Neue Zürcher Zeitung AUSLAND Montag, 18.10.1999 Nr. 242 2
| Schlag Ägyptens gegen die Muslimbrüder |
| Mitglieder von Berufsverbänden in Haft |
| ber. Kairo, 17. Oktober |
Die ägyptische Polizei hat am Donnerstag abend zwanzig Mitglieder der Muslimbruderschaft festgenommen. Bei der Aktion handelt es sich um den härtesten Schlag gegen die theoretisch verbotene, aber mehr schlecht als recht geduldete Organisation der ägyptischen Muslimbrüder seit 1995. Die Verhafteten sind ausnahmslos fundamentalistische Mitglieder verschiedener Berufsverbände. Der Prominenteste ist der ehemalige Parlamentarier und Schatzmeister des Anwaltsverbands, Mukhtar Noh. Weitere bekannte Exponenten sind die Vorsitzenden des Veterinär- und des Ärzteverbandes und mehrere Vorstandsmitglieder des Ingenieur- und Apothekerverbandes. Sie sind angeklagt, mit einer Untergrundorganisation und heimlichen Treffen die Aktivitäten der verbotenen Muslimbruderschaft wiederbeleben zu wollen. Ziel sei die Unterwanderung gesellschaftlicher Organisationen, Aufhetzung der Massen und die Penetration der Berufsverbände.
Die zahlreichen islamistischen Anwälte, die unverzüglich zu ihren für vierzehn Tage in Untersuchungshaft genommenen Genossen eilten, wiesen diese Anklagen zurück. Sie machten geltend, dass die Aktion in Wahrheit auf den Einfluss der Muslimbrüder in den Berufsverbänden ziele. Tatsächlich besitzen die Muslimbrüder in den Verbänden der Anwälte, der Ärzte und der Ingenieure seit Jahren die Mehrheit; ausserdem sind sie stark in den Organisationen der Veterinäre, der Apotheker und der Buchhalter vertreten. Der Sohn des Gründers der Muslimbrüder, al-Banna, meint, der Staat habe eine ganze Schublade voller fertiger Anklagen, von denen er, wenn immer er sich von der Muslimbruderschaft bedroht fühle, eine passende herausziehe. Der Auslöser und eigentliche Grund der Verhaftung sei ein Gerichtsurteil gewesen, das Mitte letzter Woche vom obersten Revisionsgericht erlassen worden war, erklärt der Anwalt Atif Awwad. Mit ihm erhalten die Berufsverbände einen Grossteil ihrer Freiheit und Aktionsmöglichkeiten zurück, die sie 1995 durch die Änderung eines Gesetzes verloren hatten. Damals hatte das Parlament beschlossen, die Wahlen in den Vorstand der Berufsverbände unter die Kontrolle eines Richterkollegiums und staatlicher Organe zu stellen.
Nach Meinung der Muslimbrüder war diese Gesetzesänderung eindeutig gegen sie und ihre wachsende Einwirkung auf die Berufsverbände gerichtet. Die Vertreter der Verbände hatten sie deshalb als Beschneidung der Verbandsfreiheit und Einmischung des Staates bezeichnet und einen Prozess dagegen angestrengt. Wie wichtig der Regierung die Kontrolle über die Muslimbruderschaft ist, bewies sie ein halbes Jahr nach der Gesetzesänderung, als sie im August 1995 die Brüder mit Razzien und Verhaftungen von rund 200 ihrer Mitglieder an der Teilnahme der Parlamentswahlen abzuhalten versuchte. Heute stünden wieder Wahlen bevor, fährt Awwad fort. Zwar seien es erst die der Berufsverbände, doch könnten sie sich als deutlicher Gradmesser für die Stärke der Muslimbruderschaft in der ägyptischen Bevölkerung erweisen.