Die Algerier fangen wieder an, ihre Toten zu zählen
Nach einer Zeit relativer Ruhe bestimmen Morde und Massaker den Alltag / Bouteflikas Friedenspolitik steht in Frage
Von Axel Veiel (Madrid)
Mehr als 150 Menschen wurden in den vergangenen vier Wochen in Algerien umgebracht. Eine deutliche Zunahme von Fahrzeugdiebstählen nährt in Algier obendrein die Furcht, Angehörige der Bewaffneten Islamischen Gruppen (GIA) könnten versuchen, die Hauptstadt mit Autobomben zu terrorisieren.
Was bereits Vergangenheit zu sein schien, die Morde an Straßensperren, die Massaker auf dem Land, bestimmt auf einmal wieder die Gegenwart in Algerien. Und dass am 10. Dezember der Fastenmonat Ramadan beginnt, hat die Sorge vor neuem Blutvergießen noch verstärkt. Der Ramadan war den Gewalttätern in den vergangenen Jahren immer ein willkommener Vorwand für noch mehr Grausamkeit. Und als ob das Szenario nicht düster genug wäre, gibt es nach den tödlichen Schüssen auf den gemäßigten Heilsfrontführer Abdelkader Hachani auch noch Grund zur Sorge, dass die Gegner eines Ausgleichs mit den Islamisten die Friedenspolitik von Staatschef Abdelaziz Bouteflika sabotieren könnten.Anfang November noch war neue Hoffnung aufgekommen. Die Initiative Bouteflikas, der reumütigen islamistischen Gewalttätern mit einer Amnestie-Offerte die Hand zur Versöhnung gereicht hat, fand zunehmend auch im Ausland Anerkennung. Als erste europäische Fluglinie honorierte Alitalia das Erreichte: Die italienische Gesellschaft nahm den Luftverkehr nach Algerien wieder auf. Doch nicht nur sie sah das Land auf gutem Wege. Aus Brüssel verlautete im November, man wolle in den ersten drei Monaten des kommenden Jahres Verhandlungen über eine engere Partnerschaft mit Algier aufnehmen. Auch Deutschland reagierte auf: Die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), deren Mitarbeiter Algerien 1993 verlassen hatten, kündigte ihre Rückkehr an.
Doch wie in den bleiernen Jahren Mitte der Neunziger zählen die Zeitungen des Landes nun wieder die Opfer der Gewalt. Staatschef Bouteflika muss sich vorhalten lassen, dass er das zunächst vorgelegte Reformtempo nicht durchhalten konnte. In den ersten fünf Monaten seiner Präsidentschaft hatte er seine Friedenspolitik entschlossen vorangetrieben. Nach der Kapitulation des bewaffneten Arms der Heilsfront FIS umwarb er den islamistischen Gegner mit Amnestie-Angeboten und versuchte, Militärdienst-Verweigerer mit einem Straferlass zu integrieren. Im September stimmte das Volk mit überwältigender Mehrheit seiner Politik zu.
Aber dann wurde es ruhig um den Friedenspolitiker. Nicht einmal ein neues Kabinett mochte der Staatschef präsentieren. Dabei hatte er sich über die von seinem Vorgänger Liamine Zeroual übernommene Regierungsmannschaft nicht gerade wohlwollend geäußert. Ganz zu schweigen von der immer wieder ins Gespräch gebrachten Freilassung des moderaten Heilsfront-Führers Abassi Madani, der weiterhin unter Hausarrest steht.
Aber vielleicht konnte oder durfte Bouteflika auch nicht weiter vorangehen. Zumal nach dem neuerlichen Aufflammen der Gewalt wird in Algier wieder darüber spekuliert, ob die unversöhnlichen Kräfte in der Armee dem Staatschef Grenzen aufgezeigt haben könnten. Gerüchte, wonach hohe Generäle den Friedenskurs Bouteflikas sabotieren, erhielten durch den Mord an dem FIS-Führer Hachani neue Nahrung. Freunde des Opfers sollen berichtet haben, dass die Polizei die seit 1997 laufende Überwachung Hachanis ausgerechnet am Tag des Mordes aussetzte. Algeriens Presse freilich ist sich einig, dass die Gia die Mörder geschickt hat.
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Dokument erstellt am 02.12.1999 um 20.45 Uhr
Erscheinungsdatum 03.12.1999