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Immer mehr Afghanen sind Geiseln in ihrem eigenen Land UN-Berichterstatter schildert die sich stetig verschlimmernde Lage der Zivilbevölkerung / Frauen leiden am meisten Von Pierre Simonitsch (Genf) In Afghanistan gehen die Zwangsumsiedlung der Zivilbevölkerung, die absichtliche Zerstörung von Häusern, die Hinrichtung von Zivilisten, willkürliche Verhaftungen, Zwangsarbeit, die Verwendung von Kindersoldaten und die breite Streuung von Landminen unvermindert weiter. Dies berichtet der von der UN-Menschenrechtskommission eingesetzte Sonderberichterstatter Kamal Hossain. Hossain konnte die Lage in Kabul und Kandahar sowie in Flüchtlingslagern in Augenschein nehmen und mit Taliban-Führern sprechen. Sein Bericht über Afghanistan beruht auf zahlreichen Zeugenaussagen aus erster Hand. Hossains Aufforderung an die Taliban-Führer, die krasse Missachtung der Menschenrechte einzustellen, sei ohne Antwort geblieben. "Die Menschen in Afghanistan sind praktisch Geiseln im eigenen Land, wo vom Ausland mit Waffen versorgte Streitkräfte versuchen, ohne effektive Teilnahme oder Zustimmung der Bevölkerung zu herrschen. Das afghanische Volk ist weiterhin Opfer massiver Verletzungen der Menschenrechte und des humanitären Völkerrechts", schreibt der Jurist aus Bangladesch.Laut Hossain erreichten die Kämpfe zwischen den Taliban und der vom Kommandanten Massud angeführten "Vereinten Front" im Sommer vergangenen Jahres einen Höhepunkt. Die Offensive der Taliban im Nordosten des Landes und in der Schamali-Ebene führten zu einer Massendeportation vor allem von Frauen und Kindern. Dabei wurden Familien getrennt und Ernten verbrannt. Am Ende erzielte keine der Kriegsparteien nennenswerte Geländegewinne. Die Zahl der neuen Vertriebenen liegt nach verschiedenen Schätzungen zwischen 65 000 und einer Viertelmillion. Rund 50 000 Menschen seien von den Streitkräften der Taliban nach Jalalabad und Kabul umgesiedelt worden. Nach Auskunft des Taliban-Sprechers Mullah Amir Khan Mutaqqi wurden 1800 Familien in ein Lager bei Jalalabad gebracht. Die Taliban-Führung rechtfertigte diese Deportationen damit, dass ihre Kriegsgegner die Zivilbevölkerung als "menschliche Schutzschilde" missbraucht hätten. Nach den Erkenntnissen Hossains verstärkten die Taliban ihre Truppen für die Offensive gegen Massud um 2000 bis 5000 Rekruten, unter denen sich viele Ausländer befänden, die über die Grenze gekommen seien, um am afghanischen Bürgerkrieg teilzunehmen. Die Taliban hätten im Panschir-Tal auch Kampfflugzeuge eingesetzt und Clusterbomben auf eine Schule und einen Markt abgeworfen. Die am ärgsten Leidtragenden seien weiterhin die Frauen, die keine Bewegungsfreiheit und kaum Zugang zu Arbeitsplätzen und Schulen hätten. Der Bericht der UN-Menschenrechtskommission enthält Aussagen, wonach junge Frauen von Taliban-Milizionären entführt, vergewaltigt und ohne Anklage in besondere Frauengefängnisse gesteckt würden. Taliban-Krieger würden auch in Häuser eindringen und Mädchen zu einem "Heiratskontrakt" zwingen. Wenn sich die Eltern weigerten, begnügten sich die "Freier" auch oft mit Geld. "Die Hinweise nehmen zu, dass sich der bewaffnete Konflikt in Afghanistan jetzt vorwiegend gegen Zivilisten richtet", schreibt Hossain. Die Wirtschaft des Landes besteht nach einer in dem Bericht zitierten Studie der Weltbank nur mehr aus Subsistenz-Landwirtschaft, einem mit dem Krieg zusammenhängenden Geldfluss, Drogenhandel und internationaler Hilfe. Bei der illegalen Produktion von Opium ist Afghanistan laut UN einsame Weltspitze.
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