Neue Zürcher Zeitung AUSLAND Samstag, 19.02.2000 Nr.42   7

Zunehmende Islamisierung in Tschetschenien

Religiöse Radikalisierung als Ergebnis der Politik Moskaus

Von Ekkehard Kraft*

Russland rechtfertigt seinen Krieg in Tschetschenien vor allem mit dem Kampf gegen den islamischen Terrorismus. In der Tat ist in der separatistischen Republik eine zunehmende Islamisierung festzustellen. Diese ist aber weniger eine Folge äusserer Einflüsse von seiten islamischer Staaten oder fundamentalistischer Organisationen, sondern weitgehend ein Ergebnis der Politik und Kriegführung Moskaus.

So wie Tschetschenien von Moskau früher pauschal als Hort der organisierten Kriminalität diffamiert wurde, um den Krieg im Nordkaukasus zu rechtfertigen, gilt die Republik nun als Bastion des islamischen Terrorismus, gegen den jedes Mittel erlaubt sei. Zugleich werden islamische Staaten und fundamentalistische Organisationen als die eigentlichen Drahtzieher des Geschehens hingestellt. So heisst es, Pakistan und die Taliban hätten Bassajew und Khattab zu ihrer Aktion in Dagestan gedrängt, um im Kaukasus eine zweite Front gegen Russland zu eröffnen, das in Afghanistan die gegen die Taliban gerichtete Allianz unterstützt. Andere sehen die arabischen Golfländer als Drahtzieher, die ein Interesse an der Destabilisierung des Nordkaukasus hätten, den sie als Transportroute für das kaspische Erdöl ausschalten wollten.

Kontakte zu islamischen Ländern

Tatsächlich kann von einer aktiven Unterstützung des tschetschenischen Widerstands durch die Regierungen islamischer Länder jedoch kaum die Rede sein. Auch Kritik am Vorgehen Russlands äusserte sich lange Zeit eher verhalten. In einer besonders heiklen Lage befindet sich Iran. Wie schon während des Kosovo-Krieges im vergangenen Jahr ist die Regierung in Teheran bemüht, die guten Beziehungen zu Moskau in wirtschaftlicher, aber auch rüstungstechnischer Hinsicht nicht der islamischen Solidarität zuliebe aufs Spiel zu setzen.

Allerdings ist die Verbindung mancher tschetschenischer Feldkommandanten zu ausländischen islamistischen Organisationen kein russisches Hirngespinst. Wie weit diese Kontakte gehen und wie intensiv sie sind, bleibt indessen Gegenstand von Spekulationen. So soll Bassajew nicht nur über Kontakte zu den Taliban und dem pakistanischen Geheimdienst verfügen, sondern auch in Afghanistan ein spezielles Guerilla-Training absolviert haben. Auch der ominöse Usama bin Ladin soll schon im Kaukasus gesichtet worden sein. Schon während des ersten Tschetschenien-Kriegs stiessen Freiwillige aus islamischen Ländern zu den tschetschenischen Kämpfern. Der bekannteste von ihnen ist der aus Jordanien oder Saudiarabien stammende Amir Khattab, der im Februar 1995 mit einer Gruppe arabischer Kämpfer zu den tschetschenischen Freischärlern stiess. Bald freundete er sich mit Bassajew an, der ihn mehrfach gegen die Bemühungen Präsident Maschadows, ihn auszuweisen, in Schutz nahm. Khattab ist mit einer Frau aus dem dagestanischen Dorf Karamachi verheiratet, einem der beiden Orte, die sich im August 1998 zu islamischen Territorien erklärten.

Die Ausbreitung des Sufi-Ordens

Die Entwicklung der letzten Jahre im Nordkaukasus erinnert in vielem an die Zeit der russischen Eroberung der Region vor allem in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Tschetschenen waren, anders als die meisten Völker des benachbarten Dagestan, erst spät und nur oberflächlich islamisiert worden. Eigentliche Grundlage des sozialen und politischen Lebens war das vorislamische Gewohnheitsrecht des Adat, das die Blutrache und die Gastfreundschaft als wichtigste Institutionen kannte und Respekt vor den Alten und den Ahnen forderte. Erst das rücksichtslose russische Vordringen in den Kaukasus lieferte den Impuls für eine nachhaltige Islamisierung. Eine herausragende Rolle spielte dabei der Sufi-Orden der Nakshbandiya, der sich seit den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts ausbreitete und eine strikte sunnitische Orthodoxie vertrat.

Noch wichtiger als der Jihad oder Ghazawat, der heilige Kampf gegen die russischen Eroberer, war diesem die Durchsetzung der Scharia als strikter Norm in einer Gesellschaft, die durch die russischen Eingriffe in politischer, sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht aus ihren traditionellen Fugen geraten war. So wurden die Nakshbandi- Bruderschaften, deren Angehörige auch Muriden genannt wurden, zum Rückgrat des Kampfes gegen die russischen Okkupatoren. Der Imam Schamil, ein dagestanischer Aware, errichtete einen auf islamischen Grundlagen beruhenden theokratischen Staat, der das heutige Tschetschenien und Dagestan umfasste; von 1834 bis 1859 konnte er sich gegen die Russen behaupten.

