Europas Kolonialgeschichte in Asien beendet
Macao Macao gehört wieder zu China. Nach 442 Jahren portugiesischer Herrschaft kehrte die 430 000-Einwohner-Stadt an der südchinesischen Küste in der Nacht von Sonntag auf Montag zurück unter chinesische Verwaltung. Damit endet Europas Kolonialgeschichte in Asien. Höhepunkt der Übergabefeierlichkeiten war ein Flaggenwechsel in Gegenwart von Chinas Staatspräsident Jiang Zemin und Portugals Präsident Jorge Sampaio. Neuer Regierungschef der Sonderverwaltungszone ist der 44-jährige Edmund Ho Hau-wah, bisher Chef der größten Privatbank Macaos. Begleitet wurden die Feiern von Protesten von Anhängern der in China verbotenen Sekte Falun Gong. Die Polizei führte nach Rangeleien Dutzende ab, deportierte auch einige. Bürgerrechtlern wurde ohne Begründung die Einreise nach Macao verweigert.
China hat Macao für 50 Jahre einen großen Grad an Autonomie versprochen. Wie für Hongkong soll auch für Macao das Prinzip ein Land, zwei Systeme gelten. Artikel zwei des basic law, des von Portugal und China vereinbarten Grundgesetzes für Macao, verspricht der Stadt unabhängige Exekutive, Legislative und Justiz. Nun fehlt den Herrschern in Peking nur noch Taiwan in ihrem Puzzle. Jiang Zemin hatte schon im Vorfeld erklärt, die Übernahme Macaos sei ein weiterer wichtiger Schritt auf der Straße zur Wiedervereinigung des ganzen Landes, der Präsident bezeichnete die Machtübernahme in Hongkong und Macao als Modell für die Lösung der Taiwanfrage. Taiwan ist seit Ende des chinesischen Bürgerkriegs 1949 getrennt vom Festland.
Anders als im Falle der ehemals britischen Kolonie Hongkong gab es zwischen Portugal und China keinen Streit über den Modus der Machtübergabe. Die Portugiesen hatten sich Macao vor mehr als vier Jahrhunderten nicht mit Waffengewalt erzwungen, Händler hatten 1557 einen Pachtvertrag von den chinesischen Behörden erhalten. Schon 1974, nach der sozialistischen Nelkenrevolution in Portugal, hatte Lissabon Macao loswerden wollen. China aber hatte die Wirren der Kulturrevolution noch nicht überwunden und drängte auf Verschiebung der Übergabe. Man einigte sich schließlich darauf, Macao vorerst als chinesisches Territorium unter portugiesischer Verwaltung zu belassen. Eine Kolonie im strengen Sinne war Macao also nicht mehr. Anders als in Hongkong 1997 wird auch Macaos Parlament nicht aufgelöst, sondern darf seine Legislaturperiode bis zum Jahre 2001 fortsetzen. < <
Eine aktive Demokratiebewegung gibt es in Macao nicht. Wir hinken 20, 30 Jahre hinter Hongkong her, sagt Antonio Ng, der einzige Abgeordnete der Demokraten im Parlament. Macao hat noch keine nennenswerte Mittelschicht. Dennoch war die scheidende portugiesische Verwaltung Kritik ausgesetzt. Korruption wurde ihr vorgeworfen, Versagen vor dem organisierten Verbrechen und zu wenig Initiative bei der Wirtschaftsentwicklung. Die Stadt lebt vor allem vom Glücksspiel. Ein Drittel aller Angestellten arbeiten im Tourismussektor, die meisten Touristen sind Spieler aus Hongkong. Die Kasinosteuern machen mehr als die Hälfte der Regierungseinnahmen aus. Im Umfeld der Kasinos kam es immer wieder zu Gangsterkriegen. Auch diese sollen zu der Entscheidung Chinas beigetragen haben, eine kleine Einheit der Volksbefreiungsarmee in Macao zu stationieren, 500 Soldaten bereits am heutigen Montag.
Macaos Polizei nahm am Sonntag 40 Falun-Gong-Anhänger
fest, die vor Bannern in einem Park im Stadtzentrum
meditierten. Schon in den Tagen zuvor waren
ausländische Falun-Gong-Anhänger deportiert oder
bereits im Hongkonger Hafen vor der Fahrt nach Macao
abgefangen worden. Die Anhänger der Sekte wollten
offensichtlich die Gelegenheit nutzen, vor Chinas
Führern gegen die Verfolgung ihrer Glaubensgenossen in
China zu protestieren. Falun Gong ist noch legal in Macao.
Auch chinesische Bürgerrechtler aus Hongkong und
Amerika wurden ohne Angabe von Gründen aus der Stadt
geschafft.
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