Neue Zürcher Zeitung AUSLAND Donnerstag, 09.12.1999 Nr. 287 9
| Schwächung der ägyptischen Muslimbrüder |
| Verhaftungen und innere Konflikte |
Die ägyptische Regierung hat mit einer Verhaftungswelle unter islamistischen Verbandsfunktionären gezeigt, dass sie den Islamismus, auch den gemässigten der Muslimbruderschaft, unterdrücken will. Neben Verhaftungen macht der Muslimbruderschaft auch die Abwanderung jüngerer Mitglieder zu schaffen. Die überalterte Führung der Bruderschaft weigert sich, Macht abzugeben.
| ber. Kairo, 7. Dezember |
Anfang Woche sind 16 der 20 islamistischen Verbandsfunktionäre, die im Oktober während einer Sitzung zur Vorbereitung von Wahlen im Anwaltsverband festgenommen worden waren, nochmals an den Ort ihrer Verhaftung gebracht worden. Dort wurden Stimmproben genommen, nachdem die Verhafteten behauptet hatten, die von der Polizei aufgezeichneten Gespräche stammten nicht von ihnen. Laut diesen Aufzeichnungen sollen die Verbandsvertreter eine Neugründung der seit 1954 verbotenen und seither mehr schlecht als recht geduldeten Muslimbruderschaft beschlossen haben. Bei der Verhaftung der Funktionäre hatte es bloss geheissen, diese hätten als Sympathisanten der Bruderschaft die bevorstehenden Wahlen des Anwaltsverbandes vorbereitet. Kurz nach ihrer Festnahme wurden die Verhafteten auf persönliche Anweisung von Präsident Mubarak vor ein Militärgericht gebracht. Ägyptens Militärgerichtshöfe unterstehen, anders als die zivilen Gerichte, dem Ausnahmerecht, das durch Einschränkung der Versammlungsfreiheit die Verhaftung erst ermöglichte.
| Bekenntnis zur Demokratie |
Nach dem stellvertretenden geistlichen Führer der Muslimbruderschaft, Maamun al-Hodeibi, handelt es sich bei der Verhaftung der Verbandsfunktionäre um eine von zahlreichen Massnahmen zur Einschränkung der Aktivitäten der Muslimbruderschaft. Der Hintergrund der jüngsten Festnahme sei die Aufhebung der gerichtlichen Vormundschaft, mit der die Regierung den Verband der Anwälte drei Jahre lang geknebelt habe. Die Annullierung führe nun automatisch innerhalb der kommenden sechs Monate zu Vorstandswahlen; da die Muslimbrüder bei den letzten Wahlen 1992 die absolute Mehrheit erhalten hätten, wolle die Regierung die Teilnahme der prominenten islamistischen Anwälte verhindern.
Die Arbeit in den Verbänden ist die jüngste politische Aktivität der 1928 gegründeten Muslimbruderschaft. Nicht nur im Verband der Anwälte, auch in den Vereinigungen der Ingenieure, der Ärzte und der Lehrer, die alle Hunderttausende von Mitgliedern zählen, konnten die Muslimbrüder Anfang der neunziger Jahre ihre Vormachtstellung ausbauen. Doch die Arbeit in den Berufsverbänden ist laut Hodeibi nur ein Ausweichmanöver. Ihr vorausgegangen war die zweimalige Teilnahme an den Parlamentswahlen in den achtziger Jahren. Damals erlangte die Bruderschaft dank ihrem Bündnis mit dem liberalen Wafd 1984 acht Sitze und drei Jahre später in einer Verbindung mit der rechten Partei der Arbeit sogar 36 Sitze. Danach wurde die Listenverbindung aufgehoben; auf diese Weise konnte die Teilnahme der Bruderschaft an den Wahlen verhindert werden.
Wegen der vom Jihad und der Jamaa al-islamiya begangenen Gewaltakte zu Beginn der neunziger Jahre wurden auch die Muslimbrüder immer stärker verfolgt. Die Muslimbruderschaft veröffentlichte daraufhin eine «Erklärung an das Volk». Darin machte sie auf die Unterschiede zwischen ihrer gemässigten Ideologie und dem Extremismus des Jihad und der Jamaa aufmerksam. Sie betonte, dass sie Terrorismus, Gewalt und Umsturz ablehne. Sie machte Zugeständnisse an die Gleichberechtigung der Frau und bejahte ihre Integration in eine parlamentarische Demokratie sowie das Mehrparteiensystem. Den Christen, in der Erklärung als «Partner im Vaterland» bezeichnet, gestand die Bruderschaft alle Rechte zu; sie sprach sich gegen eine Sonderstellung für Christen aus, wie dies der Jihad und die Jamaa verlangt hatten.
