Süddeutsche Zeitung 22.02.2000

Afghanistan: Im siechen Land der Taliban

Basar der Reue und der Gnade

Die Islamisten sorgen dafür, dass MännerBärte tragen, aber nicht, dass Kinder satt werden– doch sie ahnen, dass sie so keine Zukunft haben

Von Peter Münch

Kabul,im Februar – Man fährt wieder Mercedes inAfghanistan. Der Wagen schiebt sich durch KabulsStraßen und hüllt all die Gestalten, die amRande herumlungern, in eine Staubwolke ein.Schwarz-glänzend hebt sich die Karosse ein wenig abvom afghanischen Einheitsbraun: dem Braun der Häuser,dem Braun der Kleidung der Menschen und dem Braun desDrecks, der sich hier über alles gelegt hat. Kabul hatkeine Farben mehr, und einer von denen, die der Stadt dieFarben genommen haben, lässt sich nun durch die Gegendchauffieren und betrachtet das Werk. Wohlgefällig,ganz bestimmt.

Das Auto gehört Wakil Ahmed Mutawakil. Er ist einwuchtiger Kerl mit einem großen weißen Turbanund einem langen schwarzen Bart. Er ist Außenministerdes Islamischen Emirats Afghanistan. Und obwohl er einAußenminister fast ohne Außenkontakte ist– nur Pakistan, Saudi-Arabien und die VereinigtenArabischen Emirate haben die Taliban-Regierung anerkannt–, ist er natürlich ein viel beschäftigterMann. Wenn er seinen Regierungsgeschäften nachgeht,dann ist das wörtlich zu nehmen: auf- und abschreitendnämlich und dabei Anweisungen per Funkgeräterteilend. Immer wieder unterbricht er dafür dasGespräch, und natürlich unterbricht er es auch,wenn der Muezzin zum Gebet ruft. Beten und Regieren,Politik und Religion – das ist eins in Talibanistan.

Ohne Sünde, ohne Leben

Im Jahre vier ihrer Herrschaft haben die Koran-Kriegermanches gelernt. Sie verstehen es, mit der Macht umzugehen.90 Prozent des Landes haben sie unter Kontrolle. Nur imPandschir-Tal im Nordosten halten sich noch immer ein paarMudschahedin verschanzt und piesacken die Taliban. Um wasda gekämpft wird, ist undurchsichtig. Denn nach mehrals zwanzig Jahren Krieg gibt es wohl kaum ein Land derWelt, das so zerstört ist wie Afghanistan. Doch wie injedem Winter verkünden beide Seiten, bei derallfälligen Frühjahrsoffensive dem Gegnerendgültig den Garaus zu machen.

Außerdem haben die Taliban(„Koranschüler“) gelernt, halbwegs wieDiplomaten zu reden. Zwar hält sich ihr FührerMullah Mohammed Omar weiter verborgen. Es gibt kein Bildvon ihm, keine öffentlichen Auftritte, keineRadio-Ansprachen. Ende dreißig soll er sein,einäugig und ein gewiefter Feldherr, der die Talibanmit Hilfe Pakistans und der USA 1994 gegründet und imHandstreich das Land erobert hat. Unsichtbar zieht er vonKandahar im Süden des Landes aus die Fäden. SeineStatthalter in Kabul haben für ihre Verhältnisseeine regelrechte Charme-Offensive gegenüber derAußenwelt gestartet.

Wie aber kann Verständigung erreicht werden mit einemRegime, das Homosexuelle lebendig begraben und Ehebrecher steinigenlässt? „Alles Missverständnisse“, sagtAußenminister Mutawakil. Jede Kultur habe halt„ihre eigenen Werte und Traditionen“. Überall das könne man doch reden. Und weil sieplötzlich reden wollen, schicken die Taliban ihreEmissäre um die Welt. Mutawakils Stellvertreter war inBerlin im Auswärtigen Amt zu Gast. Sie lassen diePolitiker im Westen spekulieren, ob das Regime sichändern und das Land sich öffnen werde. DochRhetorik ist das eine und die Realität etwas ganzanderes.

In Kabul ist die Musik verboten wie der Tanz, wie dasFeiern und das Fernsehen. Die Männer müssen sichnach dem Vorbild des Propheten weiter hinter Bärtenverstecken, und die Frauen in der Burka, einem zeltartigenGanzkörpergewand, das nur einen vergitterten Blick aufdie Welt da draußen erlaubt. Die Taliban haben dieStadt, die früher als weltoffen galt, nach ihremWeltbild geformt. Sie haben das Gestern getilgt; gelebtwird im Vorgestern.

