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Vertriebene Serben: „Milosevic hat uns betrogen und verraten“

Verlierer will keiner umarmen

Hunderttausende hat Belgrad zu Flüchtlingen gemacht, erst aus Kroatien, dann dem Kosovo – nun scheren die Gestrandeten das Regime nicht mehr

Von Stefan Ulrich

Kragujevac, im September – Manche Menschen haben Albträume, in denen sich stets dieselbe schlimme Geschichte wiederholt. Für andere werden solche Träume wahr. Vladimir Tintor und seine Leute gehören dazu. Sie wurden verjagt und sind geflohen, wurden wieder verjagt, sind wieder geflohen und wieder und wieder – viermal in einem Jahrzehnt. Sie können nicht mehr. Sie lungern herum in einem Heim in Serbien, ohne Job, ohne Geld, ohne Heimat und vor allem: ohne Hoffnung. „Wir leben wie die Tiere“, murmelt Vladimir Tintor, ein schlacksiger Mann Anfang 60 mit weißem Haar. Seine herzkranke Frau Ranka sagt leise: „Ich habe keine Kraft mehr, mich zu erinnern.“ Und fügt entschieden hinzu: „Ich will mich umbringen.“

Die Tintors sitzen auf einer Bank zwischen lang gezogenen, flachen Häusern und haben kein Auge für die Schönheit der Umgebung: Die Sonne streift durch hügelige Obstgärten, eine Taube gurrt, der Wind greift in eine Lindenkrone. Normalerweise tollen Kinder durch die Gärten dieses Schullandheims ein paar Kilometer vor der mittelserbischen Stadt Kragujevac. Jetzt bewohnen es Schattenwesen, grauen, schweigsamen Gestalten. Etwa 150 serbische Flüchtlinge. Sie stammen aus Kroatien, die meisten aus der Region Krajina. Über den Kosovo sind sie hierher gekommen. In der Heimat will man sie nicht mehr haben, und auch in Serbien, bei ihren Landsleuten, sind sie nicht willkommen. Denn sie sind der schlagende Beweis für die verheerenden Niederlagen des jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic in acht Jahren Krieg auf dem Balkan.

„Er hat uns gebrochen“

Hätten sie noch die Kraft, sie würden den Diktator hassen. „Milosevic hat uns betrogen und verraten“, sagt Vladimir Tintor. „Er hat das Schlimmste mit uns gemacht: Er hat uns gebrochen.“ Der alte Mann blickt auf seinen Sohn, der einige Meter weiter auf einem Holzstamm hockt. Ein stattlicher Mann muss er gewesen sein, nun wirkt er wie zusammengeklappt. Ausgemergelt, bleich und reglos. Seine Augen liegen tief in den Höhlen und starren auf die lehmverkrusteten Schuhe. Den ganzen Nachmittag blickt er nicht auf, sagt kein einziges Wort.

In Jugoslawien gibt es viele Tintors. Die Hunderttausende geflohenen Serben aus Kroatien gehören zu den traurigsten der unzähligen Flüchtlinge des Balkans. Und zu den Vergessenen. Dabei hat alles mit einem serbischen Sieg begonnen: 1991 besetzten serbische Milizen fast ein Drittel der Republik Kroatien und errichteten die „Republika Srpska Krajina“. Viele Kroaten flohen aus dem mehrheitlich von Serben bewohnten Gebiet. Doch auch für etliche Serben begann der Exodus wie für die Tintors.

Die Arbeiterfamilie lebte in der Stadt Sisak im kroatisch besiedelten Teil Kroatiens und hatte ein gutes Auskommen. Doch ab Sommer 1991 wurde ihr Leben gestört. „Das Telefon läutete immer wieder, Unbekannte drohten, uns zu ermorden“, erzählt Vladimir Tintor. „Zuletzt klingelte es alle zehn Minuten. Da sind wir fortgelaufen.“ Er sagt das nüchtern, doch für ihn, seine Frau, die Tochter, den Schwiegersohn und den kleinen Enkel muss es ein Horror gewesen sein. „Eines Abends setzten wir uns in den Wagen und fuhren weg. Wir haben uns nicht einmal richtig angezogen.“

Die Familie flüchtete in ihr Ferienhaus in der Krajina. Vier Jahre hatte sie dort Frieden. Dann kam der 4. August 1995. Um sechs Uhr früh begannen die Kroaten ihre „Operation Sturm“. Es wurde ein Durchmarsch, an einem verlängerten Wochenende eroberten die Truppen Zagrebs die serbische Republik Krajina. Die Tintors fanden sich wieder auf der Flucht. Über Bosnien gelangten sie in die nordserbische Provinz Vojvodina. „Wir mussten auf dem Feld Paprika pflücken“, beichtet Vladimir. „Aber Geld dafür haben wir nie bekommen.“ Stattdessen wurden sie wieder verjagt. Denn das Regime in Belgrad hatte eigene Pläne mit Leuten wie den Tintors. Sie sollten sich nützlich machen für Serbiens Glanz und Größe – als Manövriermasse. In den Kosovo wurden sie verpflanzt, um das Serbentum gegenüber den Albanern zu stärken. Die Tintors kamen nach Pristina, die Hauptstadt der unglückseligen Provinz.

