SZ vom 25.02.2000 Politik
Welch schlechten Ruf Chinas Polizei hat, kann man am bestenan der Klage des Parlamentspräsidenten Li Pengermessen. Li Peng, in der Machthierarchie die Nummer zweiim Lande und nicht gerade als Systemkritiker bekannt,schimpfte unlängst über Polizisten, die dasGesetz brechen, wenn sie es hüten sollen, undunverschämt die Leute schikanieren.
Die Parlamentarier vom Ständigen Komitee desNationalen Volkskongresses hatten der Polizei bereits imvergangenen Oktober Korruption, Fehlverhalten undFolter zur Erzwingung von Geständnissenvorgeworfen. So laut und umfangreich sind die Beschwerden,dass das chinesische Polizeiministerium sich nun zu einerPR-Kampagne genötigt sieht, in welcher sie Reformenverspricht. Wie die ZeitungChina Dailyam Donnerstag berichtete, versprach der Minister fürÖffentliche Sicherheit, Jia Chunwang, mitKorruption und Verstößen innerhalbvon drei Jahren aufzuräumen. Jia kündigtePrüfungen für Polizisten und einWettbewerbssystem auf lokaler Ebene an.Unqualifizierte Polizisten werden entlassen,schrieb die Zeitung. Polizeiminister Jia ermahnte seineBeamten, es sei nicht erlaubt, korrupte Polizisten zudecken, wie in der Vergangenheit geschehen. DiePolizei dürfe nicht jedesmal darauf warten, dass dieMedien Verstöße aufdeckten.
Ausländische Menschenrechts-Organisationen wie AmnestyInternational klagen Chinas Polizei regelmäßigder Folter manchmal mit Todesfolge an. Vorallem aus Tibet und der Uiguren-Region Xinjiang kommensolche Meldungen; zuletzt berichteten auch Anhängerder verbotenen Falun-Gong-Sekte von Misshandlungen aufPolizeiwachen und in Gefängnissen. WelcheMissstände es auszumerzen gilt, konnte man jedochAnfang Februar auch detailliert in ChinasVolkspolizei-Zeitungnachlesen.
Instruktionen der Zentralregierung an die Polizei warendort abgedruckt, endlich die Schikane an denBürgern einzustellen und die bösen Elementein ihren Reihen auszulöschen. Dann wurdespaltenlang aufgezählt, was diese Elemente in ihrerArbeitszeit so alles trieben: Sie missbrauchen ihreMacht für privaten Gewinn, pervertieren Gerechtigkeitfür Bestechungsgelder, schützen Kriminelle,stellen Nummernschilder für geschmuggelte undgestohlene Autos aus und erzwingen Geständnisse durchFolter.
Ebenso wenig, so die Zeitung, könne man Polizistendulden, die willkürlich andere verhaftenoder mit ihren Schusswaffen ohne Anlass Menschentöten oder als Krüppel zurücklassen.Der Verbrechenskatalog fährt fort mit hohenPolizeikadern, die Gesetze und Regeln verletzensowie mit ihren Kindern und Ehegatten, welche die Stellungdes mächtigen Familienmitglieds für allerleiillegale Aktivitäten nutzten.
Ein wahrer Horrorkatalog, der da nach einem ausmistendenAugias ruft. Im Volk herrschen Zweifel an derReformfähigkeit der Polizei aus eigenen Kräften.Meinungen wie die eines Pekinger Geschäftsmannes,Polizei und Verbrecher kommen aus demselbenNest, sind nicht ungewöhnlich.
Dass das Polizeiministerium ausgerechnet jetzt dieSäuberungsaktion verkündet, ist wohl Berechnung:In einer Woche tritt der Nationale Volkskongress Chinas Parlament zusammen. Und im letzten Jahr warendie Rufe der Parlamentarier lauter geworden, ihnen endlichauch die Polizei zur Aufsicht zu unterstellen, wie es mitTeilen des Gerichtswesens schon geschehen ist.Polizeiminister Jia Chunwang lud nun die Bürger ein,die Arbeit der Polizei zu überwachen. DerPolizeinotruf 110 soll in China eine zusätzliche Funktion bekommen:Bürger sollen dort die schwarzen Schafe unter denPolizisten melden können.
Kai Strittmatter