Süddeutsche Zeitung 22.12.1999

Namibia holt sich Angolas Bürgerkrieg ins Land

Windhuk lässt die Armee des Nachbarn von seinem Territorium aus Rebellen bekämpfen – die Zivilbevölkerung muss dafür bluten

Wer in Windhuk landet, wird noch am Flughafen von der deutschen Botschaft in Namibia dazu beglückwünscht, das ehemalige Südwestafrika zum Urlaubsziel auserkoren zu haben. „Namibia ist ein wohltuend freies Land“, heißt es auf einem dort ausliegenden Merkblatt. Bis vor kurzem hätte kaum jemand dieses Urteil in Frage gestellt. Seit letzter Woche erlaubt es Namibia jedoch Angola, vom Norden des Landes aus Stellungen der angolanischen Rebellenbewegung Unita anzugreifen. Seither hat es den Anschein, als habe das vormals friedliche Namibia das mörderische Chaos von seinem Anrainer importiert.

Augenzeugen berichten, die angolanische Armee habe in Nordnamibia Dörfer geplündert und Massaker unter der Zivilbevölkerung veranstaltet. Namibische Zeitungen und das südafrikanische Fernsehen zeigten Bilder von mehreren Männern, die offensichtlich gefoltert und ermordet worden waren; einige waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Bei ihnen soll es sich um Namibier handeln, die von angolanischen Soldaten der Sympathie für die Unita verdächtigt worden waren. In der Region Kavango haben angolanische Truppen etliche Dörfer niedergebrannt; die Zivilbevölkerung ist vielerorts geflohen. Der Vertreter einer Menschenrechtsorganisation erklärte, junge Namibier würden für die angolanische Armee rekrutiert. Dieser Vorgang vollziehe sich über die namibischen Special Field Forces, eine Sondereinheit der Polizei, die als Privatarmee der Regierungspartei Swapo (South West Africa People’s Organisation) gilt. Namibias Verteidigungsminister bezeichnete derlei Meldungen als „Unfug“.

In Angola herrscht seit der Unabhängigkeit im Jahre 1975 Bürgerkrieg. Seit Beginn ihrer Offensive im vergangenen September ist es den Regierungstruppen gelungen, die Unita-Rebellen aus dem zentralen Hochland zu vertreiben und in die südöstlichen Landesteile nahe der Grenze zu Namibia und Sambia zu drängen. Der Befehlshaber der angolanischen Streitkräfte erklärte, man habe die Unita „zu 80 Prozent zerstört“. Der Vorstoß von Namibia aus soll den Rebellen nun den Garaus machen.

Namibias Beschluss, sein Staatsgebiet den angolanischen Verbänden zur Verfügung zu stellen, erfolgte kurz nach Parlaments- und Präsidentschaftswahlen. Dabei errangen sowohl die Swapo als auch Präsident Sam Nujoma jeweils rund drei Viertel der Stimmen. Oppositionsparteien befürchten, dass die Präsenz angolanischer Soldaten Namibia noch weiter in die auf dem afrikanischen Kontinent geführten Kriege verstricken werde. In der Demokratischen Republik Kongo kämpfen Namibia und Angola zusammen mit Simbabwe auf Seiten von Präsident Laurent Kabila. Die Unita ist mit den kongolesischen Rebellen alliiert.

Gerd  Behrens

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