Dort versuchte die Familie noch einmal, sich ein zu Hause zu schaffen. Die Erwachsenen fanden Arbeit in einem Elektrizitätswerk. Das Verhältnis zu den Albanern sei nicht schlecht gewesen, sagt Vladimir. Doch im Frühjahr holte die Tintors der Albtraum wieder ein. Erst wurden die Albaner aus Pristina vertrieben und dann, nach dem Kosovo-Krieg, die Serben. „Geht weg, oder wir werden Euch niedermetzeln“, drohten Albaner dem Familienoberhaupt und hielten ihm ein Messer an die Kehle. Die Tintors setzten sich in ihren alten roten Lada und machten sich – wie Zehntausende andere Serben – auf die Flucht.

Diesmal wollten sie nach Belgrad. Die Regierung, so dachten sie, werde sich um sie kümmern müssen, wo sie doch an ihrem Elend schuld ist. Aber wie viele andere serbische Vertriebene wurden die Tintors nicht einmal in die Hauptstadt gelassen. An der Autobahnmautstelle vor Belgrad wurden sie nach Kragujevac umgeleitet. Auch dort empfing man sie keineswegs mit offenen Armen. Denn die Menschen in der von der Nato schwer attackierten Industriestadt kämpfen selbst ums Überleben. Alle Fabriken sind geschlossen, legale Arbeit gibt es praktisch nicht. Die ganze Stadt ist ein Notfall. An den Straßen liegen Autowracks, die Bürgersteige bröckeln, Hunde wühlen in Abfallhaufen. Wer kann, schlägt sich mit Schmuggel und Schwarzhandel durch oder versucht ein Stück Land zu beackern, um nicht zu verhungern. Und dann noch die Flüchtlinge, 5000, überwiegend aus Kroatien, leben schon seit Jahren hier, etwa 25 000 sind seit Juni aus dem Kosovo dazugekommen; und Tag für Tag werden es mehr.

Wie soll, wie kann die von einem serbischen Oppositionsbündnis regierte Stadt das bewältigen? „Es ist klar, dass man human sein und den Leuten helfen muss“, sagt Bürgermeister Veroljub Stevanovic. „Aber zuerst muss man sich selbst helfen.“ Das Stadtoberhaupt sieht bereits am Vormittag müde aus, blass unter der gebräunten Haut, mit sehr schmalen, grünen Augen. „Der Staat ist völlig unfähig, für die Flüchtlinge zu sorgen“, sagt Stevanovic, und seine Stimme wird ganz leise vor Verachtung. „Alle Rufe nach Belgrad sind umsonst.“

Das Abenteuer Rückkehr

Das können die Krajina-Serben in dem Schullandheim nur bestätigen. „Schau her, was wir zu Essen kriegen“, sagt eine alte Frau und zeigt einen Eimer, in dem eine orangerot schillernde Brühe schwappt. Mit einem Holzlöffel wirbelt die Alte ein paar fasrige Bohnen auf. „Das ist unser Mittagessen“, schimpft sie. „Morgens und abends gibt es altes Brot.“ Vladimir Tintor fällt ihr ins Wort: „Dabei dürfen wir uns nicht einmal beklagen. Sonst sagen die Behörden: Wenn Du nicht glücklich bist, dann verschwinde! Du bist frei zu gehen!“

Genau das wollen die Tintors tun. Weil sie keine Zukunft in Jugoslawien sehen, wollen sie zurück nach Kroatien, wie Zehntausende andere Serben aus der Krajina. Nun hat der Friedensvertrag von Dayton 1995 zwar die Rückkehr der Flüchtlinge festgeschrieben. Doch in der Praxis sind die Hürden enorm. Weil die Regierung in Zagreb keine kollektive Heimkehr der Vertriebenen erlaubt, muss jeder einzelne auf verschlungenen bürokratischen Wegen um Rückkehr-Erlaubnis ersuchen. Aber den kroatischen Serben hilft auch ein positiver Bescheid nur wenig. Denn wo sollen sie hin in der Kraijna? Viele ihrer Häuser sind zerstört oder von kroatischen Flüchtlingen aus Bosnien besetzt.

Die Tintors wollen sich dennoch auf das Abenteuer Rückkehr einlassen. Noch einmal wollen sie in den alten roten Lada steigen und sich auf eine Fahrt ins Ungewisse machen. In Serbien hält sie nichts. In Kroatien lockt ein Hauch von Hoffnung: Wenn sie zum Beginn ihrer Odyssee zurückkehren, werden sie vielleicht aus dem Albtraum erwachen.

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