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Donnerstag, 22. Juli 1999

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Massenfestnahme von Sektierern in China

Machtprobe zwischen der KP und der Falun Gong

In China ist es zur grössten Massenfestnahme seit Jahren gekommen, als in mehreren Städten Tausende von Anhängern einer Heilsbewegung durch Protestaktionen die Freilassung verhafteter Anführer ihrer Sekte erwirken wollten. Die Machtprobe zwischen der KP und der ihr offenbar an Anhängerzahl überlegenen Kultbewegung wirft ein seltsames Licht auf die innenpolitischen Zustände in der Volksrepublik.

mo. Peking, 21. Juli

Chinas Behörden haben angefangen, gegen provokative Aktionen einer im ganzen Land weit verbreiteten parareligiösen Kultbewegung durchzugreifen; dabei ist es von Dienstag auf Mittwoch zur grössten Massenfestnahme seit der Niederschlagung der Demokratiebewegung von 1989 gekommen. Allein in Peking wurden über tausend Anhänger der sich Falun Gong (Der Weg des Rades) nennenden Bewegung festgenommen und vorübergehend in zwei Sportstadien interniert. Dabei handelte es sich grösstenteils um ältere Frauen, die aus umliegenden Provinzen in kleinen Gruppen mit der Absicht in die Hauptstadt gereist waren, vor Zhongnanhai, dem Sitz der chinesischen Zentralregierung, einen Sitzstreik abzuhalten. Mit der Aktion wollten sie gegen die in den letzten Tagen erfolgten Verhaftungen von führenden Exponenten der sektenartigen Bewegung protestieren. Laut Agenturberichten ist es am Dienstag und Mittwoch zu ähnlichen Aktionen in Schanghai, Guangzhou, Weifang und zahlreichen anderen Städten des Landes gekommen. In der nordostchinesischen Hafenstadt Dalian und in Taiyuan, der Kapitale der Provinz Shanxi, sollen ebenfalls Anhänger der Heilsbewegung zwangsweise in Sporthallen verfrachtet worden sein, nachdem die Polizei Zusammenrottungen vor den lokalen Regierungsgebäuden aufgelöst hatte.

Konkurrenz für KP

Die Mitglieder von Falun Gong hängen der Lehre eines charismatischen Heilsverkünders namens Li Hongzhi an und üben sich täglich in einer speziellen Form der traditionellen chinesischen Atemheiltechnik Qigong, von der sie glauben, dass sie ihnen übernatürliche Kräfte verleihe. Li Hongzhi, der überzeugt ist, selbst ein vom höchsten Wesen abgesandter Retter der infolge der Einflüsse von Technik und Moderne zugrunde gehenden Welt zu sein, hat über seinen - auf Aussenstehende reichlich wirr wirkenden - Heilsweg mehrere von den Anhängern bibelartig verehrte Bücher geschrieben. Aus Angst vor Verfolgung durch die abergläubische Praktiken und Sekten nicht duldende KP lebt der selbsternannte Messias seit 1994 im amerikanischen Exil. Angeblich ist die Zahl der Anhänger seiner Heilsbewegung in den letzten paar Jahren auf weltweit 100 Millionen angewachsen, wovon 70 Millionen in China leben sollen. Das wären 10 Millionen mehr, als die chinesische KP Mitglieder zählt.

Erstmals für weltweites Aufsehen sorgte Falun Gong in diesem Frühjahr, als in den frühen Morgenstunden des 25. April unverhofft gegen 15 000 Kultanhänger den Regierungssitz in Peking zu belagern begannen, um gegen die «Verleumdung» der Sekte durch die staatlichen Medien zu protestieren, und damit den offensichtlich in keiner Weise auf eine solche Aktion vorbereiteten chinesischen Sicherheitsapparat überrumpelten. Die Belagerung führte der KP- Führung so krass wie kein Ereignis zuvor vor Augen, dass sie mit all ihren Kampagnen zur Entwicklung einer spirituellen Zivilisation gescheitert ist und dass Maoismus und später die Reformen Deng Xiaopings ein spirituelles Vakuum geschaffen haben, das nun von messianischen Sektierern gefüllt zu werden droht.

