Dem Bombenkrieg in Südsudan sind Zivilisten hilflos ausgeliefert
"Ärzte ohne Grenzen": Khartum bricht mit Luftangriffen das Völkerrecht / Helfer vermuten Einsatz chemischer Waffen
Von Christoph Link
Seit 17 Jahren trennt ein Bürgerkrieg in Sudan den muslimischen Norden vom christlichen Süden. Dass Khartum Luftangriffe fliegen lässt, ist bekannt. Nun aber haben die "Ärzte ohne Grenzen" erstmals eine Opferbilanz veröffentlicht. Demnach starben 22 Menschen, vorwiegend Zivilisten, allein bei den Bombardements 1999. Die Helfer sehen Anzeichen für den Einsatz chemischer Waffen.
NAIROBI, 27. März. Die Schweizer Sektion der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen hat mehr als ein Jahr lang Buch über die Angriffe aus dem Norden Sudans geführt. Die Flugzeuge des sowjetischen Typs Antonow fliegen in 10 000 Metern Höhe an. Damit sind sie unerreichbar für die Geschütze der südsudanesischen Rebellen. Auszüge aus dem jetzt vorgelegten Bericht lesen sich etwa so: "24. Mai, 11 Uhr, in Kajo Kei, vier Bomben fallen nahe am Krankenhaus, eine Person wird getötet, drei verletzt, ein Auto einer Hilfsorganisation wird schwer beschädigt."Innerhalb nur eines Jahres sind auf Südsudan nach Recherchen von Ärzte ohne Grenzen 400 Bomben abgeworfen worden. Dabei starben 22 Menschen, vorwiegend Zivilisten, 51 wurden verletzt, wie die Hilfsorganisation berichtet. Allein zehnmal sollen Kampfjets das Krankenhaus der Provinzstadt Kajo Kei angegriffen haben, weiteres Hauptziel war die Stadt Yei. Der Bericht zitiert Augenzeugen. Die schildern die Panik während der Angriffe, die vor allem in Kliniken und Schulen ausbricht. "Wir wissen nicht, wo wir dann hinrennen sollen", wird ein Mann aus Kajo Kei zitiert. Ein Helfer berichtet, dass er mitansehen musste, wie einem Mann bei einem Luftangriff "das Gehirn weggeblasen" wurde.
Charles-Antoine Hofmann, Leiter der Schweizer Sektion von Ärzte ohne Grenzen in Kenia, sieht in den Angriffen einen klaren Verstoß gegen das Völkerrecht: "Die Zivilbevölkerung ist Ziel der Bombardements." Dabei habe auch Khartum 1957 die Genfer Konventionen unterschrieben und sich damit verpflichtet, zwischen zivilen und militärischen Zielen zu unterscheiden. Ärzte ohne Grenzen bezichtigt in diesem Punkt die sudanesische Luftwaffe des Rechtsbruches. So seien Streubomben eingesetzt worden. Zugleich gebe es Anzeichen, die auf den Abwurf chemischer Bomben hinweisen. "Nach Bombenangriffen klagen viele Leute über Übelkeit, Kopfschmerzen und Augenflimmern", berichtet Ettore Larici von Ärzte ohne Grenzen. "Untersucht worden ist dies aber noch nie." Die Bevölkerung fühle sich darum von den Vereinten Nationen im Stich gelassen.
Die südsudanesische Rebellenorganisation SPLA hat dazu beigetragen, dass das humanitäre Engagement in Südsudan nachgelassen hat. Nachdem die Volksbefreiungsarmee SPLA den internationalen Helfern Bedingungen für deren Arbeit diktieren wollte, sind Verbände wie etwa die Deutsche Welthungerhilfe unter Protest abgezogen. Auch bei Ärzte ohne Grenzen war damals ein weiteres Engagement im Land umstritten. Während die Schweizer, Franzosen und Belgier in Südsudan blieben, zogen die Niederländer ab. Die Schweizer bestreiten, dass sie mit ihrer Analyse über das Bombardement Partei für die Rebellen ergreifen. "Wir berichten nur, was wir gesehen haben", so Hofmann. Freilich sei man nicht neutral, sondern auf Seiten der Zivilbevölkerung.
Die Friedensgespräche über Sudan in Kenia sind wieder vertagt worden. Die strittigen Punkte sind nach wie vor die Territorialgrenzen und die Trennung von Staat und Religion in Sudan, das seit 1986 eine Islamische Republik ist.
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Dokument erstellt am 27.03.2000 um 20.45 Uhr
Erscheinungsdatum 28.03.2000