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Massenfestnahme von Sektierern in China
Machtprobe zwischen der KP und der Falun Gong
In China ist es zur grössten Massenfestnahme seit Jahren gekommen, als
in mehreren Städten Tausende von Anhängern einer Heilsbewegung durch
Protestaktionen die Freilassung verhafteter Anführer ihrer Sekte
erwirken wollten. Die Machtprobe zwischen der KP und der ihr offenbar
an Anhängerzahl überlegenen Kultbewegung wirft ein seltsames Licht auf
die innenpolitischen Zustände in der Volksrepublik.
mo. Peking, 21. Juli
Chinas Behörden haben angefangen, gegen provokative Aktionen einer im
ganzen Land weit verbreiteten parareligiösen Kultbewegung
durchzugreifen; dabei ist es von Dienstag auf Mittwoch zur grössten
Massenfestnahme seit der Niederschlagung der Demokratiebewegung von
1989 gekommen. Allein in Peking wurden über tausend Anhänger der sich
Falun Gong (Der Weg des Rades) nennenden Bewegung festgenommen und
vorübergehend in zwei Sportstadien interniert. Dabei handelte es sich
grösstenteils um ältere Frauen, die aus umliegenden Provinzen in
kleinen Gruppen mit der Absicht in die Hauptstadt gereist waren, vor
Zhongnanhai, dem Sitz der chinesischen Zentralregierung, einen
Sitzstreik abzuhalten. Mit der Aktion wollten sie gegen die in den
letzten Tagen erfolgten Verhaftungen von führenden Exponenten der
sektenartigen Bewegung protestieren. Laut Agenturberichten ist es am
Dienstag und Mittwoch zu ähnlichen Aktionen in Schanghai, Guangzhou,
Weifang und zahlreichen anderen Städten des Landes gekommen. In der
nordostchinesischen Hafenstadt Dalian und in Taiyuan, der Kapitale der
Provinz Shanxi, sollen ebenfalls Anhänger der Heilsbewegung
zwangsweise in Sporthallen verfrachtet worden sein, nachdem die
Polizei Zusammenrottungen vor den lokalen Regierungsgebäuden aufgelöst
hatte.
Konkurrenz für KP
Die Mitglieder von Falun Gong hängen der Lehre eines charismatischen
Heilsverkünders namens Li Hongzhi an und üben sich täglich in einer
speziellen Form der traditionellen chinesischen Atemheiltechnik
Qigong, von der sie glauben, dass sie ihnen übernatürliche Kräfte
verleihe. Li Hongzhi, der überzeugt ist, selbst ein vom höchsten Wesen
abgesandter Retter der infolge der Einflüsse von Technik und Moderne
zugrunde gehenden Welt zu sein, hat über seinen - auf Aussenstehende
reichlich wirr wirkenden - Heilsweg mehrere von den Anhängern
bibelartig verehrte Bücher geschrieben. Aus Angst vor Verfolgung durch
die abergläubische Praktiken und Sekten nicht duldende KP lebt der
selbsternannte Messias seit 1994 im amerikanischen Exil. Angeblich ist
die Zahl der Anhänger seiner Heilsbewegung in den letzten paar Jahren
auf weltweit 100 Millionen angewachsen, wovon 70 Millionen in China
leben sollen. Das wären 10 Millionen mehr, als die chinesische KP
Mitglieder zählt.
Erstmals für weltweites Aufsehen sorgte Falun Gong in diesem Frühjahr,
als in den frühen Morgenstunden des 25. April unverhofft gegen 15 000
Kultanhänger den Regierungssitz in Peking zu belagern begannen, um
gegen die «Verleumdung» der Sekte durch die staatlichen Medien zu
protestieren, und damit den offensichtlich in keiner Weise auf eine
solche Aktion vorbereiteten chinesischen Sicherheitsapparat
überrumpelten. Die Belagerung führte der KP- Führung so krass wie kein
Ereignis zuvor vor Augen, dass sie mit all ihren Kampagnen zur
Entwicklung einer spirituellen Zivilisation gescheitert ist und dass
Maoismus und später die Reformen Deng Xiaopings ein spirituelles
Vakuum geschaffen haben, das nun von messianischen Sektierern gefüllt
zu werden droht.
