namenslisten die männlichen
Bewohner des Dorfes abgeführt und erschossen. Ende November 2002
mussten die Ortsbewohner die Toten verscharren. Einheiten der
Rebellenorganisation entdeckten das Grab nach ihrem erneuten
Einrücken in das Dorf.
Nachdem man die Toten in Moloko- Zohi entdeckt
hatte, räumten auch MPCI- Kämpfer die Existenz eines Massengrabes
mit 86 getöteten Gendarmen in Bouaké ein (vgl. IRIN vom 11.12.2002).
Menschenrechtsverletzungen durch
Rebellen
Nach Informationen von amnesty international sind
auch Kämpfer aller drei Oppositionsgruppen- die MPCI, die MPIGO und
die MJP – für schwere Menschenrechtsverletzungen verantwortlich.
Obwohl sich die MPCI schriftlich verpflichtet hatte, die Sicherheit
einer Delegation von amnesty international zu garantieren, die im
Dezember 2002 den Norden des Landes bereiste, um Ermittlungen
durchzuführen, wurden Vertreter der Organisation an den zahlreich
vorhandenen Straßenkontrollpunkten von jungen bewaffneten Kämpfern
wiederholt bedroht, manchmal auch mit dem Tode.
Untersuchungen von amnesty international in den
Regionen, die unter Kontrolle der verschiedenen
Rebellenorganisationen stehen, haben ergeben, dass mehrere
unbewaffnete Angehörige der Sicherheitskräfte und vermeintliche
Anhänger der Regierung von Angehörigen aller Rebellengruppen in
Schnellverfahren hingerichtet wurden. MPCI- Truppen haben
beispielsweise Angehörige der Sicherheitskräfte kaltblütig
erschossen, obwohl sie zum fraglichen Zeitpunkt nicht in
Kampfhandlungen verwickelt waren (z.B. das Massaker von Bouaké vom
6. Oktober 2002-siehe unten).
Friedliche Demonstrationen (im Oktober 2002) wurden
durch wahllose, in die Menge zielende Schüsse von MPCI – Angehörigen
unterbrochen.
Im September 2002 nahm die MPCI Martin Bléou, den
Vorsitzenden der Ivorischen Menschenrechtsliga, der sich in Bouaké
aufhielt, als die Stadt von der MPCI erobert wurde, für mehrere
Stunden in Gewahrsam.
Der Sportminister François Amichia wurde von den
Rebellen mehrere Tage lang in Gewahrsam gehalten und der
Korrespondent der Nachrichtenagentur Agence France Press, Christophe
Koffi, wurde fast eine Woche lang in Korhogo gefangen
gehalten.
Als die MJP und die MPIGO am 28. November 2002 die
Stadt Man einnahmen, durchsuchten sie die Stadt nach Gendarmen, die
sich in den Häusern von Zivilisten versteckt hatten, und töteten sie
ebenso wie Menschen, die den Gendarmen Unterschlupf gewährt hatten.
Weitere Zivilisten wurden getötet, weil man sie für Anhänger des
Präsidenten hielt.
Darüber hinaus nahmen die Rebellen eine Reihe von
Menschen willkürlich gefangen, deren Aufenthaltsort unbekannt blieb
und die seither als vermisst gelten. Die drei Gruppen forderten die
Bevölkerung auf, jeden zu denunzieren, der dem Militär angehören
oder ein Anhänger der Regierung sein könnte. In der Folge sollen
mehrere Verdächtige getötet worden sein.
Andere Menschen, die man des Diebstahls oder
sonstiger gewöhnlicher Straftaten bezichtigte, wurden öffentlich in
Schnellverfahren hingerichtet.
Die MPCI verbot verschiedenen Personen aus dem Süden
des Landes oder Menschen mit ungewöhnlichen Familiennamen, die von
ihr besetzten Gebiete zu verlassen.
Am 6. Oktober 2002 nahm die MPCI nach dem Versuch
von Regierungseinheiten, die Stadt Bouaké zurückzuerobern,
zahlreiche Gendarmen fest, von denen einige ihre Kinder dabei hatten
und inhaftierte sie in ein Militärlager. Dort wurden am abend des
selben Tages Dutzende von ihnen (Gendarmen und Kinder) von
bewaffneten Rebellen der MPCI kaltblütig erschossen oder schwer
verwundet. Im Dezember 2002 konnte eine Delegation von amnesty
international zehn der Überlebenden des Massakers und zu diesem
Zeitpunkt noch in Bouaké festgehaltenen Gendarmen besuchen.
Sie wurden erst zu einem späteren Zeitpunkt gegen
Zahlung eines hohen Geldbetrages von 1000 bis 1500 Euro
freigelassen.