Die Herrscher und die Bewegung stammen aus demländlichen Süden. Und sie haben das Dorf in dieHauptstadt gebracht. Kabul definiert sich heute aus derVerneinung – eine Stadt ohne Freu-de, ohne Sünde,ohne Leben. Eine Stadt der Stille. So seltsam und weltfremdwirkt das Ganze, als sei es ein Labor-Experiment: Kabulunter der Glocke, die Lebensfreude abgesaugt – unddann wird geschaut, wie die Menschen leben in diesemVakuum.

Bei diesem Experiment sind zum Bei-spiel die Männergezwungen, sich in Scharen vor einem schäbigen Bau zuversammeln, in dem eine Behörde namens „Amtfür Tugend und Untugenden“ residiert. Das ist dieSittenpolizei, und die Sitten sind so streng wie diePolizisten. Ärmliche und ängstliche Figurenstehen da im Hof und bieten Reue gegen Gnade an. Einer istals heimkehrender Flüchtling in Kabul eingetroffen.Ihm ist nicht viel geblieben, und vor allem fehlt ihm einVollbart. Auf ein rasiertes Kinn stehen Schläge oderzehn Tage Gefängnis. Also bittet er um eineschriftliche Bestätigung, dass ihm vier WochenStraffreiheit gewährt werden, während derer derBart wachsen kann. Ein anderer hat zwar einen langen Bart,aber kein Einkommen mehr. Die Tugendwächter machtenseinen Laden dicht, weil er ihn nicht zum fünf Maltäglich vorgeschriebenen Gebet geschlossen hatte. Nunwill er schriftlich Besserung geloben, auf dass die Strafeaufgehoben werde.

Pilot verkauft Zigaretten

Über seinen Antrag entscheidet Mullah Mohammed SalimHakkani, der stellvertretende Leiter des Amtes. Er throntauf einem Sessel hinter einem Tischchen mit Telefon; denSchreibtisch schmücken zwei Sträuße grellerPlastikblumen. 30 Jahre ist er, sein bubenhaft-rundesGesicht steht im Kontrast zum schwarzen Bart und demherrischen Gehabe. Das kommt gut an bei seinen sogenanntenRatgebern, die ihn umringen und andächtig seinenWorten lauschen.

Mullah Hakkani ist heute guter Dinge; er zeigt sichzufrieden mit der Arbeit seines Amtes. „Wir haben diegrößten Teile der Gesellschaft umgeformt“,sagt er. „Doch es ist eine große Gesellschaft,und es gibt immer noch Untugenden.“ Ausgetriebenwerden die von seinen Leuten, die in japanischen PickupsPatrouille fahren. Doch von deren Prügelaktionen willder Chef nichts wissen. „Wir sind die Brüder derMenschen“, sagt er, und zum Beweis nimmt er dieTatsache, dass die Leute zu ihm kämen – um zuberichten, wo in der Nachbarschaft es noch Übel zubekämpfen gebe.

Angst also prägt das Leben in Kabul – undhoffnungslose Armut. Zu Füßen des altenKönigspalastes im Norden der Stadt liegt eineTrümmerlandschaft, die einst die Heimat von 300 000 bis 400 000 Menschen war. So weit das Auge reicht: nichts alszerstörte Häuser, deren Grundmauern wie fauleZähne in den Himmel ragen. Einzig eine Moschee wurdewieder aufgebaut, mit Kuppeln blau wie der Himmel. EineGeisterstadt, durch die vereinzelt ein paar Gestaltenhuschen. Das sind Menschen wie Mohammed Aschraf, der mitFrau und fünf Kindern zurückkehrte, weil er nichtwusste, wo er sonst hin sollte. Doch was er hier noch soll,das weiß er auch nicht. Keine Arbeit, und niemand istda, der ihm helfen könnte. „Manchmal gibt es nurReis zu essen“, sagt er. „Manchmal gibt es auchGemüse.“ Die Kinder tragen ausgelatschte Schuheohne Strümpfe. Draußen liegt Schnee.

Den Händlern im Basar geht es nicht besser. Einehemaliger Pilot, der sich gleich mit der alten Dienstkarteaus-weist, bietet Zigaretten an. Nicht Packungen, sonderneinzelne. Tagesverdienst: 20 000 Afghanis, das sind 80 Pfennig. Und in Kabuls ChickenStreet, wo in den sechziger Jahren die Hippies einfielen,liegt in den Auslagen immer noch der alte Tand, zumBeispiel Haschpfeifen. Haji Kandi, der Teppichhändler,hat seit Wochen keinen Kunden mehr gesehen.„Früher, als der König noch da war, gab eshier Musik, Mädchen und Drogen“, sagt er.„Das war alles okay. Warum nicht?“

Warum nicht? Die Taliban wissen es, und alle anderen in derStadt sollen es lernen. Doch ihre Moral hat einen Makel,der auch dem Gläubigsten nicht verborgen bleiben kann:Sie macht die Menschen nicht satt. Fast jeder in Kabulbräuchte Lebensmittelhilfe, schätzt KarinaSchmitt, die für die Vereinten Nationen die Stellunghält. Die UN-Helfer versorgen rund 270 000 Menschen mit Brot. Das heißt, dass eine Millionanderer hungern. Bettler prügeln sich ums Bakschisch,und bei den Hilfsorganisationen beobachtet man, „dassdie Taliban selbst immer raffgieriger werden“. Wennein Flugzeug von Kabul nach London entführt wird, dannist nicht erstaunlich, dass die Hälfte der Passagierein England um Asyl bittet. Überraschend ist, dass dieanderen zurück wollen.

