Wer sich an der Macht übernimmt
Pristina, im August Die Sommersonne versinkt in den Hügeln des Balkans, aber in den Raum dringen die letzten Strahlen ohnehin nicht, schwere Vorhänge verdecken die Fenster im Parterre. Es ist kühl hier, was auch an den beiden Männern im Hintergrund liegen mag, von denen einer die Pistole zwanglos im Bund der Trainingshose trägt und der andere das Gewehr im Schultergurt. Sie wachen über Rexhip Selimi, den sogenannten Innenminister des Kosovo. Auf dem runden Tisch steht der rote Wimpel mit dem doppelköpfigen Adler, dem albanischen Banner des Kosovo, ein deutschkundiger Assistent ist da und eine Dolmetscherin, serviert wird Coca-Cola und türkischer Kaffee in kleinen Tassen. Der Gastgeber ist 30 Jahre alt, er trägt ein schwarzes Hemd und eine dunkle Hose, misstrauisch mustert er den Fremden. Was will der nur wissen?
Fragen zu seiner Zuständigkeit sind Selimi suspekt, überhaupt ist das Leben als Politiker wohl etwas ungewohnt. Hashim Thaci, der Chef der Kosovo-Befreiungsarmee UCK und Premier der selbsternannten Interimsregierung, hat ihn ja erst vor ein paar Wochen ins Kabinett berufen. Bis dahin steckte Selimi in Tarnkleidung und trug eine Kalaschnikow, organisierte Attacken gegen den serbischen Feind und sah zu, dass er nicht in die Fänge von Belgrads Spezialeinheiten geriet. Für einen Moment weicht die Anspannung aus seinem Gesicht, als er vom 28. November 1997 erzählt. An diesem Tag hielt er im Drenica-Tal die erste flammende Rede im Namen der UCK und wurde so zu einem der Helden des Widerstandes: Da hat der Frontkrieg begonnen, sagt Selimi, die Erinnerung macht ihn stolz, auch jetzt, da der Frieden in den vierten Monat geht.
Eigentlich steht sein Ressort unter anderer Aufsicht. Mitte Juni sind die Panzer der Nato-geführten Schutztruppe KFOR in die jugoslawische Provinz gerollt offiziell bestimmen nun die Soldaten von Bundeswehr oder British Army die Öffentliche Ordnung, die Selimi zu seinen Aufgaben zählt. Dazu kamen Diplomaten der Vereinten Nationen: Als Angehörige der Übergangs-Verwaltung Unmik planen Experten aus vielen Ländern den Wiederaufbau, eine internationale Polizei mit Beamten aus Bangladesch und den Fidschi-Inseln nimmt gerade ihren Dienst auf. Geregelt ist das alles in der UN-Resolution 1244, die auch die Zukunft der UCK bestimmt: Bis zum 19. September, nach einer großzügigen Frist von 90 Tagen, müssen deren Waffen und Uniformen verschwunden sein. Derweil sollen die rund 8000 verbliebenen Guerilleros ins zivile Leben integriert werden, für das kommende Jahr sind Wahlen geplant. Doch auch wenn die Schutzherren aus dem Ausland überall im Kosovo ihre militärische Stärke demonstrieren, die Machtfrage ist längst nicht entschieden, und Männer wie Rexhip Selimi stellen sie immer wieder neu, Tag für Tag.
Die KFOR hat ihre Pflicht nicht getan, sagt er. Der Minister schimpft über serbische Paramilitärs in Mitrovica und Orahovac, wo Albaner unter Leitung der UCK die Stationierung russischer Truppen blockieren, er schimpft über unbewachte Grenzen und organisierte Gewalt. Die dunklen Augen blitzen. Selimi gehört zu denjenigen aus der UCK, die mit den fremden Soldaten heftig aneinandergeraten sind. Vor ein paar Wochen wurde er an einem Checkpoint festgenommen, nachdem er einem Kontrolleur den Revolver unter die Nase gehalten hatte. Bei einer Razzia in seinem Haus entdeckte die KFOR Waffen, Munition und von Selimi unterschriebene Ausweise, die dessen Inhabern erlauben, eben diese Waffen zu tragen, in Wohnungen einzudringen oder fremdes Eigentum zu beschlagnahmen. Selimi fand die Festnahme gar nicht lustig.
So genau kann er nicht erklären, was sein Ministerium eigentlich tut. Das Gespräch ist schleppend, doch es lassen sich ein paar Grundzüge der UCK-Philosophie in Erfahrung bringen. Natürlich müsse der Kosovo unabhängig werden, sagt Selimi, mit Rechten wie für alle Staaten, natürlich brauche man eine Armee, natürlich wünsche er eine Polizei der UCK. Man dürfe schließlich nicht vergessen, wer die Nato in den Kosovo gebracht habe, sagt Selimi: Die Nato hat in der Luft gekämpft, die UCK am Boden.
