Neue Zürcher Zeitung AUSLAND Dienstag, 22.02.2000 Nr.44   2

Menschenrechtsaktivist in Ägypten unter Druck

Drohender Prozess wegen Annahme einer britischen Spende

Die Behörden in Kairo haben ein Gerichtsverfahren gegen den Generalsekretär der Ägyptischen Menschenrechtsorganisation wegen Annahme ausländischer Gelder angekündigt. Die Organisation veröffentlichte daraufhin einen unerwartet milden Bericht über die jüngsten Zusammenstösse zwischen Muslimen und Kopten in Oberägypten. Seither steht sie im Verdacht, sie versuche mit dem Bericht, ihrem Generalsekretär einen Prozess zu ersparen.

ber. Kairo, 21. Februar

Lokale wie ausländische Nichtregierungsorganisationen haben gegen den Beschluss der Behörden in Kairo protestiert, den Generalsekretär der Menschenrechtsorganisation Egyptian Organisation of Human Rights (Eohr), Hafez Abu Seda, vor das Staatssicherheitsgericht zu bringen. Der Menschenrechtler wird beschuldigt, einen Check von 25 000 Dollar von der britischen Botschaft akzeptiert zu haben. Ein Dekret von 1992 des Ausnahmerechts, unter dem Ägypten seit 1981 steht, verbietet es Nichtregierungsorganisationen, Geld von Ausländern anzunehmen. Eine Ausnahme kann nur durch ein Gesuch beim Ministerium für soziale Angelegenheiten erwirkt werden.

Beschuldigung durch die Presse

Der Check war Abu Seda bereits vor anderthalb Jahren ausgehändigt worden. Die Eohr erklärte damals, das Geld sei ihr von der britischen Regierung zur Unterstützung für mittellose prozessierende Frauen überreicht worden. Die der Regierung nahestehende Zeitung «Al-Usbua» behauptete in einer lautstarken Kampagne, die meisten Nichtregierungsorganisationen würden vom Ausland finanziert. Der umstrittene Check sei der Eohr als Belohnung für ihre kritische Darstellung der Lage der Kopten im oberägyptischen Dorf Kosheh ausgestellt worden. Die Eohr hatte damals einen auch im Ausland sehr beachteten Bericht veröffentlicht, wonach die Polizei nach einem Mord an zwei Kopten ausschliesslich Christen in grosser Anzahl verhaftet und mit brutalen Untersuchungsmethoden versucht hatte, rasch einen geständigen koptischen Täter zu finden. Vor allem die englische Presse sprach von Koptenverfolgung in Ägypten. Die Regierung Mubarak bemühte sich demgegenüber, ein Bild der Harmonie zwischen Muslimen und Christen zu zeichnen. Nachdem im Januar bei Unruhen im selben Dorf 21 Kopten und ein Muslim umgekommen waren, bezeichnete die Eohr die blutigen Zusammenstössen als die schlimmsten konfessionellen Ausschreitungen der letzten 30 Jahre. Vertreter der Organisation besuchten Kosheh, um mehr über die Hintergründe der Spannungen zwischen den beiden Religionsgemeinschaften herauszufinden.

Bedrohte Glaubwürdigkeit

Doch anders als es die Regierung befürchtet und kritische Beobachter erwartet hatten, fiel der letzte Woche von der Eohr veröffentlichte Bericht über die jüngsten Unruhen in Kosheh ausgesprochen milde aus. Darin war keine Rede mehr von einem religiösen Konflikt oder von Unterdrückung der Kopten; vielmehr wurden die Ausschreitungen als eine «normale Schlägerei» bezeichnet, die in «jedem ägyptischen Dorf» stattfinden könne. Bei der anschliessenden Pressekonferenz erhob der Vorsitzende der Eohr, Abdelaziz Mohammed, nicht den Untersuchungsbericht über Kosheh, sondern die Klage gegen Generalsekretär Hafez Abu Seda zum Hauptthema. Die Lage Abu Sedas sei gefährlich.

Rasch ist der Verdacht aufgekommen, dass ein direkter Zusammenhang zwischen der Bedrohung Abu Sedas und der Milde des Berichts über Kosheh besteht. So meinten Oppositionsblätter, dass die Eohr offensichtlich einen letzten Versuch lanciert habe, ihren Generalsekretär vor einem Prozess und sich selber vor dem Untergang zu bewahren. Sofern dieser Verdacht zutrifft, ist die Glaubwürdigkeit der Menschenrechtsorganisation schwer bedroht - schwerer als durch die Annahme ausländischer Gelder.

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