GfbV legt Bericht vor +++ Forderungen der Konferenz an die NATO-Staaten
+++ Roma benennen
Interessenvertreter +++ GfbV-Bilanz der Menschenrechtsverletzungen
+++ Roma und Aschkali sind
durchweg auf Hilfe angewiesen +++ GfbV: Roma und Aschkali werden
nicht ausreichend geschützt
Göttingen, den 10. Januar 2000
Die Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) hat auf einer
Konferenz von Roma, Aschkali und
"Ägyptern" aus dem Kosovo am Sonntag in Göttingen eine niederschmetternde
Bilanz zur Situation
dieser Minderheiten vorgelegt. Nach neuesten Recherchen der Menschenrechtsorganisation
wurden
nach der NATO-Intervention 80 Prozent dieser Volksgruppen kollektiv
von albanischen Nationalisten
aus dem Kosovo vertrieben. Mitarbeiter der GfbV haben die meisten der
300 Weiler, Dörfer und
Stadtviertel dieser Minderheiten in den 29 Bezirken des Kosovo besucht
oder Vertriebene aus
diesen Siedlungen befragt. Unter den Augen der internationalen Schutztruppe
KFOR wurden 75
dieser Ortschaften und Stadtteile völlig, viele teilweise zerstört.
Über drei Viertel der Häuser, 14.160
von 19.699, liegen in Schutt und Asche. Die nur noch rund 30.000 im
Kosovo verbliebenen
Angehörigen dieser Minderheiten sind von medizinischer und Nahrungsmittelhilfe
weitgehend
abgeschnitten.
Nach aktuellen Schätzungen der GfbV waren bei Kriegsbeginn rund
150.000 Angehörige dieser
Minderheiten im Kosovo (acht Prozent der Gesamtbevölkerung) ansässig,
87.000 Aschkali und 63.000
Roma. Sie waren weitgehend integriert und als Bergleute, Industriearbeiter
und
Nebenerwerbslandwirte sowie als Händler tätig. Oft hatten
sie sich einen bescheidenen Wohlstand
erarbeitet, hatten eigene Häuser mit Hof und Garten. Die Aschkali
sprechen Albanisch als
Muttersprache und Serbisch als Fremdsprache. Sie berufen sich teilweise
auf ihre „ägyptische
Abstammung“ und darauf, zur Zeit Alexander des Großen im Kosovo
eingewandert zu sein.
Wissenschaftler führen die Herkunft der Aschkali wie die der Roma
(Muttersprache Romanes,
Zweitsprachen Albanisch und Serbisch) auf indische Einwanderer zurück.
Die rund 300 Teilnehmer der Konferenz, zu der die GfbV bundesweit eingeladen
hatte, forderten die
NATO-Staaten, die KFOR-Truppen und die UN-Verwaltung auf, dafür
zu sorgen, dass
- die Sicherheit aller verbliebenen Siedlungen
der Roma, Aschkali und Ägypter garantiert wird
und Soldaten und Polizisten dort
stationiert werden,
- ausreichende humanitäre und medizinische
Hilfe gewährt wird,
- Arbeitnehmer Angehörige dieser Minderheiten
ihrem ehemaligen prozentualen
Be-völkerungsanteil entsprechend
bei Einstellungen berücksichtigen,
- die Einschulung ihrer Kinder durchgesetzt
wird,
- diese Volksgruppen in den Medien präsent
sind und kulturelle Institutionen für diese
Minderheiten gegründet werden,
- das Eigentum der Flüchtlinge und Vertriebenen
zurückerstattet wird und die zerstörten
Siedlungen in das Wiederaufbauprogramm
miteinbezogen werden,
- alle Kriegsverbrechen, von welcher Seite
sie auch immer verübt wurden, verurteilt werden
und insbesondere jene serbischen
und albanischen Täter zur Rechenschaft gezogen werden,
die Verbrechen an Roma, Aschkali
und Ägyptern begangen haben.
Die deutschen Innenminister forderte das Plenum auf, den geflüchteten
Angehörigen dieser
Minderheiten im Exil weiterhin Schutz vor Abschiebung zu gewähren,
solange diese Forderungen
nicht erfüllt sind. Durch einen schriftlichen Runderlass an Bezirksregierungen
und
Ausländerbehörden müsse den Roma, Aschkali und Ägyptern
aus dem Kosovo ein vorläufiges
Beleiberecht eingeräumt werden.
Die Konferenzteilnehmer benannten 20 Sprecher, die im "Forum für
Roma, Aschkali und Ägypter
aus dem Kosovo" zusammenarbeiten wollen. Das Forum wird noch weitere
zehn Repräsentanten
von auf der Konferenz nicht repräsentierten Gruppen der Flüchtlinge
aufnehmen.
Laut Bilanz der GfbV wurden nach der NATO-Intervention Roma und Aschkali
wie Angehörige der
serbischen Minderheit fast überall von albanischen Nationalisten
oder Nachbarn bedroht und
eingeschüchtert. Es kam zu zahlreichen Misshandlungen, Entführungen
mit anschließender Folter,
Vergewaltigungen und Morden. Viele Roma und Aschkali werden bis heute
von ihren Angehörigen
vermisst. Familien wurden auseinandergerissen und wissen nichts über
den Aufenthalt ihrer
Verwandten. Bis auf die heute nur noch rund 30.000 im Kosovo zurückgebliebenen
Personen
flüchteten etwa 20.000 Roma und Aschkali nach Mazedonien, 20.000
nach Montenegro, rund 40.000
nach Serbien, 2.000 bis 3.000 nach Bosnien sowie insgesamt etwa 40.000
nach Westeuropa, davon
rund 30.000 nach Deutschland. Diese Zahlen sind GfbV-Schätzungen
aus dem Januar 2000.