Ein Zeuge aus Korhogo berichtete amnesty
international, man habe ihn im Dezember 2002 daran gehindert, einen
Bus in Richtung Süden zu besteigen, und von ihm verlangt, "als
menschliches Schutzschild die Loyalisten davon abzuhalten, die Stadt
zu bombardieren".
Alle drei bewaffneten Oppositionsgruppen, vor allem
aber die MPCI, rekrutierten junge Menschen, darunter auch offenbar
erst 14-jährige, als Soldaten. Die jungen und nicht ausgebildeten
Rekruten wurden mit Waffen ausgestattet und oftmals an
Kontrollpunkten an den Straßen in der Region eingesetzt. Vertreter
von amnesty international wurden Zeuge, wie Kindersoldaten am
Einsatzort eintrafen und wie sie ein aggressives und gewalttätiges
Verhalten demonstrierten.
Der Friedensplan von Marcoussis
Am 24. Januar 2003 wurde ein Friedensabkommen von
allen Konfliktbeteiligten unterzeichnet, welches die Bildung einer
Regierung der nationalen Aussöhnung vorsah, in der alle größeren
Parteien und Rebellengruppen zu gleichen Teilen vertreten sein
sollten. Das Amt des Ministerpräsidenten sollte der
Kompromisskandidat Seydou Diarra, ein Muslim aus dem derzeit von den
Rebellen kontrollierten Norden des Landes übernehmen. Präsident
Gbagbo sollte mit geringeren Vollmachten bis zum Ablauf seines
Mandates 2005 Staatspräsident bleiben. Seine Regierungspartei FPI
sollte nach dem Abkommen die Ressorts Finanzen und Energie erhalten
und die Oppositionspartei RDR von Alassane Ouattara die Ministerien
Justiz und Landwirtschaft übernehmen. Der Rebellenorganisation MPCI
wurden die Ministerien Inneres und Verteidigung zugesprochen und der
PDCI, der Partei des einstigen Präsidenten Bédié, das
Außenministerium und das Ministerium für Infrastruktur. Der
Friedensplan sah darüber hinaus die Entwaffnung der
Rebellenbewegungen und eine Amnestie für ihre Mitglieder vor. Des
Weiteren wurde die Regierung verpflichtet, die Einbürgerung von
ausländischen Staatsangehörigen zu erleichtern und ein neues
Staatsangehörigkeitsgesetz zu verabschieden. Ebenso sollte das
restriktive, extrem nationalistische Bodenrecht revidiert
werden.
Unmittelbar nach Bekanntwerden des Friedensplanes
kam es in Côte d'Ivoire allerdings zu massiven anti-französischen
Ausschreitungen von Anhängern Präsident Gbagbos.
Diese warfen dem französischen Präsidenten vor, der
Regierung das Friedensabkommen aufgezwungen zu haben. Präsident
Gbagbo weigerte sich schließlich nach seiner Rückkehr aus Frankreich
das Abkommen von Marcoussis umzusetzen.
Nach der Ermordung des bekannten Schauspielers und
aktiven Oppositionsanhängers, Camarah Vakaramogo Yerefé, dessen
Leiche am 03.02.03 gefunden worden war, eskalierte die Gewalt in
Abidjan erneut. Camarah Yerefé war Anhänger der RDR und soll von so
genannten Todesschwadronen ermordet worden sein, denen eine
Verbindung zur Regierung Gbagbo, der Präsidentengarde und der Ethnie
des Präsidenten nachgesagt wird. Die Kämpfe im Westen des Landes
halten ebenfalls an.
Nach den anti-französischen Ausschreitungen in
Abidjan haben mittlerweile die meisten der in Côte d'Ivoire lebenden
Franzosen das Land verlassen. Frankreich hat unterdessen eine
Verstärkung seiner Streitkräfte zum Schutz ausländischer
Staatsbürger in Côte d'Ivoire angekündigt.
Am 12. Februar 2003 wurde Seydou Diara auf einem
Gipfeltreffen der westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft ECOWAS
in Yamoussoukro als Ministerpräsident vereidigt und mit der Bildung
der Übergangsregierung beauftragt (BerZ vom 13.02.2003).
Die drei Rebellengruppen hatten das Treffen
boykottiert Sie bestanden hingegen auf der Einhaltung des
Friedensplans von Marcoussis, nach dem die Regierungszusammensetzung
bereits klar bestimmt war.
Darauf folgende Gespräche zwischen der Regierung und
Rebellenvertretern in Ghana führten zu keinem Ergebnis, nachdem sich
Gbagbo weiter weigerte, den Rebellen die Ressorts des Innen – und
Verteidigungsministeriums zu überlassen (taz vom 17.02.2003).
