Neue Zürcher Zeitung AUSLAND Freitag, 31.03.2000 Nr.77 7
In dem politisch und wirtschaftlich isolierten Serbien ist das Überleben für Angehörige von Minderheiten wie den Roma besonders schwer. Die Lebensbedingungen in den Roma- Lagern sind zum Teil äusserst prekär. Durch die Ankunft von Vertriebenen aus Kosovo wurde der Überlebenskampf in den Siedlungen verschärft.
jpk. Belgrad, Ende Februar
Auf dem Gelände einer alten Industrieanlage, zwischen Müllbergen, Schutthalden und Fäkaliengrube, liegt das Roma-Lager mit dem Namen «Deponie». Zwischen 1200 und 1500 Personen hausen hier neben der Donaubrücke im Belgrader Vorort Palilula in ihren aus allen möglichen Materialien zusammengeschusterten kleinen Häusern und Hütten. Die meisten Häuser verfügen zwar auf irgendeine Art über einen Anschluss an das Stromnetz, doch eine Kanalisation oder sanitäre Einrichtungen sind nicht vorhanden. Die Versorgung mit Trinkwasser wird lediglich durch zwei Wasseranschlüsse sichergestellt, die sich in der Nähe des Ufers gegenüber der Fäkaliengrube befinden, in der die Lastwagen ihre stinkende Fracht entladen. Eingerichtet wurden die Wasserstellen nicht etwa zum Wohl der hier seit über 40 Jahren hausenden Roma, sondern zum Ausspülen der Lastwagen.
Die Frauen, die Kleider an einer der Wasserstellen waschen, ignorieren die Besucher. Dies gilt aber nicht für den angetrunkenen Mirko. Auf dem Weg zur zweiten Wasserstelle direkt gegenüber der Fäkaliengrube fängt er die von einem zum Lager gehörenden Roma begleiteten Fremden ab und beginnt in gebrochenem Deutsch zu fluchen und zu drohen. Hier gebe es keine Bilder zu machen. Er werde den Photoapparat zerstören, wenn dieser nicht augenblicklich verschwinde. Hier gebe es nichts, was Aussenstehende etwas angehe, diese sollten einfach möglichst schnell verschwinden. Als Mirko mit der Polizei droht, rät auch der die Fremden begleitende Roma, Jovan Jurakic, zum Rückzug. Mirko sei, wie viele andere Roma in dem Lager, frustriert und wütend. Immer wieder seien Vertreter von Hilfswerken gekommen und hätten Hilfe versprochen, geschehen sei aber nie etwas.
Angesichts der unglaublichen Lebensbedingungen ist die Wut der Roma auf Fremde durchaus verständlich. Wie Jurakic erklärt, trägt allerdings auch das Verhalten von Leuten wie Mirko nichts zur Verbesserung der Lage bei. Mirko sei von den serbischen Behörden vor Jahren ein Arbeitsplatz in Aussicht gestellt worden. Seither spiele er sich Fremden gegenüber auf und versuche, diese einzuschüchtern. Vertreter von Hilfswerken weisen zudem darauf hin, dass gewisse Roma an den desolaten Zuständen im Lager «Deponie» zumindest mitverantwortlich sind. Als der Exodus der Roma aus Kosovo begonnen habe, seien von angeblichen Vertretern der Roma mehrere neue Organisationen für die Koordinierung der Hilfe im Lager «Deponie» - wo zahlreiche vertriebene Roma Aufnahme gefunden hatten - gegründet worden. Konkrete Arbeit habe aber keine der neuen Organisationen geleistet, und so sei nie klar geworden, was eigentlich mit den Hilfsgütern und Hilfsgeldern geschehen sei.
