Neue Zürcher Zeitung AUSLAND Mittwoch, 23.02.2000 Nr.45   2

Eingeschlossene Kämpfer in der Argun-Schlucht?

Neuer Bericht über Massaker an tschetschenischen Zivilisten

Moskau, 22. Febr. (afp/dpa) Die russische Armee hat am Dienstag den Sturm auf die Stadt Schatoi begonnen, eine der letzten Bastionen der tschetschenischen Widerstandskämpfer im Süden der nordkaukasischen Republik. Nach der Einkesselung der Rebellen in den Bergen durch russische Truppen erwartete Verteidigungsminister Sergejew das Ende des Krieges im Kaukasus noch im März. Rund um Schatoi in der Argun-Schlucht entbrannten am Dienstag erbitterte Kämpfe, wie die Agentur Interfax aus dem russischen Oberkommando in Chankala bei Grosny berichtete. Nach unbestätigten Angaben wurde seit dem Morgen in dem umkämpften Gebiet ein russischer Kampfhelikopter vermisst. Die 5000 bis 6000 Kämpfer in der Argun-Schlucht hätten keinen Ausweg mehr. Die Schlucht sei von etwa 20 000 Soldaten abgeriegelt, sagte Sergejew am Dienstag bei einem Besuch in Wolgograd. Am südlichen Ausgang der Schlucht versuchten die Rebellen am Nachmittag in erbitterten Kämpfen einen Korridor in die benachbarte Schwarzmeer- Republik Georgien zu erobern.

Mary Robinson abgewiesen

Das offizielle Moskau lehnte unterdessen den Besuch der Uno-Hochkommissarin für Menschenrechte, Mary Robinson, in Tschetschenien ab. Dies teilte Robinsons Sprecher am Dienstag in Genf mit. Robinson hatte Moskau in der vergangenen Woche nach Berichten über angebliche Massenexekutionen, Vergewaltigungen und andere Greueltaten durch russische Soldaten aufgefordert, internationalen Beobachtern Zugang nach Tschetschenien zu gestatten. Sie war deshalb von der russischen Regierung scharf kritisiert worden.

Der Interimspräsident Putin lobte bei einem Besuch in Wolgograd die russischen Truppen im Kaukasus. Schon bald könne man die endgültigen Resultate der Militäroperation sehen, sagte er. Wenige hätten erwartet, dass die Streitkräfte so professionell ihre Aufgaben erfüllen würden.

Angaben über 62 ermordete Zivilisten

Moskau, 22. Febr. (ap) Bei dem schlimmsten bisher dokumentierten Massaker in Tschetschenien haben russische Truppen nach Erkenntnissen einer Menschenrechtsorganisation in einem Vorort von Grosny mindestens 62 Zivilisten ermordet. Wie Human Rights Watch am Dienstag mitteilte, plünderten am 5. und 6. Februar etwa 100 Soldaten den Ort Aldi und ermordeten möglicherweise bis zu 82 Zivilisten. Für das Massaker gebe es überzeugende Beweise, sagte Human- Rights-Sprecher Malcolm Hawkes. Nach Berichten Überlebender warfen die Soldaten in dem Ort Aldi absichtlich Granaten in Keller, in denen Zivilisten Zuflucht gesucht hatten. 62 Morde seien dokumentiert. Hawkes kündigte an, bis Ende der Woche alle Details sowie die Namen der Opfer vorzulegen. Bis dahin sollen die 20 übrigen Morde untersucht werden. Bei zwei zuvor bekanntgewordenen Massakern in Tschetschenien wurden Anfang Februar 41 Zivilisten und im Dezember 40 Zivilisten ermordet.

Der vorige Woche eingesetzte Menschenrechtsbeauftragte für Tschetschenien, Wladimir Kalamanow, sagte bei einer Pressekonferenz, die Verantwortlichen würden bestraft, falls sie ihre Stellung missbraucht hätten. Er müsse aber auch die Rechte der Soldaten und Kommandeure schützen, fügte Kalamanow hinzu.

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