Mindestens 100 Flüchtlinge ertranken in der Adria auf dem Weg
nach Italien.
Den im Kosovo verbliebenen Roma und Aschkali droht täglich Gefahr
für Leib und Leben. Sie sind
Anfeindungen und tätlichen Übergriffen ausgesetzt, werden
beschossen, mit Handgranaten
angegriffen oder mit Steinen beworfen. Noch immer werden einzelne entführt,
vergewaltigt oder
ermordet. Vor allem in den Städten können Menschen mit dunklerer
Hautfarbe Straßen und
öffentliche Plätze nur unter Lebensgefahr betreten. Roma-
und Aschkali-Kinder werden in
albanischen Schulen nicht aufgenommen. Roma und Aschkali werden von
KFOR und
internationaler Polizei nicht oder nur unzureichend geschützt.
Fast alle Familien dieser
Minderheiten haben kein Einkommen mehr. Roma und Aschkali haben ihre
Arbeitsstellen verloren,
werden von albanische Betriebe nicht eingestellt und haben ihre Ersparnisse
aufgebraucht.
Die Nahrungsmittelversorgung der Roma und Aschkali im Kosovo ist erbärmlich.
Sie sind durchweg
auf Hilfe angewiesen. Doch Hilfslieferungen internationaler Organisationen
erreichen Roma und
Aschkali wenn überhaupt nur sporadisch. Auch die große albanische
Hilfsorganisation „Mutter
Theresa“ kümmert sich kaum um diese Minderheiten. Fast ausschließlich
werden Albaner beliefert,
den Minderheitenangehörigen höchstens die Reste überlassen.
Kaum ein Roma oder Aschkali kann
es wagen, sich Lebensmittel aus Lagerhäusern abzuholen: Vor den
Toren der Lager werden sie oft
misshandelt, geschlagen und auf andere Weise angegriffen. Manche Roma-
und
Aschkali-Dorfgemeinschaften erwägen jetzt die Flucht in Flüchtlingslager
im Kosovo oder in
Mazedonien, da sie hoffen, wenig-stens dort von der Nahrungsmittelversorgung
des UNHCR
berücksichtigt zu werden. GfbV-Mitarbeiter fanden dort jedoch
immer wieder eine unzureichende
Versorgungslage vor. Absolut katastrophal sind die Verhältnisse
in Lagern und Notquartieren in
Serbien, berichten Roma und Aschkali.
Vollkommen unzureichend ist die medizinische Versorgung für Roma
und Aschkali. Sie werden von
vielen lokalen Kliniken abgewiesen. Oft sind die Wege zu einer Klinik,
die Hilfe gewährt, weit. Bei
Notfällen ist es laut Aussagen der GfbV-Mitarbeiter vor Ort bereits
häufiger geschehen, dass zu viel
Zeit zur rettenden Behandlung verstrich.
Für Roma und Aschkali gibt es derzeit keine Perspektive für
eine Rückkehr in den Kosovo. In den
albanischen Orten, in denen es Roma- und Aschkali-Viertel oder einzelne
Häuser gab und aus
denen die meisten Vertriebenen stammen, ist eine Rückkehr schon
wegen der schlechten
Sicherheitslage und der daraus resultierenden Gefahr für Leib
und Leben, aber auch wegen der
katastrophalen Versorgungslage undenkbar. Ein Existenzminimum ist nicht
gewährleistet. In den
serbischen Orten – insgesamt nur sehr wenige kleine Enklaven - , schonen
die ebenfalls
gefährdeten serbischen Einwohner Roma und Aschkali in der Regel.
Doch auch dort können
keine Rückkehrer aufgenommen werden, weil Nahrungsmittelhilfe
die Angehörigen dieser
Minderheiten fast nie erreicht. Zudem werden sie von außen durch
extremistische Albaner aus
Nachbarsiedlungen oder von durchreisenden Albanern bedroht.
Die Gesellschaft für bedrohte Völker wirft den Interventionsstaaten
und den KFOR-Streitkräften vor,
dass sie der Vertreibung von 80 Prozent dieser Minderheiten nicht entschieden
entgegen getreten
sind und bis heute den verbliebenen Roma und Aschkali keinen ausreichenden
Schutz gewähren.
Unter den Augen der KFOR und zum Teil von ihr unterstützt wurden
80 Prozent dieser Volksgruppen
aus dem Land getrieben. Damit hat die europäische Gemeinschaft
zum zweiten Mal seit Hitlers
Genozid an den Roma und Sinti – 1992 bis1995 in Bosnien und 1999 im
Kosovo - einen Frontalangriff
auf diese hilflose ethnische Minderheit toleriert. Die NATO, die interveniert
hatte, um
Massenvertreibung zu verhindern, hat die Rückkehr von 1,5 Millionen
Albanern durchgesetzt. Die
kollektive Vertreibung der Roma- und Aschkali-Minderheiten hat sie
jedoch hingenommen und
unterstützt. Somit hat die NATO ihre Glaubwürdigkeit verloren.
Die Gleichgültigkeit von
Öffentlichkeit und Politik gegenüber diesen Opfern lässt
die Vergangenheitsbewältigung in
Deutschland und Österreich hohl klingen.