Süddeutsche Zeitung 09.02.2000

Die nigerianische Bombe

Das bevölkerungsreichste Land des Kontinents ist einBeispiel für die Sprengkraft der Volksgruppen undReligionen

Von Michael Birnbaum

In Nigerias nördlichem Bundesstaat Zamfara hat dieRegierung jetzt gegen den Willen der Christen dieislamische Scharia als Recht eingeführt, imölreichen Niger-Delta bricht mit tödlicherRegelmäßigkeit Gewalt zwischen verschiedenenVolksgruppen auf. Und in Lagos wird Ganiyu Adams, Chef desmilitanten Arms der Yoruba-Miliz OPC, gesucht. Auf seinenKopf sind 100 000 Naira ausgesetzt, rund 2000 Mark. Mehr als 600 seinerAnhänger wurden schon festgenommen bei dem Versuch,die Unruhen zwischen den militant organisiertenVolksgruppen einzudämmen.

In Nigeria tickt eine Zeitbombe, die für ganz Afrikatypisch ist. Da der Zentralstaat, Erbe des Kolonialismus,dem Einzelnen weder persönliche Sicherheit nochwirtschaftliche Chancen bietet, organisieren sich dieMenschen selbst. Solche Gruppen – unterschieden nachRegion, Volksgruppe oder Religion – versprechen denallein Gelassenen durch Abgrenzung und blinden Aktionismusdas einzulösen, was vom „Staat“ nicht zuerwarten ist: Ein ordentliches Leben.

Nigeria ist dabei nur ein Beispiel – mit seinen ganzspeziellen Eigenarten. Das Land kehrte erst vor knapp achtMonaten unter dem Wahlsieger Olesegun Obasanjo zurDemokratie zurück. Seit seiner Unabhängigkeit1960 von den Briten wurde das bevölkerungsreichsteLand Afrikas mit inzwischen 110 Millionen Menschen bis aufein Jahrzehnt immer von Militärdiktaturen desmuslimischen Nordens und den Volksgruppen der Haussa undFulani regiert. Nachdem nun das eiserne Band dervergangenen 16 Jahre Militärdiktatur zerschlagen ist,wachsen schon nach einer kurzen Phase freiheitlicherEuphorie ernste Zweifel, ob die demokratisch verfassteZentralregierung überhaupt in der Lage ist,jahrzehntelange Ungerechtigkeiten auszugleichen, die vonfrüheren Usurpatoren dieser Staatsmacht angestiftetwurden. Das Gesetz des Handelns haben zumindest längstandere übernommen.

Mitte Dezember zerstörten in der Stadt Ilorin imBundesstaat Kwara militante Muslime 18 christliche Kirchen.Die Stimmung war aufgeheizt worden durch die Diskussion, obauch hier die Scharia gelten solle. In Zamfara ist sieeingeführt, in anderen Bundesstaaten laufen weiterVorbereitungen dazu.

Präsident Obasanjo ist selbst ein christlicher Yoruba.Allerdings wird ihm, der in den 70er Jahren als Nationalisteiner der nördlichen Militärdiktaturen vorstand,aus christlichen Teilen der eigenen Volksgruppe immerwieder vorgeworfen, es mit dem muslimischen Norden zuhalten. Zum Ende des Ramadan, des muslimischenFastenmonats, rief Obasanjo dazu auf, die erst 1999eingeführte neue Verfassung zu respektieren. Dieseschreibt die Trennung von Staat und Religion vor. Aber dieRegierung hat bisher auffällig wenig unternommen, dieEinführung der Scharia zu verhindern.

Doch Religion ist nur eine der Sollbruchstellen im fragilenpolitischen Gebäude Nigerias. Viel mehr Sorge bereitetObasanjo derzeit die Militanz verschiedener ethnischerMilizen. Allen voran schlägt derzeit der OPC zu –der Oodua Volkskongress. Dies ist eine Organisation derYoruba, also der Ethnie, der auch der Präsidentangehört. Der OPC wurde noch zu Zeiten derMilitärdiktatur 1994 gegründet. Damals hatteDiktator Babangida den angeblichen Wahlsieg des YorubaMoshood Abiola einkassiert, Sani Abacha übernahm dieMacht – und Nigeria stand am Anfang der schlimmstenJahre der Militärherrschaft.

Verbrecher in Uniform

Der OPC – benannt nach Oodua, dem sagenhaftenStammvater der Yorubas, die mit rund 20 Millionen einer dergrößten der insgesamt 200 Volksgruppen Nigeriassind – sollte die Eigeninteressen dieser Ethniewahren. Im Alltag ging es hauptsächlich darum,Nachbarschaftsschutz für Yoruba-Viertel zuorganisieren, um dort ein Mindestmaß anöffentlicher Ordnung zu gewährleisten in einemLand, in dem die meisten Verbrechen undGesetzesübertretungen von Staatsdienern und Polizistenverübt wurden. „Aber wir haben den OPC niefür so eine Art von Gewalt aufgebaut“, sagt heuteGründer Frederick Fasehun, ein Arzt. Dessen Hospitalin Lagos wurde kürzlich niedergebrannt, angeblich aufBefehl seines Hauptrivalen Ganiyu Adams.

Dieser wird inzwischen für unzähligeÜberfälle und blutige Zwischenfälle mitMilizen anderer Volksgruppen verantwortlich gemacht. Dazugehören Scharmützel mit Hausas, Muslimen aus demNorden, die genauso im Schmelztiegel Lagos wohnen, oderIjaws-Milizen, einer der militantesten Gruppierungen ausdem Niger-Delta, und Überfälle in denStädten Shagamu und Ilesha. Im Dezember entkam derGouverneur von Lagos, Bola Tinubu, nur knapp dem Tod, alseine OPC-Gang auf ihn feuerte.

Im Januar brach im Slum Mushin in Lagos dann regelrecht derBürgerkrieg aus. Der OPC machte nach seinen Angabeneinen „Vorstoß“, um Kriminelle auszuheben,bewaffnete Räuber und Drogendealer. Die Kämpfedauerten zwei Tage, mehr als 30 Menschen starben – diemeisten davon mit brennenden Autoreifen um ihren Hals,Häuser brannten nieder.

Angesichts solcher Bandenkriege warnt Obasanjo, erkönne den Ausnahmezustand ausrufen. Doch aus demMilitär sind schon Stimmen laut geworden, derDemokratie nicht mehr zu Hilfe eilen zu wollen, wenn diePolizei ihrer Aufgabe nicht mehr Herr werde. „Wirrasen auf die Anarchie zu“, klagt Gouverneur Tinubu.Und Polizeichef Mike Okiri, der befohlen hat, jedesOPC-Mitglied festzunehmen und notfalls sofort zuschießen, spricht offen aus, was inzwischen abseitsder Hauptstraßen von Lagos herrscht und den Staatimmer mehr zersetzt: „Das ist Dschungel-Justiz.“

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