Neue Zürcher Zeitung AUSLAND Montag, 13.03.2000 Nr.61 5
ber. Kairo, 12. März
Das ägyptische Innenministerium hat am Samstag 300 Gefangene entlassen. Bis zum Beginn des grössten islamischen Festes, des Opferfests, am kommenden Donnerstag sollen weitere 700 Gefangene freigelassen werden. Die meisten von ihnen sind nach Angaben des Innenministeriums Mitglieder der islamistischen Gruppe Jamaa al-islamiya. Einige wenige werden auch zwei kleineren, weitgehend unbekannten islamistischen Gruppen und einer Fraktion der Gruppe Jihad zugeordnet. Die Untergruppe hatte im vergangenen Monat klar der Gewalt abgeschworen.
Bereits im vergangenen Frühling war eine ähnlich hohe Anzahl von Islamisten überraschend freigelassen worden. Damals waren alle Entlassenen Jamaa-Mitglieder; ihre Organisation hatte 1997 die Urheberschaft für die Ermordung von 58 Touristen in Luxor für sich beansprucht. Kurz nach dem Attentat hatten sowohl die Jamaa-Führer in Ägypten als auch jene im Exil den bedingungslosen Waffenstillstand erklärt. Obwohl das Innenministerium im vergangenen Jahr die Freilassungen nicht kommentieren wollte, wurden sie allgemein als Anerkennung der Waffenstillstandserklärung interpretiert. Zu den erneuten Entlassungen aus den Gefängnissen erklärte der wichtigste Anwalt der Jamaa, Muntasir az-Zayyat, dass mit ihnen wiederum die nun über zwei Jahre dauernde Waffenruhe der ägyptischen Islamistengruppen anerkannt werde.
Nach Schätzungen liegt die Zahl der politischen Gefangenen zwischen 10 000 und 15 000. Die meisten von ihnen sind Islamisten. Viele wurden nach Massenverhaftungen willkürlich und ohne Haftbefehl eingesperrt. Sie verbringen häufig Jahre ohne Anklage und ohne jeglichen Kontakt zu Anwälten in den Gefängnissen rund um Kairo. Falls die Regierung wirklich die kritische Situation in den Gefängnissen verbessern wolle, müssten sie ausnahmslos freigelassen werden, sagte Zayyat. Weiter kritisierte der Anwalt, dass bisher kein einziger der ausnahmslos in Ägypten inhaftierten wichtigen Führer der Jamaa freigelassen wurde. Die Führer hätten die Waffenstillstandserklärung in die Wege geleitet und dafür gesorgt, dass sie bis heute eingehalten worden sei.
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