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Regierungssoldaten irren ratlos durch die Gassen Jaffnas

In Sri Lanka rücken die Rebellen der LTTE auf die Stadt vor, wo allmählich die Panik ausbricht

Von Willi Germund (Colombo)

Sri Lankas Regierung wird Jaffna nicht mehr lange halten können. Die Befreiungstiger von Tamil Eelam (LTTE) bereiten nach eigenen Angaben vom Wochenende den Sturm auf die Stadt im Norden der Insel vor. Die Angst vor einem Blutbad wächst, viele Menschen fliehen.

Der Reporter der Tamilen-Tageszeitung Virakesari (Tapferer Löwe) in Jaffna meldete sich am Donnerstagabend zum letzten Mal bei seiner Redaktion in der Hauptstadt Colombo. Er berichtete von umherirrenden Soldaten. Die Bewohner der umkämpften Stadt fragten, wo das Hauptquartier der Streitkräfte liege. Am Freitag kappte die Regierung die drei Telefonleitungen, die Jaffna mit der Außenwelt verbanden. Hiobsbotschaften für Präsidentin Chandrika Kumaratunga sickern trotzdem durch. "Die LTTE ist schneller hinter den Soldaten her, als die laufen können", fasste der Vertreter einer Hilfsorganisation die Lage in der Nordspitze der eingekesselten Jaffna-Halbinsel zusammen.

Gut vier Jahre nachdem die LTTE die Halbinsel räumen musste, steht die erneute Eroberung Jaffnas durch die Separatistenorganisation bevor. Eine halbe Million Menschen lebt auf der Spitze der Halbinsel, die noch von der Regierung kontrolliert wird. 100 000 von ihnen wohnen im Straßen- und Gassengewirr der Stadt Jaffna, dem kulturellen Zentrum der 3,2 Millionen Tamilen Sri Lankas. Knapp 40 000 Soldaten, ein Drittel der Streitkräfte, haben sich in der Gegend hinter Erdwällen und Minenfeldern verbarrikadiert. Trotzdem drangen die "Tiger" in die Außenbezirke der Stadt vor. Der Untergrundsender der Rebellen warnte die Bewohner: "Sucht einen sicheren Platz. Wir können jederzeit in die Stadt Jaffna einmarschieren, und es kann heftige Kämpfe geben." Ein Rat, der kaum zu befolgen ist: Der Fluchtweg nach Süden ist wegen heftiger Kämpfe abgeschnitten, die drei anderen Seiten sind vom Meer umgeben. Dennoch fliehen viele Menschen aus der Stadt, berichteten die LTTE und die Organisation "Ärzte ohne Grenzen".

Den Regierungssoldaten bleibt als letzter Zufluchtsort der Militärflughafen Palali im Osten. Jenseits der Verteidigungswälle wartet ein Gegner, der sich nicht einmal durch Minenfelder abhalten lässt. Seit Beginn ihrer Offensive im November haben die "Tiger", insgesamt etwa 10 000 bis 15 000, ein Drittel von Sri Lankas Streitkräften mit "unaufhörlichen Wellen", wie sie ihre Offensive nannten, in die Enge getrieben.

Es ist ein gnadenloser Kampf. Seit Beginn der LTTE-Offensive machten die "Tiger" nach Angaben des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz nur elf Kriegsgefangene. Kein Wunder, dass die Regierungssoldaten der Versicherung des LTTE-Senders nicht glauben, wonach sie nichts zu befürchten haben, wenn sie sich ergeben. 130 Tote hat es laut offiziellen Erklärungen der Regierung in der vergangenen Woche gegeben. Wie hoch die Verluste wirklich sein müssen, erfuhr eine Hilfsorganisation in Colombo durch Zufall. In der Hauptstadt des Inselstaats gibt es keine Hartmannlösung mehr - eine Infusionsflüssigkeit, die zum Versorgen Verletzter benötigt wird. Die Streitkräfte hatten den gesamten Vorrat aufgekauft.

Sri Lankas Öffentlichkeit erfährt kaum etwas über das drohende Blutbad in Jaffna. Die Presse wird zensiert, jede politische Betätigung ist untersagt. In Colombo hängen Plakate mit einem Slogan: "Stärkt den Feind nicht durch Gerüchte." Die Regierung verlangt von den Soldaten in Jaffna, "bis zum letzten Mann" zu kämpfen.

In den Spielkasinos von Colombo verteilen strohblonde Russinnen in knappen Miniröcken allabendlich die Spielkarten, als ob alles normal sei. Aber Selliah Nadarajah, Chefredakteur der Tamilenzeitung Virakesari, weiß: "Viele Tamilen in Colombo fürchten, dass es Pogrome wie 1983 geben wird." Damals liefen Teile der singhalesischen Bevölkerungsmehrheit Amok, nachdem die LTTE eine Polizeistation überfallen und acht Menschen getötet hatte. Das damalige Blutbad markierte den Beginn des Bürgerkriegs, in dessen Verlauf 60 000 Menschen starben. Chefredakteur Nadarajah ist überzeugt: "Die LTTE muss Jaffna einnehmen, um eine bessere Verhandlungsposition zu haben." Doch ob und wann es Gespräche geben wird, ist unklar.

Der tamilische Rechtsanwalt Chellappah Vivekananthan überlässt unterdessen in seiner kleinen Praxis im Stadtteil Huiltsdorf nichts dem Zufall. Am Eingang steht "Menk Dias Amuratunga", der Name eines singhalesischen Kollegen. "Wir können nur hoffen", sagt der Advokat. "Aber ich weiß: Wir werden von Kumaratunga bisher nur deshalb gut behandelt, weil die Regierung die Unterstützung des Auslands braucht, um die Einheit des Landes zu bewahren."

 

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2000
Dokument erstellt am 14.05.2000 um 20:59:45 Uhr
Erscheinungsdatum 15.05.2000

 

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