Neue Zürcher Zeitung AUSLAND Freitag, 05.05.2000 Nr.104   3

Massaker in Algerien

Bus- und Autoreisende an Strassensperre von Terroristen ermordet

ach. Laut algerischen Presseberichten haben Terroristen am Mittwoch abend südlich von Algier einen Bus und zwei Personenwagen überfallen und dabei mindestens 19 Personen umgebracht. Der «Watan», der sich auf Quellen im Zivilschutz und in der Gendarmerie berief, schrieb sogar von 30 ermordeten Reisenden. Die als Soldaten verkleideten Terroristen hatten auf der Nationalstrasse 1 zwischen Médéa und Hamdania, rund 80 Kilometer südlich von Algier, eine Strassensperre errichtet.

Laut der «Liberté» erkannte der Chauffeur des Busses, dass es sich um eine falsche Verkehrskontrolle handelte. Er habe Gas gegeben und die Sperre durchbrochen. Die rund 20 Terroristen hätten jedoch auf das Fahrzeug geschossen und den Chauffeur getötet. Der Bus sei in einem Graben zum Stillstand gekommen. Daraufhin hätten sich die Terroristen daran gemacht, auf flüchtende Passagiere zu schiessen. Der Blutzoll wäre, wie die «Liberté» bekräftigt, noch höher gewesen, wenn nicht so schnell nach dem Überfall Sicherheitskräfte am Tatort eingetroffen wären. Den Terroristen sei es gelungen, in den Wäldern der umliegenden Hügel unterzutauchen. Die Strasse zwischen Blida und Médéa gilt als notorisch unsicher; hier waren wiederholt an «falschen» Strassensperren Autofahrer von Terroristen überfallen und ermordet worden.

260 Tote seit Jahresbeginn

Die «Tribune» beziffert die Zahl der im April von Terroristen ermordeten Personen auf 64. Insgesamt seien in den ersten vier Monaten dieses Jahres 260 Personen terroristischen Anschlägen zum Opfer gefallen; 147 Personen seien verwundet und 21 entführt worden. Diese Zahlen zeigen, dass es Präsident Bouteflika nicht gelungen ist, mit seinem Angebot einer begrenzten Amnestie die gewalttätigsten unter den extremistischen Islamisten, vor allem jene des Groupe islamique armé, zum Verlassen des Maquis zu bewegen.

Die Terroristen haben ihren Anschlag zwischen Hamdania und Médéa just zum Zeitpunkt verübt, da eine Delegation von Amnesty International in Algier eintraf. Die Menschenrechtsorganisation war von Präsident Bouteflika eingeladen worden; unter dessen Vorgänger Zeroual bestand ein Einreiseverbot.

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