NZZ Monatsarchiv

Neue Zürcher Zeitung AUSLAND Samstag, 08.01.2000 Nr.6   2

Erlösung im wahhabitischen Islam

Wühlarbeit eines Afghanistan-Veteranen in Nordlibanon

    In Nordlibanon sind die letzten bewaffneten Anhänger der Islamistengruppe, die der Armee blutige Kämpfe geliefert hatte, gestellt worden. Der Anführer der Gruppe war ein Afghanistan-Veteran mit Verbindungen zu Usama bin Ladin. Er rekrutierte und bewaffnete frustrierte Jugendliche, denen er eine bessere Zukunft versprach.    

    Die Beiruter Zeitungen haben bei Politikern und Sicherheitskräften rasch eine Erklärung für das Entstehen der schwerbewaffneten Islamistengruppe at-Takfir wal-hijra gefunden, die über das Neujahrswochenende die reguläre Armee in Nordlibanon in blutige Scharmützel und Treibjagden verwickelt hatte. Die Scharmützel verlagerten sich am Montag abend ins Gebirge; am Donnerstag gingen nach einem Feuerwechsel in Kfar Habou, östlich von Tripolis, die letzten 8 Bewaffneten den Sicherheitskräften ins Netz. Insgesamt zählte man bis zu dem Tag 11 Todesopfer unter den Soldaten sowie über 20 tote Freischärler. Rund 60 Kämpfer wurden gefangengenommen. Der Gründer und Anführer der Gruppe, Bassam Ahmed Kanj, wurde ebenfalls erschossen. Er hatte schon im Afghanistan-Krieg mit den Mujahedin gekämpft; in den letzten drei, vier Jahren rekrutierte er seine angehenden libanesischen «Mujahedin» aus den muslimischen Organisationen von Tripolis und Umgebung. Angesichts dieser Entwicklung, genau nach dem bekannten Schema anderer arabischer Islamistengruppen, fragen sich die Libanesen, wie die Gruppe der Kontrolle der libanesischen Sicherheitskräfte und der syrischen Besetzungstruppen so lange entgehen konnte.

Ableger von Usama bin Ladins «Kaida»?

    Bassam Ahmed Kanjs Leichnam wurde nach der Identifikation durch seinen Bruder am Mittwoch zusammen mit fünf anderen Waffengefährten in Tripolis still begraben. Kanj stammt aus der Region Dhannieh, wo seine Gruppe später Unterschlupf gefunden hat. Er wuchs im Stadtteil al-Kubbeh in Tripolis auf und kämpfte in Afghanistan mit den Mujahedin von Gulbuddin Hekmatiar; zur Belohnung dafür, heisst es, erhielt er einen amerikanischen Pass. Er war mit einer Amerikanerin verheiratet. Weitere Söldnerdienste soll er in Bosnien geleistet haben. Wie viele andere arabische Afghanistan-Veteranen hatte er auch Verbindungen zum exilierten Saudi Usama bin Ladin, dessen Dachorganisation al-Kaida ein Reservoir für islamistische Kämpfer aller Herkunft bildete.

    Mitte der neunziger Jahre kam Kanj nach Tripolis zurück, wo er mit der Unterwanderung der islamischen Organisationen wie Tawhid und al-Hidaya wal-ihsan begann. Er sprach vor allem Halbwüchsige an, die nach ihrer vom Bürgerkrieg geschädigten Kindheit und der perspektivlosen Jugend in der nachfolgenden Rezession empfänglich für seine puristischen Predigten einer Erlösung im wahren, wahhabitischen Islam waren. Er sammelte sie in geheimen Lagern für militärische Ausbildung und Indoktrinierung zum sogenannten Jihad gegen die «Ungläubigen»: gegen den libanesischen Staat, der zuviel Rücksicht auf die Christen und die Amerikaner nehme; gegen die Israeli und ihre lokalen «Agenten» und gegen andere. Geldunterstützung und Waffen erhielt Kanj aus dem Netzwerk der Kaida bin Ladins, wahrscheinlich vor allem von islamistischen Palästinensern in den Flüchtlingslagern bei Tripolis und bei Sidon.

Zur vermeintlichen Zeitenwende

    Dieser Aktivismus blieb längere Zeit verborgen, obwohl zwei von Kanjs Helfern sich durch Bombenanschläge auf orthodoxe Kirchen in Nordlibanon hervorgetan hatten; sie wurden deswegen seit Monaten polizeilich gesucht. Zur Tarnung trug eine willkommene Ansammlung von Weltflüchtigen anderer Art in der Gegend von Dhannieh bei; diese suchten in den Hügeln Schutz vor einer von sufistischen Geistlichen prophezeiten Flut zu Beginn des Jahres 2000. Schliesslich drangen aber Kanjs junge Mujahedin darauf, den «Heiligen Krieg» beginnen zu können. Und als ihnen am letzten Dezemberdonnerstag eine Patrouille der Armee in einem Hinterhalt in die Arme lief, blies das Beiruter Verteidigungsministerium zum Grossangriff im Norden. Nach der Aushebung verschiedener Verstecke und Waffenlager und einer dramatischen Geiselnahme im Kfar Habou war der blutige Spuk am späten Montag praktisch vorbei. Versprengte Trüpplein wurden weiter verfolgt. Der Gerichtshof für Staatssicherheit soll sich der gefangenen Aktivisten annehmen, und die Polizei verhört die Leiter gemässigter Islamistenorganisationen über allfällige weitere Untergrundgruppen.

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