Neue Zürcher Zeitung AUSLAND Freitag, 03.03.2000 Nr.53 9
In der früher gemischten, heute aber zwischen Serben und Albanern geteilten Stadt Mitrovica zeigen sich die Probleme Kosovos mit besonderer Schärfe. Es herrscht ein Zustand politischer Ungewissheit und ökonomischen Stillstands. Die blutigen Unruhen der letzten Wochen sind zwar mit dem Einsatz von Militär und Polizei fürs erste unterdrückt; die Spannungen sind aber keineswegs beseitigt.
awy. Mitrovica, Ende Februar
Drei Männer zwischen 40 und 60 Jahren trinken aus kleinen Tässchen türkischen Kaffee und aus kleinen Gläschen ihren Morgenschnaps. Sie schauen aus dem Fenster und kommentieren das Treiben auf der Hauptstrasse von Mitrovica. Die Strasse ist voll von Leuten jeden Alters, die gemächlichen Schrittes auf und ab flanieren, zu einem Schwatz anhalten, dann wieder weitergehen - ein Strassenbild von Ruhe und Beschaulichkeit wie an einem Sonntag. Aber es ist Montag, und manches stimmt nicht. Panzer der internationalen Friedenstruppe (Kfor) fahren vorbei, Geländewagen der internationalen Polizei, ein klappriger Autobus mit eingeschlagenen Scheiben. Viele französische Soldaten patrouillieren, auch deutsche und italienische. Die drei Männer reden über die Sorgen des Alltags. Der Strom fällt oft aus. Die Lebensmittel werden immer teurer.
Einer will nach Novi Pazar in Südserbien fahren, um eine Ladung Kabis und andere Lebensmittel zu kaufen, weil es dort billiger ist. Und immer wieder kommt die Unterhaltung auf das Hauptthema zurück: Es gibt keine Arbeit, es gibt keinen Verdienst. Jedenfalls keine rechte Arbeit. Die Roma haben schon zu tun, die sammeln Lumpen und Schrott, da gibt es mehr als genug zu tun. Aber für die Serben gibt es nichts. «Es kommt schon wieder, wenn es nur erst wieder Sicherheit und Stabilität gibt», sagt der Älteste. Er trägt eine graue Jacke und eine graue Krawatte und hat den Habitus eines befehlsgewohnten Direktors in einem Staatsbetrieb. Aber die gegenwärtige politische Situation sieht nicht vielversprechend aus. «Heute kommen sie wohl wieder und brüllen: UCK - UCK! Etwas anderes wissen die Siptari (Albaner) ja nicht.» Und die Minen von Trepca, gleich vor der Haustür, stehen still und produzieren nichts. Dabei gibt es dort Gold und Blei und Zink in Hülle und Fülle. Aber niemand arbeitet.
Die Hauptstrasse hinunter geht's zur Brücke von Mitrovica, die in den letzten Monaten als Symbol und Zankapfel der geteilten Stadt berühmt geworden ist. Stacheldrahtrollen sind quer über die Fahrbahn gelegt, Panzer stehen bereit, Kfor-Soldaten halten Wache. Sie sollen Provokationen verhindern und vor allem jeden neuen Versuch der Albaner vereiteln, die Brücke im Sturm zu nehmen und sich so den Zugang vom albanischen Süden in den serbischen Norden der Stadt zu erzwingen. Hier stehen auch die serbischen Brückenwächter. Das sind Männer in Zivilkleidung, zum Teil ausgestattet mit Funkgeräten. Einer hat einen riesigen Feldstecher und beobachtet von einer Blumenkiste aus das feindliche Ufer. Im Hintergrund, wo einige Treppenstufen den Platz abschliessen, bespricht von erhöhter Warte aus eine Gruppe von Hausfrauen mit Einkaufstaschen die strategische Lage. Aber drüben regt sich nichts, heute bleibt es ruhig.
Flussaufwärts stehen an beiden Ufern Gruppen von Männern. Sie stehen ein wenig herum und gehen dann wieder. Kfor-Soldaten haben auch da Panzer aufgestellt, bei drei Wohntürmen. Diese sind «gemischt», in der Siedlung wohnen Serben und Albaner. Darum muss sie speziell bewacht werden. Der weite Hof zwischen den Türmen ist menschenleer. Die Haustore sind verriegelt. Die Fenster sind geschlossen, die Vorhänge gezogen. Einige bewegen sich, als ein Fremder herumläuft. Schliesslich findet sich doch ein offener Eingang. Dort steht ein französischer Soldat. Er darf keine Unbekannten hineinlassen, und er darf auch keine Auskunft über den Alltag im Haus geben - militärischer Befehl, man ist vorsichtig in dieser heiklen Lage. Der vorgesetzte Leutnant ist dann doch zu knappen Angaben bereit. Die albanischen Frauen verlassen am Vormittag zum Einkaufen ihre Wohnungen, oder sie schicken die Kinder. Sie besorgen ihre Lebensmittel im «albanischen» Südteil der Stadt. Dann kehren sie mit vollen Taschen wieder in ihre Wohnungen zurück. Den Rest des Tages verbringen sie im Haus. Die albanischen Männer gehen gar nicht nach draussen. Die Serben können sich frei bewegen, aber sie vermeiden es, sich im engeren Bereich der Siedlung aufzuhalten. Die Kinder werden nicht zum Spielen hinausgeschickt. Darum sieht der Hof aus, wie ausgestorben.