Draußen ist es mittlerweile dunkel geworden, wieder beginnt einer dieser lauen lauten Sommerabende von Pristina. Eine seltsame Stimmung hat sich über die Stadt mit ihren 200 000 Einwohnern gelegt. Die Hauptstraße, die noch Anfang Juni um diese Zeit leergefegt war, ist zwischen Grand Hotel und Theater voller junger Leute, Cafés und Restaurants haben lange geöffnet, britische Soldaten sperren die Straße für den Autoverkehr. Trotz der wirtschaftlichen Not sind es noch immer Festtage im Zeichen des Doppeladlers, dem bis vor kurzem verbotenen Symbol. Neben Zigaretten gibt es an fast allen Ständen die Devotionalien des Sieges zu kaufen: Fähnchen, Schlüsselanhänger, Messer, bedruckt mit Kosova und UCK, zwei Wörtern, die offenbar zusammengehören. Aus den Lautsprechern kracht die Hymne des Sängers Bekim Ibrahimi: UCK ruft Pristina, UCK ruft Drenica, UCK ruft ganz Kosovo, UCK blutet für Kosovo.
Abseits der Flaneure, in der Bar gleich gegenüber des mit Stacheldraht geschützten UN-Hauptquartiers, sitzt Lydia. Dies ist einer der wenigen Orte, wo sie sich noch hintraut, aber oft wird sie wohl auch hierher nicht mehr kommen. Die blonde Frau, Mitte 40, ist Professorin für Biologie, anerkannte Umweltschützerin und sie ist Serbin. Wie ihre Eltern ist sie in Pristina geboren. Jetzt will sie weg, ihre Kinder sind schon in Belgrad. Was soll ich hier?, sagt sie mit leiser Stimme, während ein Hubschrauber mit Suchscheinwerfern im Tiefflug seine Runden dreht, ich kann nicht mehr arbeiten und nicht mehr ausgehen. Ich kann hier nicht mehr leben. Sie erzählt von Drohungen an der Haustür, obwohl sich in ihrem Wohnblock sogar ausländische Diplomaten eingemietet haben. Sie kennt die täglichen Horrorgeschichten von Racheakten, von Mord und Vertreibung. Die meisten ihrer Freunde sind bereits geflüchtet.
Wer kein Albaner ist und kein Angehöriger der internationalen Truppe, lebt heute im Kosovo in Angst und Schrecken. Täter und Opfer haben ihre Rollen getauscht, das Klima der Gewalt ist geblieben. Was hat die UCK zu tun mit diesen faschistischen Tendenzen, von denen Veton Surroi schreibt, der Herausgeber der Tageszeitung Koha Ditore? Was bestimmt die UCK wirklich, und was lässt sie geschehen? Was ist dran an all den Gerüchten, an den Geschichten über Verwicklungen in Drogenhandel und Prostitution? Für Lydia ist die Befreiungsarmee schlicht die Mafia.
Die UCK hat viele Gesichter und viele Stimmen, und Wort und Tat passen nicht immer zusammen. Da gibt es den Anführer Thaci, genannt die Schlange, der schicke Anzüge trägt, sich vor Kameras staatsmännisch zu Toleranz und Demokratie bekennt und gerade wieder versichert hat, der Zeitplan der Entwaffnung werde exakt eingehalten. Und da gibt es die schwarzgekleideten jungen Männer, die sich in ihren Kneipen treffen und nachts die Viertel der Serben und Roma unsicher machen. Aber es gibt auch den bärtigen Uniformierten, der mit einer Gesangsgruppe namens Hamez Jashari auftritt und UCK-Lieder singt. Ein Stück UCK findet sich an fast jeder Ecke im Kosovo. Die UCK organisiert Demonstrationen, Blockaden und Fußballspiele, sie kontrolliert Rathäuser, Tankstellen und Bäckereien, ihre Mitglieder üben für eine Nationalgarde und gründen eine Partei namens Demokratische Union. Die haben alles besetzt, sagt Rupert Neudeck von der deutschen Hilfsorganisation Cap Anamur, der mit Unbehagen die Entwicklung im Kosovo beobachtet einer Region, deren Struktur sich aufgelöst hat und deren Gesetze erst wieder neu geschrieben werden müssen. KFOR und UN sind beim Umgang mit den Rebellen inzwischen zwar nicht mehr ganz so sanftmütig wie in den ersten Tagen, überfordert ist die Schutzmacht aber nach wie vor. Sie kann nicht alles gleichzeitig organisieren, und wo sie nicht ist, da kommt die UCK und besetzt das Feld.
