U. Sd. Peking, 6. Februar
Anhänger der Meditationsbewegung Falun Gong haben das chinesische Neujahr auf ihre Weise gefeiert und mit einer Grossdemonstration auf dem zentralen Tiananmen-Platz die Behörden gehörig blamiert. Hunderte von Mitgliedern der Bewegung begrüssten in der Nacht auf Samstag das Jahr des Drachen mit jener stillen Andacht, die die kommunistische Führung offenbar nicht erträgt, und liessen sich, genau wie schon vor ein paar Wochen, von rüden Polizisten unter Fusstritten und Boxhieben in bereitstehende Kleinbusse verfrachten. Die Ordnungskräfte, grösstenteils in Zivil angetreten, um genau diese Störung zu vermeiden, waren von der schieren Zahl der Demonstranten offensichtlich beeindruckt und zeigten sich noch erheblich aggressiver als früher.
Dass Tausende von fröhlichen Feiernden, unter ihnen auch zahlreiche Ausländer, Zeugen der Verhaftungen wurden, zählte offenbar nicht mehr; einmal mehr entstand der Eindruck, die Grobheit der Polizisten nähre sich primär aus dem Bewusstsein, dass es ihnen nicht gelungen war, eine zu erwartende Demonstration im Keim zu ersticken. Auch am Samstag morgen demonstrierten wieder Dutzende von Menschen auf dem riesigen Platz vor dem Eingang zur Verbotenen Stadt.
In der Tat ist die Grossdemonstration von Falun Gong ein klarer Beweis dafür, dass es der Regierung trotz härtesten Schikanen und eklatanter juristischer Willkür noch immer nicht gelungen ist, die Bewegung unter Kontrolle zu bringen. Ganz im Gegenteil: Die nicht sehr durchdachten Schikanen der Regierung scheinen die Solidarität unter den Anhängern der Bewegung zu kräftigen und den Willen zum Durchhalten zu steigern. Dass es den Falun-Gong-Mitgliedern trotz rigoroser Überprüfung von Identitätspapieren an Bahnhöfen und Busbahnhöfen, trotz Strassensperren und der Präsenz Tausender von Spitzeln am Wochenende gelang, sich in Peking zu sammeln, deutet aber nicht nur auf Widerstandsgeist, sondern auch auf jenen eindrücklich hohen Organisationsgrad hin, der den Kommunisten so Angst macht.
Die Vermutung, dass die Meditationsbewegung, hätte sie freie Hand, mehr Menschen in kürzerer Zeit aufbieten und sammeln könnte als die Kommunistische Partei, ist ganz und gar nicht abwegig, und wenn die KP weiterhin so viel tut wie bisher, um die an sich unpolitischen Menschen zu Märtyrern und damit notgedrungen zu Trägern einer Botschaft des Widerstands zu machen, dann könnte sie Falun Gong eines Tages tatsächlich noch in ernste Schwierigkeiten bringen. Mit der bisherigen Taktik, dem rücksichtslosen und jeder Rechtsstaatlichkeit spottenden Dreinschlagen, ist man jedenfalls nicht sehr weit gekommen. Obwohl nach offiziellen Angaben bereits über 5000 Mitglieder der Bewegung ohne Prozess in Umerziehungslager gebracht wurden und mehr als 300 zu teilweise langen Gefängnisstrafen verurteilt wurden, ist Falun Gong lebendiger und aktiver denn je.
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