Die einen sagen Süd-Serbien, die anderen Ost-Kosovo
Verschärfte Spannungen auch außerhalb der Provinz / Unruhen in Mitrovica kommen Belgrad nicht ungelegen
Von Stephan Israel (Pristina)
Die jüngsten Unruhen im geteilten Mitrovica sind die Vorboten eines "heißen" Frühlings in Kosovo. Auch in Südserbien, im mehrheitlich albanischen Grenzgebiet zu der Provinz, wächst die Spannung.
Miki ist die Arbeit nicht ausgegangen. Bis vor knapp einem Jahr galt er als einer der starken Männer des Belgrader Regimes und Mitglied der serbischen Staatssicherheit in Pristina. Im "Grand Hotel" überwachte er unter anderem die Arbeit des "Media Centers", das die Journalisten mit der offiziellen Version der serbischen Regierung versorgte. Jetzt steht Miki gleich hinter der Absperrung auf der Brücke von Kosovska Mitrovica am serbischen Ufer des Ibar. Anfang der Woche wurde Miki beobachtet, wie er den "spontanen" Protest des Mobs koordinierte, der die anrückenden US-Soldaten mit Steinen empfing. Er sei "nur vorübergehend" hier, erklärt er nach dem vorläufigen Ende der Unruhen einsilbig.Es ist vor allem die Präsenz von Männern wie Miki, die Besorgnis über eine weitere Eskalation in Kosovo weckt. Belgrads Hilfe an die Serben von Mitrovica bestehe aus "Führung, Männern, Funkgeräten und Waffen", erklärte ein Nato-Vertreter gegenüber der New York Times. Laut Zeitungsbericht konnten auch Funksprüche mit Anweisungen vom serbischen Innenministerium (MUP) an die Männer vor Ort abgefangen werden.
Alarmierendes kommt in erster Linie aus US-Quellen. Es ist die Rede von serbischer Infiltration im Norden Kosovos und Truppenkonzentrationen entlang der Grenze zum UN-Protektorat. In Pristina herrscht unter unabhängigen Beobachtern zumindest Übereinstimmung, dass Unruhen in Mitrovica-Nord im Interesse des Belgrader Regimes sind. Einerseits kann damit dem einheimischen Publikum das Scheitern der internationalen Bemühungen verdeutlicht und von der sozialen Misere in Serbien abgelenkt werden. Andererseits: Wenn schon Kosovo verloren ginge, könnte Belgrad immerhin das Gebiet nördlich Mitrovicas mit den interessanten Bodenschätzen retten. Hier waren die Serben im Gegensatz zum übrigen Kosovo schon immer in der Mehrheit. Vertreter der internationalen Gemeinschaft haben darum bekräftigt, dass eine Teilung Kosovos nicht in Frage komme.
Die Unruhen von Mitrovica werden in Pristina als Vorboten eines "heißen" Frühlings gesehen. In den vergangenen Wochen hat sich auch die Lage in Süd-Serbien verschärft. Im Presevo-Tal, knapp außerhalb Kosovos, leben rund 100 000 Albaner. In den Kleinstädten Presevo, Medveda und Bujanovac sind sie sogar deutlich in der Mehrheit. Während des Kosovo-Kriegs lebten Serben und Albaner dort vergleichsweise friedlich nebeneinander. Nun gibt es Berichte über Anschläge auf serbische Polizisten, auch zwei Albaner wurden getötet. Belgrad soll seine Militär-Präsenz verstärkt haben.
Tausende Albaner haben sich inzwischen in Kosovo in Sicherheit gebracht, zum Teil wurden die Schulen wegen der gespannten Lage geschlossen. Was zuerst war, die verstärkte Repression oder Anschläge auf serbische Einrichtungen, lässt sich nur schwer feststellen. Tatsache ist, dass albanische Nationalisten die Region in Süd-Serbien als "Ost-Kosovo" betrachten. Albanische Medien in Pristina meldeten bereits die Existenz einer "Befreiungsarmee" nach kosovarischem Vorbild, die hinter den Anschlägen auf Polizisten in Serbien stecken könnte.
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Dokument erstellt am 24.02.2000 um 20.45 Uhr
Erscheinungsdatum 25.02.2000