Dass der oft zitierte Zusammenhalt der Roma nicht immer spielt, zeigt sich auch in Mali Leskovac, einer andern Roma-Siedlung in Palilula. Wie Zika Mitrovic von der Organisation Roma Heart erklärt, besteht in dem Lager ein eigentlicher Konkurrenzkampf um den Zugang zu den beim Jugoslawischen Roten Kreuz zur Verfügung stehenden Hilfsgütern. Verschiedene seit Jahren in Mali Leskovac ansässige Familien hätten es fertiggebracht, ihre Namen auf den Listen der Vertriebenen einzutragen, was diesen den Bezug von Hilfsgütern erlaubt habe. Das Vorgehen sei zwar inakzeptabel, aber verständlich. Viele der alteingesessenen Roma seien ärmer als die Vertriebenen. Dass die Aufnahme der Neuzuzüger zu Spannungen in der Siedlung führt, zeigte sich auch bei der Verteilung der Öfen zu Beginn des Winters, wie Mitrovic berichtet. Die Alteingesessenen hätten nicht begreifen können, dass nur die Vertriebenen Öfen erhalten.
Der grösste Teil der Spannungen ist nach Angaben von Mitrovic auf die Armut und die Ausgrenzung der Roma zurückzuführen. Roma würden, obwohl sie seit langer Zeit sesshaft seien - eine Ausnahme bildet diesbezüglich die kleine Gruppe der Ursari, die mehrere Monate im Jahr mit ihren Bären herumziehen -, weiterhin nicht als Teil der serbischen Gesellschaft akzeptiert. Die Marginalisierung der Roma zeigt sich auch an der Tatsache, dass der Volksgruppe trotz ihrer Grösse nie der Status einer nationalen Minderheit zuerkannt wurde wie etwa den Albanern und den Ungarn - vermutlich nicht zuletzt deshalb, weil die Roma nie in einem geschlossenen Gebiet siedelten. Zudem wurde immer wieder versucht, die offizielle Zahl der Roma niedrig zu halten. Gemäss den aus der Volkszählung von 1981 stammenden Angaben lebten auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien nur 168 197 Roma. Unabhängige Schätzungen gehen aber davon aus, dass deren Zahl zwischen 800 000 und einer Million lag, über 500 000 von ihnen sollen in Serbien gelebt haben.
Es gebe zwar auch reiche Roma, erklärt Mitrovic, vor allem unter den Vertriebenen aus Kosovo. Diese seien zumeist als Textilhändler zu einem gewissen Vermögen gekommen und hätten einen Teil davon, den sie in Goldschmuck angelegt hatten, auch retten können. Die meisten Roma seien aber bitterarm und ohne Arbeit. Ein Beispiel dafür ist die dreiköpfige Familie von Feta Berisha, der als Bauarbeiter gearbeitet hatte. Obwohl er bereits seit mehreren Jahren in Mali Leskovac lebt, verfügt die Familie nur über eine aus Erde und Holz errichtete Hütte. Der etwa zehn Quadratmeter grosse Raum hat weder Fenster noch sonst eine Lichtquelle. Im Innern ist es zwar warm, aber die Luft ist wegen des fehlenden Abzuges äusserst stickig. Eine Arbeit hat zurzeit weder Feta noch dessen Frau oder Tochter.
Wie Mitrovic betont, ist es für die Roma zurzeit fast unmöglich, Arbeit zu finden. Die meisten müssten ihre Familien mit Gelegenheitsarbeiten, dem Entladen von Lastwagen, dem Sammeln von Schrott und Altpapier, dem Sortieren von Müll, im Sommer auch mit Feldarbeiten oder Aktivitäten im Grau- und Schwarzmarkt - dem Verkauf von Zigaretten und dem Wechsel von Devisen - zu ernähren versuchen. Letztere Einkommensquellen seien zum Teil zwar lukrativ, aber insbesondere für Roma auch riskant. Wer eine reguläre Arbeit bei der städtischen Müllabfuhr habe, gehöre schon zu den Privilegierten.
Die serbische Regierung propagiere zwar die Gleichheit der Volksgruppen, damit sei es aber nicht weit her, betont Mitrovic. Die Roma verfügten zwar über eine eigene Sendung beim staatlichen Radio. Dass das einstündige Programm aber keine grosse Hörerschaft erreiche, sei mit der Festsetzung der Sendezeit am Sonntag morgen um fünf Uhr sichergestellt worden. Roma würden zudem weiterhin an den Schulen diskriminiert. Viele Roma-Kinder würden schikaniert oder wegen ihrer Schwierigkeiten mit der serbischen Sprache schlecht behandelt und nicht in die nächsthöhere Klasse zugelassen. Viele müssten deshalb nach der Wiederholung einer der unteren Klassen die reguläre Schule verlassen; sie würden in Sonderschulen geschickt. Damit aber werde ihnen der spätere Zugang zu regulären Arbeitsstellen verbaut und die Integration in die Gesellschaft verunmöglicht.