Der Islam als einigendes Band

Die russische Politik hat mittlerweile eine zweite Islamisierung Tschetscheniens in Gang gebracht, die sich mit jener zu Beginn des vorigen Jahrhunderts vergleichen lässt. Wie damals, so dient auch heute den Tschetschenen in ihrem Kampf gegen Russland der Islam als einigendes Band. Der «Gründervater» der tschetschenischen Unabhängigkeit, Dschochar Dudajew, der 1996 bei einem russischen Raketenangriff getötet worden war, äusserte einmal, es sei Russland gewesen, das die Tschetschenen in den Islam getrieben habe. Wie einst in Afghanistan rief Moskau die Geister, die es zu bekämpfen vorgab, erst auf den Plan. Noch während des ersten Tschetschenien-Krieges wurde die Scharia eingeführt, um in dem in Chaos und Anarchie versinkenden Land ein Mittel zur Disziplinierung der selbstherrlichen Kriegsherren zur Hand zu haben. Damit wurde nolens volens von allen Seiten, Gemässigten wie Radikalen, ein Prozess der Islamisierung in Gang gesetzt, der im Februar 1999 in die offizielle Ausrufung eines «islamischen Staates» mündete. Die Durchsetzung einer allgemein akzeptierten Rechtsordnung gelang jedoch angesichts der Zersplitterung in einzelne, quasiautonome Kriegsfürstentümer nicht. Der Islam wurde lediglich zu einer Waffe im Machtkampf.

Häufig ist im Kaukasus wie in Zentralasien von «Wahhabiten» die Rede. Dieser Name ist irreführend, denn es handelt sich in den seltensten Fällen um Anhänger der im 18. Jahrhundert entstandenen Lehre des Muhammad ibn Abd al-Wahhab, dessen puritanische und buchstabengetreue Interpretation des Korans bis heute die im Königreich Saudiarabien herrschende religiöse Doktrin ist. «Wahhabiten» wurden bereits in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts von offizieller Seite polemisch all jene Gruppen genannt, die gegen die vom Staat kontrollierten offiziellen religiösen Strukturen opponierten.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion nutzten vor allem jüngere Leute die neue Reisefreiheit und die grosszügigen Stipendien islamischer Länder, um im Nahen Osten theologischen Studien nachzugehen. Den Islam, den sie dort kennenlernten, empfanden sie als authentischer als den aus der Heimat bekannten. Zugleich erfuhren sie die universelle Dimension ihrer Religion und begannen, sich als Angehörige der Umma, der weltweiten muslimischen Gemeinde, zu fühlen. So gerieten sie nach ihrer Rückkehr nicht nur in Gegensatz zu der zum Teil noch aus sowjetischer Zeit stammenden religiösen Nomenklatura, sondern ebenso zum traditionalistischen lokalen Islam.

Ein Generationenkonflikt

Im Nordkaukasus war das vorislamische Brauchtum im letzten Jahrhundert von der Nakshbandiya keineswegs ausgerottet worden. Nach der Niederlage Schamils fasste bei den Tschetschenen auch der Sufi-Orden der Kadiriya Fuss, der im Gegensatz zur Nakshbandiya eine offenere Form des Islam praktizierte, die das lokale Brauchtum in ihre Riten zu integrieren verstand. Ausserdem spielt bei der Kadiriya die Verehrung muslimischer Heiliger eine wichtige Rolle, was von den «Wahhabiten» strikt abgelehnt wird, so dass Konflikte unausweichlich sind. Zugleich manifestiert sich auch ein Generationenkonflikt. Die strikte Observanz des Islam scheint vor allem unter jenen Anhänger gefunden zu haben, die nach der Rückkehr aus Zentralasien aufwuchsen, wie etwa Bassajew. Die Tschetschenen wurden im Zweiten Weltkrieg von Stalin nach Zentralasien deportiert und kehrten erst nach ihrer Rehabilitierung 1957 in ihre Heimat zurück.

Die ältere Generation hingegen, die noch in der Verbannung geboren wurde, ist mehr dem traditionellen kaukasischen Islam verbunden. Zu ihnen gehört beispielsweise Maschadow. Bassajews Vorname Schamil ist gewissermassen sein politisches Programm; sein Ziel ist die Wiederherstellung eines Tschetschenien und Dagestan vereinenden islamischen Staates. Im Mai 1998 war er zum Vorsitzenden des «Kongresses der Völker von Tschetschenien und Dagestan» gewählt worden; die Nachbarrepublik gilt ihm nicht als Ausland, sondern als Teil seiner Heimat, weswegen er seine grenzüberschreitende Aktion im vergangenen Sommer als völlig legitime Hilfeleistung für Landsleute betrachtet. Im übrigen gab es auch innere Ursachen für den Ausbruch der Kämpfe in Dagestan. Islamistische Strömungen sind dort schon seit längerem virulent. Die verheerende wirtschaftliche Lage und die Konzeptlosigkeit der russischen Kaukasus-Politik tragen das Ihre dazu bei, um diesen radikalen Gruppierungen weitere Anhänger zuzutreiben.

* Der Autor ist Historiker und lebt in Dossenheim (Deutschland).

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