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NZZ MonatsarchivNeue Zürcher Zeitung AUSLAND Samstag, 27.11.1999 Nr. 277 5
Das iranische Geheimdienstministerium hat die Aushebung einer Gruppe von islamischen Extremisten bekanntgegeben, die unter anderem Präsident Khatami und seinem Vorgänger Rafsanjani nach dem Leben trachteten. Im Ringen vor der Parlamentswahl stehen nach dem Schauprozess gegen den Reformer Abdallah Nuri wieder die Rechtsradikalen am Pranger.
Die amtliche Nachrichtenagentur Irna hat am Donnerstag die verblüffende Erklärung der Geheimpolizei verbreitet, dass ein etwas allzu inspirierter Geistlicher mit angeblich direkten Verbindungen zum entrückten schiitischen Mahdi den Präsidenten der Republik, Khatami, seinen Vorgänger Rafsanjani und den früheren Leiter der Justiz, Yazdi, ermorden wollte. Offensichtlich ist nun in der Hitze des politischen Ringens um die Mehrheit im nächsten Parlament auch die letzte Zurückhaltung gefallen. Als die Iraner vor zweieinhalb Jahren den Geistlichen und Reformer Khatami zum Präsidenten wählten und ihm dann der Revolutionsführer Khamenei seinen Segen gab, ahnten sie wohl nicht, dass er auch unter dem Mantel der Geistlichkeit rückhaltlos aufräumen würde.
Zwei Wochen lang hatte ein äusserst konservativer Sondergerichtshof für Geistliche die zweite Galionsfigur der Reformer, den abgesetzten Innenminister Abdallah Nuri, mit absurden Anklagen der Ketzerei überhäuft: Er verfechte etwa die gottlose These, dass die Islamische Republik sich nach dem Willen ihrer mündigen Bürger zu richten habe, anstatt sich ganz den angestammten Verwaltern des Erbes von Imam Khomeiny anheimzustellen. Jetzt rücken die Reformer wieder jene falschen Seelsorger ins Rampenlicht, welche jeden unabhängigen Geist radikal auszulöschen trachten. Im September hatte man anhand freimütiger Geständnisse eines dieser Revolutionsaktivisten und Gerichtsbeisitzer erfahren können, wie sich Seilschaften solcher gewalttätigen konservativen Gralshüter durch Geheimdienst, Revolutions- und Sondergerichte sowie Ordnungskräfte hindurchziehen. Und ein Jahr zuvor hatte das Geheimdienstministerium eingeräumt, dass einige seiner militanten Agenten zu den Urhebern einer Mordserie an Freidenkern in Teheran gehörten. Nach dem Polizeicommuniqué vom Donnerstag wurden sämtliche 34 Mitglieder der Gruppe unter der Führung eines «verirrten» Klerikers aus Meshhed festgenommen. Dieser war schon früher vom Sondergericht für Geistliche belangt worden. 20 der Aktivisten seien nach dem Verhör wieder freigelassen worden. Der Mullah habe sich seit 1976 unter Berufung auf direkte Anweisungen vom verstorbenen zwölften Schiitenimam, dem Mahdi, seine Anhängerschaft, Mahdavia genannt, angesammelt. Wahrscheinlich hatte er aus dem Kreis seiner religiösen Studenten rekrutiert. Die Gruppe hatte die Ermordung von Khatami, Rafsanjani und Yazdi geplant; letztes Jahr hatte sie bei einem Anschlag in Teheran den Richter Ali Razini zu verletzten und einen Begleiter zu töten vermocht. Sie hatte auch Attentate auf Freitagsprediger der sunnitischen Minderheit vorbereitet, um religiöse Spannungen anzustacheln. Zwischen Oktober 1998 und März 1999 hatten die Militanten bei fünf Einbrüchen in Lagern der Revolutionsfreiwilligen (Bassij) 53 Schusswaffen und haufenweise Munition gestohlen; sie hatten auch Beziehungen innerhalb und ausserhalb Irans aufgebaut, um finanzielle und politische Unterstützung sowie operationelle Informationen für ihre Angriffe zu erhalten.
Obwohl die Polizei keine Namen und genaue Daten bekanntgab, vermuten gewisse Iraner in dem Chef der Bande den Sohn des Gross-Ayatollahs Milani in Meshhed. Es mag jedoch erstaunen, dass mehr als die Hälfte einer Aktivistenzelle mit derart staatsgefährdenden Plänen einfach wieder freigelassen wurde. Das würde auf eine marginale Verirrung hindeuten, wie sie in einer Gesellschaft ohne die Schranken bürgerlicher Selbstkontrolle vorkommt. Man gibt hingegen auch zu bedenken, dass die Geheimpolizei seinerzeit den Anschlag auf Hojatoleslam Razini jener Gruppe rund um den stellvertretenden Geheimdienstminister Said Emami anlastete, die die Freidenkermorde verübt habe. Emami hatte im letzten Juni unter zweifelhaften Umständen Selbstmord begangen, und der Fall ist längst nicht geklärt. Drei Tage vor der Erklärung über die Bande von Meshhed publizierte die Teheraner Presse auch ein Communiqué einer Untergrundgruppe namens Fedayin-e Eslam, welche die «Durchsetzung von Gottes Urteil an den Agenten Amerikas» androhte; zu diesen Agenten, die die Islamische Republik durch Reformen korrumpierten, zählten sie Präsident Khatami und seine Leute. Die Fedayin werden meist in die Nähe der Hizbullah-Aktivisten gerückt, die von konservativen Kreisen gedeckt werden. Gegen eine Verbindung zur Mahdavia spräche der Umstand, dass diese auch den konservativen Ayatollah Yazdi auf ihrer Abschussliste hatte.
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