Viele vertriebene Roma seien zudem auch von den ausländischen Hilfeleistungen ausgeschlossen, da sie sich bei der Ankunft in Serbien nicht hätten registrieren lassen, erklärt Mitrovic. Dies bedeute auch, dass sie von jeglicher medizinischen Versorgung ausgeschlossen seien. Diese Unterlassung sei auf das grosse Misstrauen der Roma gegenüber den serbischen Behörden zurückzuführen und dieses wiederum auf den Missbrauch von Roma zu Beginn des Kosovo-Konfliktes. Die serbischen Behörden hätten damals bedrohte Roma aus Kosovo in Bussen nach Belgrad gebracht und dort in Sammelunterkünften mit Hilfsgütern versorgt. Nachdem serbische Fernsehstationen über die «grosszügige» Unterstützung der Roma berichtet hatten, seien sie von der Polizei wieder in den gleichen Bussen nach Kosovo zurückgebracht worden. Entsprechende Berichte werden von Mitarbeitern humanitärer Organisationen bestätigt.
Wie stark die Roma marginalisiert sind, zeigt sich nicht zuletzt auch bei der Behandlung der vertriebenen Roma durch die serbischen Behörden und die lokale Bevölkerung. In Bujonevac lebt eine Gruppe von etwa 150 Roma seit Monaten in Zelten neben einem Militärlager; die Rohre der Panzer sind auf die Behausungen der Vertriebenen gerichtet. In Kursumlija wurde den aus Kosovo vertriebenen Roma die Errichtung einer etwas komfortableren Siedlung trotz den unter dem Gefrierpunkt liegenden Temperaturen untersagt. Das IKRK hatte auf einem unbenützten Grundstück sanitäre Anlagen einrichten wollen; doch wurde dies durch Proteste der lokalen Bevölkerung verhindert. Auch Versuche der Roma, sich in einer andern Gemeinde niederzulassen, schlugen fehl. So hausen die Roma-Familien nun im Rohbau des unvollendeten Kulturzentrums, ohne jegliche sanitären Einrichtungen.
Eine Familie, die in dem Rohbau keinen Platz gefunden hat, haust unter einer Brücke in drei Zelten. Unter den 15 Familienmitgliedern befinden sich ein gelähmter Erwachsener und ein im Januar geborenes Kleinkind. Einer der erwachsenen Söhne der Familie erklärt, er habe bis zur Vertreibung in Pristina als Büroangestellter gearbeitet. Seine Frau, die sich immer noch in Kosovo befinde, habe beim Fernsehen gearbeitet. Ein Grund für die Vertreibung war anscheinend, dass ein Familienmitglied bei den Sicherheitskräften tätig war und während der Säuberungsaktionen gegen die Kosovo-Albaner auch deren Uniform trug.
Die Allianz mit den Serben ist anscheinend der wichtigste Grund für die Vertreibung der Roma durch die Kosovo-Albaner nach dem Abzug der serbischen Sicherheitskräfte gewesen. Auf diese Tatsache weist auch Mitrovic hin. Die Roma seien von den Serben in Kosovo besser behandelt worden als die Kosovo-Albaner. Sie hätten dort seit dem Beginn der neunziger Jahre einen besseren Zugang zum Arbeitsmarkt und zu Ausbildungsstätten gehabt als die Albaner. In gewissen Schulen seien sie sogar in ihrer eigenen Sprache unterrichtet worden. Im Vergleich zu Serbien sei die Lage der Roma in Kosovo fast paradiesisch gewesen. Diese Allianz sei den Roma zum Verhängnis geworden. Wegen ihrer relativ guten Stellung hätten sie sich geweigert, den bedrängten Albanern beizustehen. Als der Konflikt eskalierte, hätten es die Roma abgelehnt, die Albaner beim bewaffneten Kampf zu unterstützen, was ihnen diese nicht verziehen hätten.
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