Manche haben in dieser Zeit erstaunliche Karrieren gemacht, zum Beispiel Lirak Celaj im Teatri Popullar, 26 Jahre alt. Ich hab noch keine Sekretärin, sorry, sagt er leichthin und führt beschwingten Schritts in sein Büro, in dem alte Möbel stehen und neben goldgerahmten Spiegeln Plakate von früheren Theaterstücken an den Wänden hängen.
Noch vor drei Monaten hätte der junge Mann das Theater nicht betreten dürfen, inzwischen residiert er im ersten Stock als Direktor. Früher hatte Celaj Rollen an kleinen Bühnen und verdiente sein Geld als Designer am Computer, dann zog er für die UCK in die Wälder. Nun dirigiert er das wichtigste Schauspielhaus des Kosovo. Wer ihn dazu bestimmt hat? Unsere Regierung, sagt er, deren Spitze in den Verwaltungsgebäuden gleich gegenüber sitzt. Wir kämpfen jetzt in unseren Berufen für unser Land, deklamiert Celaj. Und was wird aus den Serben, die hier früher Regie geführt haben? Die müssen nach unseren Regeln spielen. In seinem Ensemble gibt es keinen Serben mehr.
Zu Hause ist der Mythos der UCK eine Autostunde nordwestlich, dort, wo der Krieg begann. Die Straße ins Drenica- Tal ist von Schlaglöchern übersät, das Belgrader Regime hat hier nicht investiert. Am Rand der ramponierten Fahrbahn liegen ausgebrannte, von Kugeln durchsiebte Autos, aus Ruinen ragen verrußte Schornsteine wie einsame Mahnmale von Tod und Zerstörung. Bei Skenderei, das die Serben Srbica nennen, führt ein lehmiger Feldweg in eine Siedlung, von der vornehmlich verkohlte Mauern geblieben sind. Hier, in Prekaz, wurden am 8. März nach mehrtägiger Belagerung durch serbische Spezialeinheiten Adem Jashari, sein Bruder Hamez und sein Vater Shaban ermordet, dazu 20 weitere Mitglieder der Familie; Jashari hatte die UCK gegründet. Insgesamt starben in dem Dorf binnen Stunden 53 Albaner. Die Gräber liegen auf einem Hang, sie sind frisch geschmückt. Die Helden der Freiheit, steht auf einer Schärpe. Der albanische Premierminister hat sie kürzlich niedergelegt.
Im Giebel des zerstörten Hauses von Adem Jashari hängt ein Porträt der bärtigen Rebellen mit dem Logo der UCK; unser Vaterland ist in Gefahr, steht darunter, unser Land hat uns gerufen. Es ist ein sonniger Tag, die Vögel zwitschern. Im Nachbarhaus sitzt Rifat Jashari, Adems 53-jähriger Bruder. Er hat das Massaker nicht erlebt, weil er seit einem Vierteljahrhundert bei BMW in München arbeitet. Jetzt hält er am Ort der Tragödie Hof, Prekaz ist ja nun ein Wallfahrtsort. Eine Professorin aus Tirana ist gekommen, ein Regisseur und ein Schauspieler, sie tragen sich ins Gästebuch ein. Man redet, raucht, schweigt. Rifat Jashari, ein freundlicher Mann mit gezwirbeltem Schnurrbart, sagt Sätze wie diesen: Wenn sie mich brauchen, dann nehme ich das Gewehr und gehe mit der UCK.
Nur ein paar Kurven weiter wird für die Zukunft
geübt. Am Tor einer ehemaligen Munitionsfabrik, die
von der Nato bombardiert wurde, erscheint Skender Prokshi,
begleitet von drei jungen Männern. Er ist
Befehlshaber der örtlichen Guard, die
hier ihr Trainingslager aufgeschlagen hat, gleich neben
einem kleinen Stützpunkt der französischen
KFOR-Einheit, und er ist ziemlich wortkarg. Wie viele sind
sie, was machen sie? Wir bereiten uns vor,
sagt Prokshi. Wie? Kann ich nicht sagen. Laut
UN-Vereinbarung darf die sogenannte Garde keine Waffen
tragen, doch die Einhaltung der Vorgabe wird bezweifelt;
ein Fernsehteam berichtete von Schußübungen.
Prokshi meldet, wir machen das, was der Kommandant
der UCK befiehlt. Viel mehr hat er nicht zu sagen,
nur eins noch, und da wird er feierlich: Hier ist
die UCK geboren, sagt er zum Abschied, und wir
werden nie von hier verschwinden. Dann verschwindet
er wieder. Er bereitet sich vor.
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