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Schwere Gefechte im dagestanischen Kriegsgebiet
«Unabhängigkeitserklärung» der rebellischen Islamisten
Die russische Luftwaffe hat mehrere Angriffe gegen die Rebellen
unternommen, die im tschetschenisch-dagestanischen Grenzgebiet einige
Dörfer besetzt halten. Der neue Ministerpräsident Putin versprach eine
rasche Normalisierung der Lage, doch für solchen Optimismus gibt es
vorläufig wenig Anlass. Eine obskure islamische Schura erklärte
Dagestan zu einem unabhängigen Gottesstaat und forderte die Muslime
zum Kampf gegen Russland auf.
A. R. Moskau, 10. August
In der Krisenregion an der dagestanisch-tschetschenischen Grenze hat
sich die Lage am Dienstag laut russischen Militärangaben verschärft.
Wie der Chef der Fliegertruppen, General Kornukow, in Moskau
berichtete, waren am Dienstag schwere Kämpfe mit den aus
Tschetschenien eingedrungenen Rebellen im Gang. Die Luftwaffe habe
Erdkampfflugzeuge eingesetzt, um die Operationen der Bodentruppen zu
erleichtern. Beteiligt seien auch Kampfbomber und
Aufklärungsflugzeuge. Seit Beginn der Kriegshandlungen wurden laut
Kornukow 78 Flugeinsätze absolviert. Dabei werden Bomben und Minen
abgeworfen sowie Lenkwaffen abgefeuert. «Banditen müssen vernichtet
werden», hielt der General fest. Im Grenzdistrikt Zumada, wo sich
früher blutige Zusammenstösse ereignet hatten, erlitten die fremden
Kämpfer nach seiner Aussage schwere Verluste und verliessen darauf das
Gebiet mehrheitlich.
Flüchtende Dorfbewohner
Solche Erfolgsmeldungen sind nicht überprüfbar, weil es keine
unabhängigen Informationen aus der Kampfregion gibt. Wie die Agentur
Interfax meldet, verneinen die Rebellen, dass sie territoriale
Verluste und Todesopfer erlitten hätten. Unbestritten ist, dass die
vier am Wochenende besetzten Dörfer im Distrikt Botlich weiterhin in
der Hand der Eindringlinge sind. Auf der russischen Seite kam am
Dienstag ein höherer Helikopteroffizier ums Leben, als ein Flugfeld
bei Botlich mit Granaten beschossen wurde. Am Sonntag waren 4
Polizisten getötet und 15 weitere verwundet worden, deren Fahrzeug
unter Beschuss kam. Georgien protestierte gegen die Verletzung seines
Luftraums und den Abwurf einer Mine, deren Explosion zwei Personen
verletzte, über dem Dorf Semo Omalo. Die Ortschaft liegt oberhalb des
umkämpften Bezirks Zumada, nahe der Staatsgrenze, die in jener Gegend
nicht entlang der Wasserscheide verläuft.
Zu den Opfern des Konflikts gehören auch die Vertriebenen: Laut dem
Bürgermeister von Machatschkala sind bereits über 4000 Bewohner in die
dagestanische Hauptstadt geflüchtet. Es handelt sich vor allem um
Frauen und Kinder, während sich die Männer weiterhin in den besetzten
Dörfern aufhalten. Sie könnten als menschliche Schutzschilde
missbraucht werden, was die Aufgabe für die russischen Truppen
erschwert.
Trotz allem äusserte sich Russlands Generalstabschef Kwaschnin am
Dienstag optimistisch: Die Lage sei steuerbar, meinte er. Damit hat er
theoretisch wohl recht, aber die Gefahr besteht, dass die Streitkräfte
wegen mangelnder Koordination, fehlender Ortskenntnisse, Schlamperei
und schlichter Fehlentscheidungen einen kleinen Konflikt ausser
Kontrolle geraten lassen. Der Tschetschenienkrieg Mitte der neunziger
Jahre, in dem sich die russische Militärmacht gründlich blamierte,
bietet dazu traurigen Anschauungsunterricht. Der abgesetzte
Ministerpräsident Stepaschin deutete ähnliches an, als er vor einem
Verlust der dagestanischen Republik warnte und die schlechte
Abstimmung der bisherigen Massnahmen kritisierte. Für seinen
Nachfolger Putin bedeutet die Dagestan-Krise eine ernste
Bewährungsprobe. Nach einem Treffen mit Präsident Jelzin behauptete
Putin, die Lage werde sich bis spätestens in zwei Wochen
normalisieren. Die Prognose erinnert an den berüchtigten Ausspruch von
Verteidigungsminister Gratschow am Vorabend des Tschetschenienkriegs,
für die Einnahme Grosnys reichten zwei Stunden. In die Versprechungen
Moskaus setzen die Behörden in Dagestan offenbar wenig Vertrauen: Sie
haben damit begonnen, Selbstverteidigungs-Einheiten aufzustellen und
Zivilisten zu bewaffnen.
Propaganda aus Tschetschenien
Über die von Tschetschenien aus operierenden Angreifer ist weiterhin
nur wenig bekannt. Aus Grosny kam am Dienstag die Meldung, eine
sogenannte islamische Schura (Rat) habe in Botlich getagt und Dagestan
zu einem unabhängigen islamischen Staat proklamiert. In der
Deklaration der Schura heisst es, jeder Muslim müsse kämpfen, bis die
Ungläubigen - also die Russen - vertrieben seien. Die dagestanischen
Behörden und die staatstreue offizielle Geistlichkeit stellten die
Schura als ein Phantom hin. Wie auch immer - falls sich tatsächlich
ein solcher Staat von Tschetscheniens Gnaden gebildet hat, so besteht
er vorläufig nur aus ein paar halbverlassenen Dörfern und unwegsamen
Berghängen. Die entscheidende Frage ist, ob es den Rebellen gelingt,
ihren Krieg in die Täler zu verlagern, die russische Armee mit
Terroranschlägen zu demoralisieren und gleichzeitig die Bevölkerung
auf ihre Seite zu ziehen. Bis jetzt gibt es dafür keinerlei Anzeichen.
Neue Zürcher Zeitung, 11. August 1999
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