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Mittwoch, 11. August 1999

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Schwere Gefechte im dagestanischen Kriegsgebiet

«Unabhängigkeitserklärung» der rebellischen Islamisten

Die russische Luftwaffe hat mehrere Angriffe gegen die Rebellen unternommen, die im tschetschenisch-dagestanischen Grenzgebiet einige Dörfer besetzt halten. Der neue Ministerpräsident Putin versprach eine rasche Normalisierung der Lage, doch für solchen Optimismus gibt es vorläufig wenig Anlass. Eine obskure islamische Schura erklärte Dagestan zu einem unabhängigen Gottesstaat und forderte die Muslime zum Kampf gegen Russland auf.

A. R. Moskau, 10. August

In der Krisenregion an der dagestanisch-tschetschenischen Grenze hat sich die Lage am Dienstag laut russischen Militärangaben verschärft. Wie der Chef der Fliegertruppen, General Kornukow, in Moskau berichtete, waren am Dienstag schwere Kämpfe mit den aus Tschetschenien eingedrungenen Rebellen im Gang. Die Luftwaffe habe Erdkampfflugzeuge eingesetzt, um die Operationen der Bodentruppen zu erleichtern. Beteiligt seien auch Kampfbomber und Aufklärungsflugzeuge. Seit Beginn der Kriegshandlungen wurden laut Kornukow 78 Flugeinsätze absolviert. Dabei werden Bomben und Minen abgeworfen sowie Lenkwaffen abgefeuert. «Banditen müssen vernichtet werden», hielt der General fest. Im Grenzdistrikt Zumada, wo sich früher blutige Zusammenstösse ereignet hatten, erlitten die fremden Kämpfer nach seiner Aussage schwere Verluste und verliessen darauf das Gebiet mehrheitlich.

Flüchtende Dorfbewohner

Solche Erfolgsmeldungen sind nicht überprüfbar, weil es keine unabhängigen Informationen aus der Kampfregion gibt. Wie die Agentur Interfax meldet, verneinen die Rebellen, dass sie territoriale Verluste und Todesopfer erlitten hätten. Unbestritten ist, dass die vier am Wochenende besetzten Dörfer im Distrikt Botlich weiterhin in der Hand der Eindringlinge sind. Auf der russischen Seite kam am Dienstag ein höherer Helikopteroffizier ums Leben, als ein Flugfeld bei Botlich mit Granaten beschossen wurde. Am Sonntag waren 4 Polizisten getötet und 15 weitere verwundet worden, deren Fahrzeug unter Beschuss kam. Georgien protestierte gegen die Verletzung seines Luftraums und den Abwurf einer Mine, deren Explosion zwei Personen verletzte, über dem Dorf Semo Omalo. Die Ortschaft liegt oberhalb des umkämpften Bezirks Zumada, nahe der Staatsgrenze, die in jener Gegend nicht entlang der Wasserscheide verläuft.

Zu den Opfern des Konflikts gehören auch die Vertriebenen: Laut dem Bürgermeister von Machatschkala sind bereits über 4000 Bewohner in die dagestanische Hauptstadt geflüchtet. Es handelt sich vor allem um Frauen und Kinder, während sich die Männer weiterhin in den besetzten Dörfern aufhalten. Sie könnten als menschliche Schutzschilde missbraucht werden, was die Aufgabe für die russischen Truppen erschwert.

Trotz allem äusserte sich Russlands Generalstabschef Kwaschnin am Dienstag optimistisch: Die Lage sei steuerbar, meinte er. Damit hat er theoretisch wohl recht, aber die Gefahr besteht, dass die Streitkräfte wegen mangelnder Koordination, fehlender Ortskenntnisse, Schlamperei und schlichter Fehlentscheidungen einen kleinen Konflikt ausser Kontrolle geraten lassen. Der Tschetschenienkrieg Mitte der neunziger Jahre, in dem sich die russische Militärmacht gründlich blamierte, bietet dazu traurigen Anschauungsunterricht. Der abgesetzte Ministerpräsident Stepaschin deutete ähnliches an, als er vor einem Verlust der dagestanischen Republik warnte und die schlechte Abstimmung der bisherigen Massnahmen kritisierte. Für seinen Nachfolger Putin bedeutet die Dagestan-Krise eine ernste Bewährungsprobe. Nach einem Treffen mit Präsident Jelzin behauptete Putin, die Lage werde sich bis spätestens in zwei Wochen normalisieren. Die Prognose erinnert an den berüchtigten Ausspruch von Verteidigungsminister Gratschow am Vorabend des Tschetschenienkriegs, für die Einnahme Grosnys reichten zwei Stunden. In die Versprechungen Moskaus setzen die Behörden in Dagestan offenbar wenig Vertrauen: Sie haben damit begonnen, Selbstverteidigungs-Einheiten aufzustellen und Zivilisten zu bewaffnen.

Propaganda aus Tschetschenien

Über die von Tschetschenien aus operierenden Angreifer ist weiterhin nur wenig bekannt. Aus Grosny kam am Dienstag die Meldung, eine sogenannte islamische Schura (Rat) habe in Botlich getagt und Dagestan zu einem unabhängigen islamischen Staat proklamiert. In der Deklaration der Schura heisst es, jeder Muslim müsse kämpfen, bis die Ungläubigen - also die Russen - vertrieben seien. Die dagestanischen Behörden und die staatstreue offizielle Geistlichkeit stellten die Schura als ein Phantom hin. Wie auch immer - falls sich tatsächlich ein solcher Staat von Tschetscheniens Gnaden gebildet hat, so besteht er vorläufig nur aus ein paar halbverlassenen Dörfern und unwegsamen Berghängen. Die entscheidende Frage ist, ob es den Rebellen gelingt, ihren Krieg in die Täler zu verlagern, die russische Armee mit Terroranschlägen zu demoralisieren und gleichzeitig die Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen. Bis jetzt gibt es dafür keinerlei Anzeichen.

Neue Zürcher Zeitung, 11. August 1999
 

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