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Mit Gewalt ins Machtvakuum

Bei ihrem Kampf für Unabhängigkeit ist die UCK in der Wahl ihrer Mittel nicht zimperlich

Politik
Führungsriege der UCK: Hashim Thaci (Mitte), Remi (links) und General Agim Ceku. Foto: AP

Von Peter Münch

In Mitrovica ist die Gewalt heimisch geworden. In der geteilten Stadt nördlich von Pristina macht ein albanischer Mob den verbliebenen Serben die Hölle heiß. Tagtäglich kommt es zu Zusammenstößen, und zwischen die Fronten sind französische KFOR-Soldaten geraten. Die Friedenstruppe muss es hier wie fast überall im Kosovo hinnehmen, dass Frieden nicht in Sicht ist, dass weiter gemordet wird, dass die Häuser brennen und die Menschen vertrieben werden. Als Urheber des fortgesetzten Terrors mit veränderter Rollenverteilung hat die KFOR nun die Kosovo-Befreiungsarmee UCK angeklagt. Und es gibt gute Gründe, dieser Truppe mit Misstrauen zu begegnen.

Erklärtes Ziel der UCK ist die Unabhängigkeit des Kosovo. Bei der Wahl ihrer Mittel ist sie nie zimperlich gewesen, und als Gegner gilt, wer sich ihr in den Weg stellt. Das sind die Serben, die auf ihre im Friedensvertrag zugesicherte territoriale Integrität ebenso pochen wie auf ihr Heimatrecht im Kosovo. Zum Gegner kann aber auch sehr schnell die KFOR werden.

Hashim Thaci, politischer Kopf der

Befreiungsarmee und selbsternannter Interimspremier, hat am Dienstag die ersten verbalen Warnschüsse abgegeben. „Arrogant und undemokratisch“ nannte er das Vorgehen der französischen Soldaten gegen radikale Albaner in Mitrovica. Zwar stritt er ab, dass die UCK die gewalttätigen Proteste organisiert habe. Zugleich machte er aber klar, dass er und seine Leute eine Teilung der Stadt nicht hinnehmen würden. Andernorts sind in den vergangenen Tagen bereits britische und vor

allem russische KFOR-Soldaten – sie gelten den Albanern als Verbündete der Serben – zum Ziel anonym verübter Anschläge geworden.

Die Konfrontation, die sich hier abzeichnet, dürfte das Ursprungsmodell der internationalen Gemeinschaft für den Umgang mit der UCK zunichte machen. Erklärtes Ziel war nämlich deren Einbindung. Mit allergrößter Geduld war deshalb über die Entwaffnung der Albaner-Truppe verhandelt und eine großzügige Frist von 90 Tagen vereinbart worden. Mit allergrößter Nachsicht waren Übergriffe auf Serben oder Roma behandelt worden. Es ist viel

fraternisiert worden, und der deutsche Brigadegeneral Fritz von Korff, der die Bundeswehr-Soldaten in Prizren kommandiert, hat noch zu Wochenbeginn UCK-Mitglieder an das Angebot erinnert, sich in die unter UN-Aufsicht neu aufzubauenden Polizeiverbände zu integrieren.

Für die UCK scheint dies jedoch kein

attraktives Angebot zu sein. Denn sie zielt allem Anschein nach darauf ab, ohne Verabredung mit den ausländischen Friedensprotektoren eine eigene Polizei zu installieren. Schwarz-uniformierte UCK-Mitglieder mit einer Armbinde, die sie als „Militärpolizei“ ausweist, patrouillieren bereits seit langem auf den Straßen der Kosovo-Städte. Nun wurden bei einer Razzia im Haus von Rexhep Selimi, der in der UCK-Regierung als Innenminister fungiert, neben Waffen und Munition auch Ausweise beschlagnahmt, die ihre Inhaber berechtigen sollen, Waffen zu tragen, Eigentum zu beschlagnahmen und Menschen festzunehmen. Der KFOR-Kommandeur Mike Jackson warnte am Dienstag eindringlich vor dem Aufbau solcher Parallelstrukturen. Doch die Taktik der UCK wird immer klarer: Sie stößt in ein Machtvakuum vor und ist nicht bereit, die Macht zu teilen – nicht mit moderateren albanischen Gruppen wie der LDK von Ibrahim Rugova und auf Dauer auch nicht mit den ausländischen

Soldaten und Diplomaten.

Was für den Westen den Umgang mit der UCK zusätzlich erschwert, ist deren unübersichtliche Struktur. Örtliche Kommandeure und Clan-Chefs fühlen sich gewiss nicht immer an die Direktiven der Führung gebunden. Der britische General Jackson glaubt, dass die UCK ihre Kämpfer nicht mehr alle unter Kontrolle hat. Da liegt er sicher richtig, denn stets hatte sich die Befreiungsarmee als bunt-gemischte Truppe aus Kämpfern und Chaoten, aus Idealisten und Ideologen präsentiert. Für Söldner-Gestalten war ebenso Platz wie für versprengte Marxisten oder für Nationalisten, die mit der Waffe in der Hand für ein Großalbanien kämpfen wollten.

Die Frage der Finanzierung blieb stets im Dunkeln. An Geld wie auch an Waffen hat es den Balkan-Guerilleros aber nie gemangelt, und viele stellen dies auch gern zur Schau. Schon zu Kriegszeiten zählten hinter den Frontlinien tiefergelegte BMWs und protzige Jeeps zu den beliebteren Armee-Fahrzeugen. Bisweilen konnte man auch den Eindruck gewinnen, dass verspiegelte Sonnenbrillen zur UCK-Uniform gehörten.

Immer wieder kursieren Gerüchte über Verbindungen von Teilen der Befreiungsarmee zum organisierten Verbrechen. Es geht um Waffen und Drogen, um Schlepperwesen und Prostitution. Beweisen lässt sich das freilich nicht in einer Gegend wie dem Kosovo, wo sich die staatlichen Strukturen aufgelöst

haben.

„Wir alle sind UCK“ hieß der Schlachtruf der Kosovaren, als sie sich gegen die serbische Repression auflehnten. In Windeseile ist die Untergrundarmee zur bestimmenden Kraft im albanischen Lager angewachsen. Daraus scheint sie nun ein neues Motto abzuleiten: Alles für die UCK.

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