Zu neuen Friedensgesprächen trafen sich Delegationen
aus 52 afrikanischen Staaten in Paris. Präsident Gbagbo lehnte die
Teilnahme indes ab und schickte zu den Gesprächen seinen
Premierminister Diarra. Dieser verhandelte dort mit dem MPCI-Führer
Guillaume Soro.
Währenddessen suchte Gbagbo politische Unterstützung
bei den jugendlichen Aktivisten seiner Partei, den "Jungen
Patrioten". Dessen Führer Charles Blé Goudé lehnt jegliche
Beteiligung der Rebellen an der Übergangsregierung ab und sieht die
französischen Truppen als neue Kolonialarmee an, die es zu bekämpfen
gelte.
Am 5.März 2003 beschloss der Sicherheitsrat der
Vereinten Nationen einstimmig ein UN-Mandat für die in Cote d'Ivoire
stationierten französischen und westafrikanischen Eingreiftruppen,
mit dem Auftrag die notwendigen Maßnahmen zur eigenen Sicherheit und
zum Schutz der Zivilbevölkerung vor Gewalt zu ergreifen.
Am 7.März 2003 wurden mehr als 200 Zivilisten in
Bongolo ermordet. In Duékoué haben darauf französische Truppen mehr
als 100 liberianische Kämpfer (Söldner) entwaffnet und gefangen
genommen, die vermutlich für die Tötungen in Bongolo verantwortlich
sind (vgl. FAZ vom 10.03.2003). Die Liberianer sollen zur so
genannten "Force Lima", einer von der ivorischen Armee angeheuerten
Söldnergruppe, angehören (FAZ vom 10.03.2003).
Übereinkunft von Accra
Trotz der Unruhen gelang es Vertretern von Regierung
und der drei Rebellengruppen in Ghanas Hauptstadt Accra am 8. März
2003, einen Kompromiss zur Bildung einer Übergangsregierung zu
finden. Nach der sog. Vereinbarung von Accra
sollen die umstrittenen Ressorts
"Verteidigung" und "Inneres" durch einen nationalen Sicherheitsrat
verteilt werden. Dieser besteht aus Präsident Gbagbo,
Ministerpräsident Diarra und Vertretern der Rebellengruppen, der
Streitkräfte und der Polizei. Von den 41 Ministerposten erhalten die
drei Rebellengruppen neun Posten (darunter Information, Sport,
Verwaltung), die Regierungspartei FPI zehn (darunter Wirtschaft und
Finanzen), die Partei des ehemaligen Präsidenten Bédié –PDCI- sieben
(darunter das Außenministerium) und die Oppositionspartei von
Alassane Ouattara– RDR- ebenfalls sieben (darunter Justiz und
Landwirtschaft).
Die Übergangsregierung wurde am 14. März 2003 in
Abwesenheit aller Rebellenorganisationen vereidigt, die eine
Teilnahme daran und an folgenden Kabinettssitzungen in Abidjan aus
Sicherheitsgründen abgelehnt hatten.
Erst an der Kabinettssitzung am 3. April 2003 nahmen
sie teil, da diese in Yamoussoukro stattfand.
Ungeachtet der bisherigen Friedensvereinbarung und
der Bildung einer Übergangsregierung bleibt die Sicherheits- wie
auch die Versorgungslage für die Bevölkerung in weiten Teilen des
Landes sehr angespannt.
Jüngsten Berichten zufolge sollen die Rebellen Mitte
April 2003 bereits angekündigt haben, sich aus der neuen
Allparteienregierung wieder zurückziehen zu wollen, nachdem ihren
Angaben zufolge die Regierungsarmee das westivorische Rebellengebiet
angegriffen hatte. Kämpfe wurden darüber hinaus aus dem Osten des
Landes gemeldet. Diese Entwicklung bedeutet einen erneuten
Rückschlag für den gerade erst begonnenen Friedensprozess.
Dabei gehen die Gefahren nicht nur von den nach wie
vor stattfindenden Kämpfe zwischen den Konfliktparteien und den
Todesschwadronen aus. Es werden auch vermehrt Söldner eingesetzt,
vor allem aus Liberia und mutmaßlich Südafrika, Großbritannien und
Frankreich, die mit Brutalität gegen Zivilisten vorgehen. Die
Ermordung von vier Mitarbeitern humanitärer Organisationen im März
2003 verdeutlicht ebenso die Unsicherheit und Gefährdung für jede
Person im gesamten Land wie der Überfall auf das Büro der ivorischen
Menschenrechtsorganisation Mouvement Ivoirien des Droits Humains
(MIDH) am 5. April 2003.