Flussabwärts liegt das sogenannte Bosnjakische Quartier, das ebenfalls «gemischt» ist. Es gibt hier vorwiegend alte, niedrige Häuschen, es sind eher ärmliche Verhältnisse. Zahlreiche Brandruinen zeugen von Krieg und Vertreibung. Da und dort hängt Wäsche auf den Balkonen, aus Innenhöfen sind Stimmen zu hören. Doch die Strassen sind menschenleer. Nur ein Uno-Polizeiauto fährt vorbei, und einmal huscht eine Frau über die Strasse. An der Kleidung ist sie als Albanerin zu erkennen. Ihr Gesicht, bleich und verhärmt, mit Augenringen, drückt aus, wie die Lage ist. Die Leute hier leben seit mindestens einem Jahr in Unsicherheit, in einer Art permanentem Belagerungszustand. Sie haben Angst und sind mit den Nerven am Ende. Für sie ist der Krieg noch nicht vorbei - das haben die Februarereignisse gezeigt. Über tausend Albaner haben den Norden der Stadt verlassen. Einige sind geblieben, einige sind zurückgekommen. Die internationalen Sicherheitskräfte versuchen jetzt, ein Gefühl der Sicherheit herzustellen, die Kfor-Schutztruppe mit Strassensperren, die Uno-Polizei mit ständigen Patrouillenfahrten.
An der sogenannten zweiten Brücke am Stadtrand gibt es eine Art kleinen Grenzverkehr. Autos von internationalen Organisationen fahren hier durch, Frauen und Kinder schleppen Einkaufstaschen. Sie alle werden von italienischen Soldaten mit Metalldetektoren nach Waffen durchsucht. Auf der serbischen Seite steht eine Gruppe von Leuten, ein Zivilist mit Funkgerät, drei orthodoxe Popen und weitere Männer und Frauen. Dann kommt ein Kfor-Konvoi von drei Fahrzeugen. Die Popen steigen in einen Schützenpanzer und fahren mit Geleitschutz nach Süden. Der Journalist geht zu Fuss. Drüben spielen Kinder; ein etwa zwölfjähriger Knabe erteilt einem Gleichaltrigen Fahrunterricht am Steuer eines alten Autos. Drei Mädchen im selben Alter nehmen den Fremdling in die Zange. Zuerst stellen sie Fragen auf albanisch, dann Fangfragen auf serbisch. Ein Mann kommt herbei und führt das Verhör fort, bis er sich überzeugt hat, dass der Ausländer kein Serbe ist. - Die Atmosphäre im Süden ist lebhafter als im Norden. Die Leute haben zu tun, sie sind mit dem Wiederaufbau beschäftigt. Auf den Trottoirs und in den Läden des Basars - soweit sie nicht zerstört sind - werden Werkzeuge, Teppiche und Fernsehapparate feilgeboten, alles was man zum Bauen und Einrichten braucht. Aber viele haben auch Zeit zum Müssiggang. Im neu wieder hergestellten Teehaus sitzen Männer beim Dominospiel und rasseln mit den Steinen. Sie trinken Tee aus kleinen Gläschen. Den Fremden mustern sie misstrauisch. Dann ergibt sich ein Gespräch, auf deutsch, mit einem früheren Gastarbeiter. Was er sagt, klingt wie ein Echo von drüben: «Die Berge da, die sind aus purem Gold. Das ist der Reichtum von Kosova. Aber die Minen stehen still. Nichts läuft. Niemand hat Arbeit.»
Der Zug von Mitrovica nach Pristina fährt um 17.30 Uhr. Der Bahnhofvorstand weiss noch nicht, ob er kommt und mit wieviel Verspätung. «Eigentlich sollte ich ein Telefon erhalten, aber manchmal funktioniert es nicht. Vieles klappt nicht so, wie es sollte.» Die «Jugoslawische Eisenbahn» ist zur «Eisenbahn von Kosovo» geworden, und die Eisenbahner sind ausschliesslich Albaner. Der Bahnhofvorstand hält aber an alten Traditionen fest, er wünscht sich pünktliche Züge und redet auf dem Bahnsteig bereitwillig serbisch. Er sagt, er würde auch mit den serbischen Eisenbahnern weiter zusammenarbeiten, vorausgesetzt, dass sie niemanden umgebracht und keine Häuser angezündet haben. Aber die Serben wollten nur unter der Direktion von Belgrad arbeiten und kämen deshalb nicht mehr zur Arbeit.
Der Zug mit vier Wagen kommt dann ziemlich pünktlich, mit Dieselgebrumm. Neben dem Lokomotivführer steht ein Kfor-Soldat im Führerstand. An allen Türen von allen Wagen stehen ebenfalls Soldaten, Italiener und Griechen, ausserdem gibt es einen amerikanischen Cop wie aus einem Film und einen Polizisten aus Simbabwe. Niemand steigt aus, und nur vier Personen steigen ein, drei Eisenbahner und der ausländische Journalist. Auch da wird jeder mit dem Metalldetektor nach Waffen durchsucht. Die Albaner gehen zum vordersten Wagen, wo sonst niemand sitzt. In den andern Wagen sitzen schweigsam die Serben, meist in abgedunkelten Abteilen. Sie sind zufrieden, dass es eine griechische Begleitmannschaft gibt; «das sind die unseren», sagt einer. Der Zug hält, so hat der Bahnhofvorstand erklärt, nur an Stationen von Dörfern mit serbischer Bevölkerung, die albanischen Dörfer lässt er aus. Statt einer Billettkontrolle gibt es eine statistische Erhebung: Die Passagiere werden nach Nationalität quantitativ erfasst. Für gewöhnlich reisen ausschliesslich Serben mit. Unterwegs wird der Zug mit Steinen beworfen. Das passiert nach Beobachtung der Kfor-Soldaten auf jeder Fahrt.
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