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Montag, 29. November 1999
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NZZ Monatsarchiv

Neue Zürcher Zeitung AUSLAND Samstag, 27.11.1999 Nr. 277  1

Blutige Zusammenstösse in Nigerias Metropole

Haussa gegen Yoruba - viele Tote in Aussenquartier von Lagos

    Bei blutigen Zusammenstössen zwischen Haussa und Yoruba in einem Aussenquartier der nigerianischen Metropole Lagos sind am Donnerstag und Freitag mindestens 40 Personen ums Leben gekommen. Die Polizei erhielt zur Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung den Schiessbefehl. Der Auslöser des Konflikts, der ein enormes Gefahrenpotential birgt, liegt in der Kontrolle über einen Lebensmittelmarkt.

win. Nairobi, 26. November

    

    Nigerianische Polizeieinheiten mit einem strikten Schiessbefehl haben am Freitag versucht, Ruhe und Ordnung in einem Aussenquartier der nigerianischen Metropole Lagos wiederherzustellen, nachdem es am Vortag bei einem Markt von Ketu zu blutigen Zusammenstössen zwischen Angehörigen der Haussa und Yoruba, der beiden zahlenmässig stärksten Ethnien Nigerias, gekommen war. Die Zusammenstösse, die mindestens 40 Todesopfer forderten, sollen über der Frage ausgebrochen sein, wer die Kontrolle über den Markt ausübt. Traditionell war der Vorsitz der Vereinigung, die das Marktgeschehen kontrolliert, in den Händen der aus Nordnigeria stammenden Haussa. Die Yoruba, die aus dem Südwesten Nigerias stammen, hätten den Vorsitz nun aber für ihre Ethnie gefordert.

Explosive Konstellation

    Marodierende Banden zogen mordend und brandschatzend durch die Gegend; Augenzeugen berichteten in der BBC, es sei zu aussergewöhnlich brutalen Entgleisungen gekommen. Der BBC-Korrespondent sagte nach einem Augenschein am Freitag, er habe auf einem kurzen Strassenabschnitt in Ketu mindestens 20 Leichen gesehen. Es kam auch verschiedentlich zu Plünderungen. Präsident Obasanjo gab am Donnerstag abend der Polizei den Befehl, Unruhestifter sofort zu erschiessen. Obasanjo sagte in einer Rede am staatlichen Fernsehen, das Land dürfe nicht Kriminellen und Lumpen überlassen werden. «Wenn sich Leute entschliessen, sich wie Tiere zu verhalten, müssen sie wie Tiere behandelt werden», sagte Obasanjo. Im Zentrum des Geschehens soll laut unbestätigten Berichten die militante Yoruba-Organisation Oodua People's Congress (OPC) stehen, die mit mehr als zweifelhaften Methoden für eine unabhängige Yoruba- Republik kämpft. Der OPC hatte unter anderem auch im Februar während der Präsidentenwahl die gespannte Stimmung in Teilen von Lagos dazu benutzt, Ausschreitungen zu provozieren.

Fataler Ruf nach der Armee

    Die Härte, mit der Obasanjo auf die Zusammenstösse reagierte, zeigt, welch grosses Gefahrenpotential der Staatschef dem an und für sich lokal begrenzten Konflikt beimisst. Bereits im Juli war es unweit von Lagos zu Kämpfen zwischen Haussa und Yoruba mit mehreren Todesopfern gekommen. Kurze Zeit später rächten sich die Haussa in der nordnigerianischen Stadt Kano mit Angriffen auf die dorthin migrierten Yoruba. Obasanjo befürchtet zu Recht, dass auch die Gewaltorgie von Ketu ein Nachspiel im Norden des Landes haben und leicht in eine Spirale der Gewalt münden könnte. Die vielfältigen Konflikte in Nigeria, welche unter den vergangenen Militärregimen eher schlecht als recht unter einem eisernen Deckel gehalten worden waren, sind seit der Amtsübernahme der gewählten Führungen im Mai an verschiedenen Orten deutlich sichtbar ausgebrochen. Im Gebiet des Niger-Deltas ist bereits die Armee zur Unterdrückung gewalttätiger Jugendbanden aufgeboten worden, welche auf dem Nährboden der wirtschaftlichen Vernachlässigung ein kriminelles Eigenleben entwickelten. Auch nach den Ausschreitungen von Ketu sind Rufe nach einem Armee-Einsatz laut geworden. Die neuen zivilen Institutionen sind von der Heftigkeit der Konflikte und der Gewaltbereitschaft der Beteiligten offensichtlich überrascht und überfordert worden.

    Im Zusammenhang mit den Ereignissen in Ketu geriet der Gouverneur des Gliedstaats Lagos ins Schussfeld der Kritik, weil er nicht entschlossen genug eingegriffen habe. Die nigerianischen Politiker sind in einer Zwickmühle: Sie haben grössere Hemmschwellen, wenn es darum geht, die Armee zum Ordnungsdienst zu rufen, nachdem diese erst vor einem halben Jahr in die Kasernen zurückkehrte. Auf der anderen Seite waren es in der Geschichte Nigerias gerade blutige Konflikte zwischen den Ethnien, welche der Armee den Anlass zu Staatsstreichen gaben.

(Kommentar Seite 5)

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