Tumulte in zahlreichen Städten
Nach diesem «April-Schreck» gab es in China immer wieder Gerüchte, die
KP stufe die parareligiösen Bauernfänger als mittlerweile grössere
Bedrohung für ihre Macht ein als die versprengten Reste der
demokratisch gesinnten Dissidentenbewegung und werde deshalb die Falun
Gong zu zerschlagen versuchen. Mit offiziellen Verlautbarungen,
niemand brauche wegen reinen Praktizierens von Qigong und Meditation
Verfolgung zu fürchten, versuchte die Regierung solchen Gerüchten
entgegenzuwirken. Bei der internen Aufarbeitung der Aktion vom April
durch die chinesische Führung kam aber an den Tag, dass sich die
Anhängerschaft der Kultbewegung durchaus nicht nur aus «naiven älteren
Frauen» zusammensetzt, sondern dass sich darunter auch mittlere und
höhere Funktionäre des Staatsapparates und sogar zahlreiche gestandene
Mitglieder der Partei befinden.
Daraufhin veröffentlichte insbesondere die Pekinger Volkszeitung, das
Sprachrohr der KP, in den letzten zwei Monaten mehrere Pamphlete, in
denen gegen Aberglauben und Sektenwesen gewettert wurde und die vor
allem die Parteimitglieder dazu ermahnten, dem «wissenschaftlich
begründeten Atheismus» treu zu bleiben. Mehrmals wurde auch darauf
verwiesen, dass die Mitgliedschaft in der KP und die Beteiligung an
abergläubischen Kultbewegungen nicht miteinander vereinbar seien. In
zahlreichen Provinzen veröffentlichten Zeitschriften mit regionaler
Verbreitung zudem stets neue Artikel, in denen die Falun Gong offen
beim Namen genannt und als Sektenbewegung attackiert wurde.
Damit spitzte sich die Situation zu, reagierte die Bewegung auf diese
Angriffe doch immer häufiger mit Protestkundgebungen. So belagerten
Sektenanhänger Anfang Juni zwei Tage lang die Regierungsgebäude in
Nanchang, der Hauptstadt der zentralchinesischen Provinz Jiangxi, bis
ihnen ein Vertreter der Provinzpartei zusicherte, künftig werde in den
entsprechenden Publikationen auf Angriffe gegen die Falun Gong
verzichtet. Nachrichtenagenturen und eine das Geschehen von Hongkong
aus beobachtende Menschenrechtsorganisation berichteten von ähnlichen
Aktionen in zahlreichen Städten in Nordost-, Zentral- und Südchina.
Zum bis dahin grössten der neuen «Sektentumulte» kam es am 15. und
16. Juli, als 5000 Anhänger der Bewegung eine örtliche Regierung
belagerten, bis auch sie die behördliche Zusicherung erhielten,
künftig nicht mehr von Amtes wegen kritisiert zu werden.
Offenbar sind jedoch diese örtlichen Tumulte mittlerweile der
zentralen Führung in Peking zu dreist geworden, jedenfalls begann laut
einem Bericht der Hongkonger Menschenrechtsorganisation zu
Wochenbeginn eine Verhaftungsaktion, bei der bisher in sechzehn
verschiedenen Städten mehrere Dutzend der bekanntesten Exponenten der
Falun Gong inhaftiert wurden, unter ihnen ein pensionierter ehemaliger
Spitzenfunktionär des zentralen Pekinger Sicherheitsapparates. Die
offensichtlich recht straff organisierte Heilsbewegung reagierte
darauf, indem sie - unter anderem über das Internet - zu den am späten
Dienstagnachmittag einsetzenden Massenprotesten aufrief, um die
verhafteten Anführer «zu schützen» und um ihre Freilassung zu
erwirken. Damit scheint es jetzt zu einer eigentlichen Machtprobe
zwischen der KP und der Sekte gekommen zu sein. Zwar ist kaum zu
bezweifeln, dass dabei die Partei letztlich die Oberhand behalten
wird; noch ist ihre Herrschaft nicht ganz so zerrüttet wie diejenige
der letzten Kaiserdynastie, die im letzten Jahrhundert die ideologisch
nicht viel anders als die Falun Gong gelagerten «Taiping-Rebellen»
erst nach langem Bürgerkrieg niederringen konnte. Dennoch muss die
Affäre ernüchternd auf die Partei wirken, die doch am kommenden
1. Oktober triumphierend den fünfzigsten Jahrestag des Beginns ihrer
Herrschaft zu feiern beabsichtigt.
Neue Zürcher Zeitung, 22. Juli 1999
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