Neue Zürcher Zeitung AUSLAND Dienstag, 11.01.2000 Nr.8 9
| Äthiopiens Durchbruch am Grossen Gemhalo |
| Spuren des äthiopisch-eritreischen Kriegs in Tigray |
Um kein anderes Stück Land ist im eritreisch-äthiopischen Krieg mit grösserer Verbissenheit und höherem Einsatz gekämpft worden als um die Badme-Ebene im Nordwesten Tigrays. Laut «Africa Confidential» sind bei diesen Kämpfen auf beiden Seiten Zehntausende von Soldaten gefallen. Das Kriegsgeschehen hat Spuren hinterlassen, die noch heute, fast ein Jahr nach der Rückeroberung der Badme-Ebene durch Äthiopien, sichtbar sind.
| ach. Yirga (Tigray), im Dezember |
Im Dorf Adi Hagray, dem Tor zur Badme-Ebene im Nordwesten Tigrays, schaltet Netsanet Asfaw einen Halt ein. Die einstige Guerillakämpferin der Tigray People's Liberation Front, heute Regierungssprecherin im äthiopischen Gliedstaat Tigray, begibt sich zum Armeeposten, um über Funk die Erlaubnis des Frontkommandanten zum Besuch der Badme-Ebene einzuholen. Beim Posten wird sie auf sechs junge Männer aufmerksam, die sich vor kurzem in Adi Hagray eingefunden haben oder von äthiopischem Militär hieher gebracht wurden - eritreische Deserteure. Natürlich ist Netsanet darauf bedacht, die Überläufer dem zu Besuch weilenden Journalisten vorzuführen, bestätigen sie doch, was Äthiopien seit längerem behauptet: Die Eritreer greifen zum Mittel der Zwangsrekrutierung und verfahren alles andere als zimperlich, um die zum Kämpfen Gezwungenen bei der Stange zu halten.
| Für Fahnenflucht die Todesstrafe |
Drei der Überläufer bezeichnen sich als gebürtige Äthiopier. Sie hatten nach eigenem Bekunden das Pech, sich zur falschen Zeit, bei Kriegsausbruch, in Eritrea aufzuhalten. Ein weiterer Deserteur, ein Instruktor der eritreischen Armee, ist in Eritrea geboren, hat aber äthiopische Eltern; er ist auf dem Umweg über den Sudan nach Äthiopien gelangt. Die restlichen zwei sind Eritreer. Einer der Äthiopier, Habtie Kahsay, schildert, wie er in Eritrea bei Kriegsausbruch verhaftet wurde, und zwar just zum Zeitpunkt, da er ein Schiff besteigen wollte, das ihn über das Rote Meer nach Saudiarabien hätte bringen sollen. Man habe ihm alles Geld, das er auf sich getragen habe, abgenommen. Über ein Jahr lang sei er eingesperrt gewesen. Dann habe man ihn in ein Ausbildungslager gesteckt und zum Dienst in der eritreischen Armee gezwungen. Auch die beiden Eritreer geben an, sie seien regelrecht «eingefangen» und zwangsrekrutiert worden. An der Front, berichtet der eine, habe man ihm für den Fall der Fahnenflucht mit der Todesstrafe gedroht. Aber diese Drohungen hätten ihn in seinen Fluchtplänen nur bestärkt. Er sorgt sich um seine Familie, die er, als man ihn zwangsrekrutierte, allein zurücklassen musste. Aber er wagt es nicht, ihr seinen jetzigen Aufenthaltsort mitzuteilen - aus Furcht, ihr könnte ein Leid angetan werden. Alle sechs Überläufer betonen, sie seien nicht verpflichtet, in Adi Hagray zu bleiben. Aber hier, unter der Obhut der äthiopischen Armee, fühlten sie sich sicher.
«In nur sechs Stunden haben wir hier den Durchbruch geschafft.» Netsanet weist auf einen engen Taleinschnitt zwischen zwei Hügeln hin, die wie Türme aus der Badme-Ebene herausragen. Hier, an den Flanken und auf den Kuppen des Grossen und des Kleinen Gemhalo, hatten sich die Eritreer eingegraben, nachdem sie im Mai 1998 tief in die Badme-Ebene vorgestossen waren. Stolz schildert Netsanet, die frühere Kämpferin der Tigray People's Liberation Front, wie es den Äthiopiern im Februar 1999 in der Operation «Sunset» gelang, die Eritreer aus ihren Bunkern und Schützengräben bei den Gemhalo- Hügeln zu vertreiben und die Badme-Ebene wieder in Besitz zu nehmen. Netsanet bezeichnet diesen Sieg über die Eritreer als eine «Lektion»; ihre Ausführungen klingen beinahe so, als habe Äthiopien an jenem Tag im Februar Kaiser Meneliks Triumph über die Italiener in der berühmten Schlacht von Adua 1896 wiederholt.
