Opposition berichtet von 200 Festnahmen
Viele Menschen nach Grossdemonstration in Weißrussland verschwunden / Angst vor Polizei
Von Edith Heller
WARSCHAU, 16. Oktober. Nach der großen Demonstration in der weißrussischen Hauptstadt Minsk am vergangenen Sonntag sind Angaben der Opposition zufolge mehr als 300 Menschen verschwunden. Zwei Drittel von ihnen seien festgenommen worden, etwa hundert Menschen seien wahrscheinlich untergetaucht, um einer Verhaftung zu entgehen, hieß es am Montag. Alle Festgenommenen werden voraussichtlich in Kürze von Amnesty International als politische Häftlinge anerkannt werden.An der Demonstration gegen die Politik von Staatspräsident Alexander Lukaschenko hatten nach Schätzungen von Beobachtern mehr als 20 000 Menschen teilgenommen. Es handelte sich um die größte Demonstration in Weißrussland seit drei Jahren. Die Demonstranten - darunter viele Familien, die sich zum ersten Mal einem Protest anschlossen - trugen riesige weißrussische Flaggen und das Sternenbanner der Europäischen Union.
Sie protestierten gegen die von Lukaschenko geplante Union mit Russland und riefen "Nieder mit Lukaschenko", "Nieder mit dem Polizeistaat", "Wir wollen nach Europa", "Wir wollen keine Union mit Russland".
Nachdem etwa die Hälfte der Demonstranten vor den Präsidentenpalast gezogen war, griffen Polizei und Militär ein und knüppelten die Demonstranten, darunter viele Frauen, brutal nieder. Einige Männer retteten sich durch einen Sprung in das eiskalte Wasser der Schwislotscha. Noch während der Demonstration und in der folgenden Nacht wurden etwa 200 Demonstrationsteilnehmer verhaftet. 100 weiteren gelang es, sich vor dem Zugriff der Polizei zu verstecken. Der vor einem Monat verschwundene - vermutlich ebenfalls von der Geheimpolizei verhaftete - Oppositionspolitiker Viktor Hantschar ist bis zum heutigen Tag nicht aufgetaucht.
Die Demonstration war von der Weißrussischen Nationalen Front, der Vereinigten Bürgerpartei, den weißrussischen Sozialdemokraten und Bürgerrechtsorganisationen gemeinsam organisiert worden. Ähnliche Aktionen hatten zur gleichen Zeit in der Provinz, unter anderem in Witebsk und Mohylew stattgefunden. Die Behörden hatten in Schulen, Hochschulen und Fabriken vor der Teilnahme an der Demonstration gewarnt. Am Tag der Veranstaltung organisierten sie kostenlose Kinobesuche und freien Eintritt in Vergnügungsparks, um die Teilnehmerzahl zu reduzieren.
Nach diesen vorsorglichen Maßnahmen waren selbst die Veranstalter von der großen Zahl der Demonstrationsteilnehmer überrascht. "Wir haben einen großen Erfolg zu verzeichnen", erklärte Nikolaj Chalezin vom Organisationskomitee: " Ich habe schon lange keine Menschen mehr gesehen, die keine Angst haben, mit hoch erhobener Stirn auf die Straße zu gehen".
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Dokument erstellt am 18.10.1999 um 20.45 Uhr
Erscheinungsdatum 19.10.1999