Terror nach algerischem Muster?
Im Hintergrund: Khatamis Gegner versuchen, Iran zu destabilisieren
Von Detlef Franke (Frankfurt am Main)
Das Attentat auf Said Hadscharian, den Vertrauten des iranischen Präsidenten Mohammad Khatami, wird in Iran als Versuch der konservativen Kräfte angesehen, gegen die politischen Veränderungen der Reformer mit Gewalt vorzugehen und das Land nach dem Vorbild der Islamisten in Algerien zu destabilisieren.
Der Reformpolitiker Said Hadscharian, der bereits 1997 die Wahlkampagne für Mohammad Khatami organisierte, stand auch hinter dem Wahlerfolg der Reformkräfte bei den Parlamentswahlen vom 18. Februar. Er war, wie gemeldet, am Sonntag von zwei Attentätern in den Kopf geschossen worden. Bereits die Tatsache, dass die Attentäter für die Tat ein schweres Motorrad benutzten, deutet auf ihre Zugehörigkeit zum iranischen Geheimdienst oder den Revolutionsgarden hin, da normalen iranischen Bürgern die Benutzung von Motorrädern mit mehr als 250 Kubikzentimetern Hubraum verboten ist.Der 46-jährige Hadscharian, der auch Teheraner Stadtverordneter und der Herausgeber der systemkritischen Zeitung Sobh-e Emrus ist, hat eine bewegte Vergangenheit. Ursprünglich einer der Besetzer der US-Botschaft in Teheran, war er später Vizeminister des Geheimdienstministeriums, bis er 1989 durch einen Vertrauten des damaligen Präsidenten Haschemi Rafsandschani abgelöst wurde.
Das Attentat auf Hadscharian schließt sich nahtlos an die Mordserie an Künstlern und Intellektuellen im Jahr 1998 und an den Überfall auf die Schlafsäle der Studenten in der Teheraner Universität im Juni 1999 an, der zu den schwersten Unruhen seit der iranischen Revolution von 1979 führte. Als Drahtzieher dieses Überfalls stehen seit dem 29. Februar der Teheraner Polizeichef und 19 weitere Angehörige der Sicherheitskräfte vor einem Gericht in der iranischen Hauptstadt.
Den Unwillen der konservativen Kräfte um Staatsoberhaupt Ali Khamenei hat sich Hadscharian vor allem deshalb zugezogen, weil seine Zeitung Sobh-e Emrus insbesondere die Aufklärung der Mordfälle an Künstlern und Intellektuellen wie dem Ehepaar Foroúhar aus dem Jahr 1998 betreibt. Der systemkritische Journalist Akbar Gandschi, dessen Buch Die dunkle Hand der Gespenster über die blutigen Machenschaften des iranischen Geheimdienstes derzeit ein Bestseller in Iran ist, gehört zum Mitarbeiterstab von Sobh-e Emrus. Offiziell werden der Mordserie, als deren Urheber Angehörige des Geheimdienstes entlarvt wurden, fünf Fälle zugerechnet. Iranische Menschenrechtler haben aber eine Liste von mehreren Dutzend Ermordeten zusammengestellt. Die meisten von ihnen waren säkular eingestellte Künstler und Intellektuelle. In jüngster Zeit wird auch der 1995 verstorbene Sohn des Revolutionsführers Ayatollah Ruhollah Khomeiny zu diesen Mordopfern gerechnet, weil er kurz vor seinem Tod das Regime kritisiert haben soll.
Politische Beobachter in Iran befürchten nach dem Attentat auf Hadscharian, dass die konservativen Kräfte Iran in ein zweites Algerien zu verwandeln suchen, um das Land zu destabilisieren. Präsident Khatami reagierte in einer Rede auf das Attentat: "Die Feinde der Freiheit haben bereits Morde begangen und eine Welle des Terrorismus im Land provoziert. Aber sie werden ihr Ziel nicht erreichen."
[ dokument info
]
Copyright ©
Frankfurter Rundschau 2000
Dokument erstellt am 14.03.2000 um 20.45 Uhr
Erscheinungsdatum 15.03.2000