| Im Aufmarschgebiet der Äthiopier |
Quer zur Schotterstrasse, die sich zwischen den kaum einen Kilometer voneinander entfernten Gemhalo-Hügeln hindurchwindet, verläuft ein Schützengraben, die künstliche Verbindung zwischen den Stellungen auf den Anhöhen. Er markiert die einstige Kriegsfront, die südöstlichste Linie des eritreischen Vorstosses vom Mai 1998. Die rückwärtige Flanke des Grossen Gemhalo gleicht einem Emmentalerkäse. Sie ist durchsetzt mit Löchern - Eingängen zu Bunkern. Entlang der in den Nordwesten führenden Schotterstrasse verläuft ein aufgeschütteter Erdwall. Hinter diesem «Vorhang» konnten die Eritreer, von den Äthiopiern nicht einsehbar, Geschütze und Nachschub an die Front bei den Gemhalo-Hügeln bringen. Von hier aus, sagt Netsanet, sei die Stadt Shiraro, vielleicht eine halbe Fahrstunde im Geländefahrzeug entfernt, wiederholt beschossen worden.
Hinter den Gemhalo-Hügeln dehnt sich die Weite der Badme-Ebene aus, einer fruchtbaren, üppigen Gras- und Buschlandschaft, die einst intensiv für die Viehwirtschaft genutzt wurde. Vieh ist heute kaum mehr auszumachen. Die Eritreer, sagt Netsanet, hätten das Gebiet vermint und deshalb könnten die äthiopischen Vertriebenen auch nach der Befreiung Badmes nicht in ihre Dörfer zurückkehren. Einige hätten es trotzdem getan, aber dabei sei es zu schrecklichen Unfällen gekommen. Netsanets Ausführungen passen nicht so recht zu den Soldaten, Armeelastwagen und Panzern, die hinter den Gemhalo-Hügeln immer zahlreicher am Horizont auftauchen und sich mit grosser Sicherheit auf dem angeblich verminten Gelände bewegen.
| Ein zerstörtes Dorf |
Von den meisten Hütten und Häuschen des Dorfes Yirga stehen nur noch die Mauern. Die Dächer sind weggesprengt oder abgebrannt, die Türen eingebrochen. Im Innern und vor den Hütten liegen Habseligkeiten herum, Kleider und Schuhe - so, als hätten es Plünderer eilig gehabt. Auch das Gemeindehaus, auf einer Anhöhe etwas ausserhalb des Dorfes gelegen, wurde vom Kriegsgeschehen in Mitleidenschaft gezogen. Ein heilloses Durcheinander herrscht in seinen Räumlichkeiten. Nur die äthiopische Flagge hängt wieder frisch und unversehrt am Mast auf dem Vorplatz. In einem der wenigen noch unzerstörten Wohnhäuser Yirgas haben sich Soldaten einquartiert, eine Reparatureinheit. Für deren leibliches Wohl sorgen die Ehefrau eines der Soldaten sowie zwei weitere Helferinnen, die sich freiwillig an die Front gemeldet haben und ihre Küchendienste unentgeltlich zur Verfügung stellen. Mit einfachstem Gerät bereiten sie aus grünen, an Ort und Stelle gerösteten Bohnen einen hervorragend schmeckenden Kaffee zu, dessen Genuss im Duft von Weihrauchschwaden alle Gedanken an den Krieg vertreibt.
Von den Ruinen Yirgas bis zur Nordfront am Fluss Mereb kann es nicht mehr weit sein, höchstens 20 Kilometer. Unklar ist dagegen der neue Frontverlauf im Westen. Auch Netsanet will oder kann darüber keine Auskunft geben. Gewiss ist nur, dass die Äthiopier vor knapp einem Jahr weit über die schnurgerade Linie, die sowohl auf eritreischen als auch auf äthiopischen Karten die internationale Grenze zwischen dem Mereb- und dem Tekeze-Fluss markiert, hinaus vorstiessen und dass die wiederholten Versuche der Eritreer, den alten, ursprünglichen Frontverlauf wiederherzustellen, alle gescheitert sind. «Africa Confidential» beziffert die Verluste auf beiden Seiten in den Schlachten um die Kontrolle über die Badme-Ebene auf 100 000 Mann; 30 000 Soldaten, die meisten von ihnen Eritreer, sollen allein bei den eritreischen Wiedereroberungsversuchen seit Juni 1999 gefallen sein. Das genaue Ausmass der Verluste verschweigen beide Seiten, wohl aus Rücksicht auf die Stimmung im Volk und die Kriegsbereitschaft derjenigen, die noch zum Militärdienst eingezogen worden sind.
Die für Wirtschaftsentwicklung und Planung zuständige Abteilung des Gliedstaats Tigray hat in einem Bericht vom Juni 1999 die Zahl der intern Vertriebenen im nordwestlichen Bezirk Tahtay Adi Abo - in welchem die Badme-Ebene liegt - auf über 88 000 beziffert. Für Shiraro allein nennt die Studie 14 000 Vertriebene. Diese Zahl dürfte einen vorübergehenden Zustand widerspiegeln, als Shiraro von eritreischer Artillerie unter Feuer genommen wurde und zahlreiche Einwohner weiter ins Landesinnere, zum Beispiel nach Adi Hagray, flüchteten. Wie viele Eritreer im Gefolge des äthiopischen Vorstosses vor einem Jahr zu intern Vertriebenen wurden, geht aus dem Papier der Behörden von Tigray nicht hervor.
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