Tumulte in zahlreichen Städten

Nach diesem «April-Schreck» gab es in China immer wieder Gerüchte, die KP stufe die parareligiösen Bauernfänger als mittlerweile grössere Bedrohung für ihre Macht ein als die versprengten Reste der demokratisch gesinnten Dissidentenbewegung und werde deshalb die Falun Gong zu zerschlagen versuchen. Mit offiziellen Verlautbarungen, niemand brauche wegen reinen Praktizierens von Qigong und Meditation Verfolgung zu fürchten, versuchte die Regierung solchen Gerüchten entgegenzuwirken. Bei der internen Aufarbeitung der Aktion vom April durch die chinesische Führung kam aber an den Tag, dass sich die Anhängerschaft der Kultbewegung durchaus nicht nur aus «naiven älteren Frauen» zusammensetzt, sondern dass sich darunter auch mittlere und höhere Funktionäre des Staatsapparates und sogar zahlreiche gestandene Mitglieder der Partei befinden.

Daraufhin veröffentlichte insbesondere die Pekinger Volkszeitung, das Sprachrohr der KP, in den letzten zwei Monaten mehrere Pamphlete, in denen gegen Aberglauben und Sektenwesen gewettert wurde und die vor allem die Parteimitglieder dazu ermahnten, dem «wissenschaftlich begründeten Atheismus» treu zu bleiben. Mehrmals wurde auch darauf verwiesen, dass die Mitgliedschaft in der KP und die Beteiligung an abergläubischen Kultbewegungen nicht miteinander vereinbar seien. In zahlreichen Provinzen veröffentlichten Zeitschriften mit regionaler Verbreitung zudem stets neue Artikel, in denen die Falun Gong offen beim Namen genannt und als Sektenbewegung attackiert wurde.

Damit spitzte sich die Situation zu, reagierte die Bewegung auf diese Angriffe doch immer häufiger mit Protestkundgebungen. So belagerten Sektenanhänger Anfang Juni zwei Tage lang die Regierungsgebäude in Nanchang, der Hauptstadt der zentralchinesischen Provinz Jiangxi, bis ihnen ein Vertreter der Provinzpartei zusicherte, künftig werde in den entsprechenden Publikationen auf Angriffe gegen die Falun Gong verzichtet. Nachrichtenagenturen und eine das Geschehen von Hongkong aus beobachtende Menschenrechtsorganisation berichteten von ähnlichen Aktionen in zahlreichen Städten in Nordost-, Zentral- und Südchina. Zum bis dahin grössten der neuen «Sektentumulte» kam es am 15. und 16. Juli, als 5000 Anhänger der Bewegung eine örtliche Regierung belagerten, bis auch sie die behördliche Zusicherung erhielten, künftig nicht mehr von Amtes wegen kritisiert zu werden.

Offenbar sind jedoch diese örtlichen Tumulte mittlerweile der zentralen Führung in Peking zu dreist geworden, jedenfalls begann laut einem Bericht der Hongkonger Menschenrechtsorganisation zu Wochenbeginn eine Verhaftungsaktion, bei der bisher in sechzehn verschiedenen Städten mehrere Dutzend der bekanntesten Exponenten der Falun Gong inhaftiert wurden, unter ihnen ein pensionierter ehemaliger Spitzenfunktionär des zentralen Pekinger Sicherheitsapparates. Die offensichtlich recht straff organisierte Heilsbewegung reagierte darauf, indem sie - unter anderem über das Internet - zu den am späten Dienstagnachmittag einsetzenden Massenprotesten aufrief, um die verhafteten Anführer «zu schützen» und um ihre Freilassung zu erwirken. Damit scheint es jetzt zu einer eigentlichen Machtprobe zwischen der KP und der Sekte gekommen zu sein. Zwar ist kaum zu bezweifeln, dass dabei die Partei letztlich die Oberhand behalten wird; noch ist ihre Herrschaft nicht ganz so zerrüttet wie diejenige der letzten Kaiserdynastie, die im letzten Jahrhundert die ideologisch nicht viel anders als die Falun Gong gelagerten «Taiping-Rebellen» erst nach langem Bürgerkrieg niederringen konnte. Dennoch muss die Affäre ernüchternd auf die Partei wirken, die doch am kommenden 1. Oktober triumphierend den fünfzigsten Jahrestag des Beginns ihrer Herrschaft zu feiern beabsichtigt.

Neue Zürcher Zeitung, 22. Juli 1999
 

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