Es ist gewiss diese grassierende Trostlosigkeit, weshalbdie Mächtigen wie der Außenminister Mutawakilnun die aggressive Rhetorik von früher beiseite legen.Das Land braucht Hilfe, um aus der Hölle wieder ansLicht zu kommen. Und die Taliban brauchen Hilfe, um indieser desolaten Lage ihre Macht zu sichern. Die Welt solledoch bitteschön jetzt „Gerechtigkeit waltenlassen gegenüber dem afghanischen Volk“, sagt derMinister – und ist gerne bereit, noch ein paar andereUngereimtheiten aus dem Reich der„Missverständnisse“ aufzuklären.

Da ist zum Beispiel die Sache mit den Drogen. Für denWesten stellt sich das so dar, dass Afghanistan zumgrößten Opiumexporteur der Welt geworden ist,dass 90 Prozent der Mohnfelder im Machtbereich der Talibanliegen und dass im vergangenen Jahr nachUN-Schätzungen eine Rekordernte von 4600 Tonneneingefahren wurde. Daraus werden 460 Tonnen Heroin, dassind drei Viertel der Weltproduktion. Der Schluss liegtnahe, dass die Taliban mit dem Drogengeld ihre Kriegskassefüllen. Doch Mutawakil sagt: Der Koran verbieteDrogen, also seien die Taliban gegen den Anbau. Der Westenmöge das zur Kenntnis nehmen.

„Held des heiligen Krieges“

Und dann gibt es da noch das„Missverständnis“ beim Thema Terror.Afghanistan gilt als Großexporteur fürGlaubenskrieger in alle möglichen Weltgegenden: nachKaschmir, nach Algerien, nach Tschetschenien. Vor allemaber gewährt es Osama bin Laden Gastrecht, jenem Mann,auf den die Amerikaner ein paar Millionen Dollar ausgesetzthaben wegen der Anschläge auf ihre Botschaften inKenia und Tansania. Angeblich hat Mullah Omar, der obersteTaliban aus Kandahar, eine von bin Ladens Töchtern zurdritten Frau genommen. Jedenfalls lassen die Taliban seitNovember sogar UN-Sanktionen über sich ergehen, weilihnen das lieber ist, als den saudischen Milliardärauszuliefern. Osama bin Laden sei kein Terrorist, sagtMutawakil, „sondern ein Held des HeiligenKrieges“. Und der Westen möge auch das zurKenntnis nehmen.

Doch die Taliban wissen, dass sie dem Westen etwas bietenmüssen für etwaiges Wohlwollen. Es gibt also einAngebot, und davon profitieren immerhin die, die am meistenleiden: die Frauen, wenigstens ein paar von ihnen. Siewaren, wie es eine Taliban-Regel und nicht der Korangebietet, zunächst rigoros von Arbeit und Ausbildungausgeschlossen worden. Doch seit kurzem sind die erstenMädchenschulen wieder geöffnet, und an derMedizinischen Fakultät haben sich 75 Studentinneneingeschrieben.

Konzessionen jedoch scheint der Taliban-Ehrenkodex nichtvorzusehen. Deshalb werden die Neuerungen als goldeneRegeln ausgegeben, deren Befolgung sich die Herrschendennun nach den ersten Wirren endlich widmen können.„Wir waren nie gegen Ausbildung für Frauen“,sagt der Außenminister. Das Problem sei nur, dassFrauen bei der Ausbildung wie bei der Arbeit niemals mitMännern in Kontakt kommen dürfen. Es habegedauert, bis man Plätze für Frauen einrichtenkonnte.

Es scheint, als wären auch die Taliban Gefangene ihreseigenen Systems. Sie sind in ein Dilemma geraten: Wenn siedie Regeln nicht lockern, droht alles noch weiter bergab zugehen. Irgendwann könnte das auch ihre Macht bedrohen.Doch wenn sie lockerlassen, bedroht auch das ihre Macht.Und irgendwann fährt dann vielleicht ein anderer mitdem Mercedes durch Kabul, so wie das immer war in diesemKrieg, in diesem Land.

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