| Richtungskampf im Innern |
Die Regierung habe das Manifest der Muslimbruderschaft und deren deutliche Abgrenzung gegenüber dem Jihad und der Jamaa weitgehend ignoriert, und im Innern sei das Bekenntnis zur Demokratie wirkungslos geblieben, meint der Anwalt Essam Sultan. Er war 1980 als Student der Muslimbruderschaft beigetreten und verliess sie 1996, nachdem er festgestellt hatte, dass er und andere junge Aktivisten angesichts der festgefügten Hierarchie der Bruderschaft keine Aufstiegschancen hatten. Bereits bei seinem Eintritt hätten sich Spannungen zwischen den Konservativen und den Erneuerern abgezeichnet; später hätten sie sich zum eigentlichen Richtungskampf entwickelt. Die erste Gruppe, die bis heute die stärkere geblieben sei, verfolge den Kurs, den der Gründer der Muslimbruderschaft, Hassan al-Banna, 1928 vorgegeben habe. Dessen Ziel war es gewesen, zu den eigentlichen Quellen des Islams, zum Koran und zu den Überlieferungen vom Leben des Propheten, zurückzukehren, auf diese Weise die islamische Ordnung in Staat und Gesellschaft wiederherzustellen und ein islamisches Grossreich, die Umma, zu schaffen. In ihren Anfängen widmete sich die Bruderschaft der sozialen und religiösen Arbeit, doch bald wandte sie sich politischen Problemen wie dem Palästina-Konflikt zu. Sie unterstützte die Palästinenser in ihren frühen Aufständen und bewaffneten Aktivitäten. Ein eiserner Grundsatz war es, sämtliche Aktivitäten geheimzuhalten. Das galt sowohl für die Vorbereitungen auf Attentate wie dasjenige von 1954 auf Präsident Nasser, als auch für die Verbreitung von Informationen über die Organisation.
Die langen Jahre ihres Verbots unter Nasser schwächten die Bruderschaft, radikalisierten aber auch zahlreiche inhaftierten Mitglieder. Unter Sadat erlebte sie einen Aufschwung. Sadat stärkte die Islamisten, um sie gegen die linke und nasseristische Opposition einzusetzen. «Sadat wollte, dass die Muslimbrüder eine Partei gründeten. Doch die Konservativen setzten sich durch und lehnten eine Parteigründung mit dem Argument ab, dass öffentliche politische Arbeit nicht ihr Weg sei», erklärt Sultan. Die nachdrängende junge Generation innerhalb der Bruderschaft lehnte jedoch ein Festhalten an der geheimen Agitation ab. Sie sei es gewesen, die in den achtziger Jahren die Teilnahme der Muslimbrüder an den Parlamentswahlen durchgesetzt und Anfang der neunziger Jahre die politische Aktivität auf die Berufsverbände verlegt habe.
Als die Bruderschaft zusammen mit dem Jihad und der Jamaa Anfang der neunziger Jahre immer stärker verfolgt wurde, verschärfte sich im Innern der Generationenkonflikt. Der Wunsch der jüngeren Mitglieder, eine politische Partei zu gründen, wurde von den alten Führern, die alle über 70 Jahre alt waren, zurückgewiesen. Laut Abulela Madi, der 1996 die Gründung einer Partei vorschlug, war dieses Projekt für die älteren Führer schlicht eine Provokation der Jungen und nicht ein Versuch, die Grundsätze der Bruderschaft zu modernisieren. Nachdem Madi ein Gesuch für eine gemässigte islamistische Partei unter dem Namen «Wassat» eingereicht hatte, wurde er von der Bruderschaft ausgeschlossen. Aus Protest traten zahlreiche Mitglieder aus, unter ihnen vor allem Intellektuelle. Dia Rashwan, Forscher am Ahram-Center für politische Studien, meint, der Konflikt innerhalb der Bruderschaft werde verschärft durch das Fehlen einer charismatischen Führerfigur, wie es der Gründer Hassan al-Banna gewesen sei. Dieser hatte nicht nur eine attraktive, leicht verständliche Ideologie vorgelegt, sondern auch ein festes soziales Netz geschaffen. Die Zahl der Mitglieder und Anhänger stieg Ende der dreissiger Jahre auf rund zwei Millionen. Heute hat die Bruderschaft höchstens noch einige tausend Mitglieder.
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