Date: 22 May 2000 09:45 GMT From: 320064413815-0001@t-online.de (zdwf) To: References: <12T3md-2HtEe3C@fwd00.sul.t-online.de> <12sOhC-0jOzfIC@fwd04.sul.t-online.de> <12sg0O-0go83MC@fwd04.sul.t-online.de> Subject: kein Betreff X-Mailer: T-Online eMail 2.3 MIME-Version: 1.0 Content-Type: text/plain; charset=ISO-8859-1 Content-Transfer-Encoding: quoted-printable Sri Lanka vor der Zerreissprobe? Von Walter Keller Die Implikationen, die eine Eroberung Jaffnas durch die LTTE auch f=FCr den= S=FCden=20 des Landes haben k=F6nnten, sind derzeit kaum abzusehen. Schon seit Wochen = leben=20 die in Colombo beheimateten Tamilen, mehrere Hunderttausend an der Zahl, in= =20 st=E4ndiger Panik vor =DCbergriffen durch sinhalesische Chauvinisten und=20 Schl=E4gerbanden. Die =C4ngste sind begr=FCndet, kam es doch in j=FCngster = Zeit zu=20 zahlreichen Vorf=E4llen, bei denen Tamilen Opfer von physischen und verbale= n=20 Angriffen aufgebrachter Sinhalesen geworden sind. Die Medien des Landes hab= en=20 dar=FCber nur sporadisch berichtet. Es oblag dem "All Ceylon Hindu Congress= ",=20 solche rassistisch-begr=FCndeten Attacken in einem Memorandum an Pr=E4siden= tin=20 Kumaratunga und andere f=FChrende sinhalesische Politiker, auch aus den Rei= hen der=20 Opposition, zu benennen. Da wurden tamilische Fahrg=E4ste in _=F6ffentliche= n=20 Verkehrsmitteln von anderen Fahrg=E4sten oder dem Schaffner als "Kotiya"=20 (Terroristen) beschimpft, wurden Tamilen erst gar nicht bef=F6rdert oder=20 zusammengeschlagen, weil sie eine tamilisch-sprachige Zeitung lasen. Dem Fa= ll=20 des jungen, achtzehnj=E4hrigen Tamilen Mahalingam Gobikrishna widmet der Be= richt=20 der Hinduorganisation besondere Aufmerksamkeit. Der Sch=FCler, der in der N= =E4he von=20 Negombo, einem K=FCstenort etwa 40 Kilometer n=F6rdlich von Colombo, lebt, = wurde auf=20 dem Weg zu seiner Schule von einem sinhalesischen Mob als Tamile identifizi= ert,=20 erst w=FCst beschimpft als "einer von denen, die in Colombo die Bomben lege= n",=20 dann geschlagen und anschliessend aus dem fahrenden Zug geworfen. Er trug= =20 Verletzungen davon, die ihn aber nicht davon abhielten, doch noch seine Sch= ule,=20 das in Colombo beheimatete "Hindu College" aufzusuchen. Dort berichtete er= =20 seinem Rektor von den Vorf=E4llen. Dieser empfahl, die Polizei zu verst=E4n= digen.=20 Mahalingam wurde von einem anderen Lehrer zur Polizeiwache in Kollupitiya, = einem=20 Stadtteil von Colombo, begleitet. Dort musste er feststellen, dass sich die= =20 Polizei gar nicht f=FCr das interessierte, was ihm passiert war. Hingegen w= urden=20 er und sein Lehrer erst einmal verh=F6rt. "Sind Sie aus Jaffna?" "Was halte= n Sie=20 denn von den Bomben, die von den Tamil Tigers in Colombo gelegt werden?" us= w.=20 Erst gegen Ende nahm ein Beamter die Anzeige Mahalingams entgegen. "So werd= en=20 wir behandelt", meint ein tamilischer Aktivist einer Menschenrechtsorganisa= tion=20 in Colombo, der ungenannt bleiben m=F6chte. "Der Hass gegen Tamilen nimmt i= mmer=20 weiter zu und wir wissen nicht, was passieren wird, wenn die Regierung Jaff= na=20 erneut an die Tamil Tigers verliert", f=FCgt er hinzu. "Gewalt ist=20 vorprogrammiert", meint auch S. Balakrishnan, Mitarbeiter einer anderen=20 nichtstaatlichen Organisation, die sich schon seit Jahren f=FCr einen=20 interethnischen Frieden auf der Insel einsetzt. "Ein neues 1983 ist m=F6gli= ch",=20 glaubt der Aktivist, der selber bei den Tamilenprogromen des Sommers 1983 s= einen=20 Vater verloren hat. Damals waren nach einem Anschlag der LTTE 13 sinhalesis= che=20 Soldaten im n=F6rdlichen Jaffna ums Leben gekommen. Was von der damaligen= =20 Regierung unter Pr=E4ident Jayawardene als "spontaner Racheakt" an den auss= erhalb=20 Jaffnas lebenden Tamilen bezeichnet wurde, war tats=E4chlich ein Pogrom, da= s von=20 langer Hand geplant war und an dessen Durchf=FChrung sogar einige Minister = der=20 Regierung des ehemaligen Pr=E4sidenten beteiligt waren.=20 Alle Regierungen seit Jayawardene haben es zwar nicht geschafft, eine fried= liche=20 und vor allem politische L=F6sung des Volksgruppenkonfliktes herbeizuf=FChr= en.=20 Jedoch konnten sie verhindern, dass es seit 1983 in den mehrheitlich von=20 Sinhalesen besiedelten Landesteilen, in denen Tamilen oftmals einen relativ= =20 hohen Anteil an der Gesamtbev=F6lkerung haben, zu neuen Tamilenpogromen kam= . Und=20 dies trotz zahlreicher Provokationen durch die Tamil Tigers w=F6hrend der= =20 vergangenen 17 Jahre.=20 Davon, dass es angesichts einer zu erwartenden neuen milit=F6rischen Nieder= lage=20 der Streitkr=E4fte in Jaffna auch weiterhin in den s=FCdlichen Landesteilen= ruhig=20 bleiben wird, kann derzeit nicht mehr ausgegangen werden obwohl die Regieru= ng=20 von Frau Kumaratunga wom=F6glich alles unternehmen wird, Ausschreitungen ge= gen=20 Tamilen zu verhindern - schon um aus den L=E4ndern, die ihr noch die Stange= =20 halten, keine Kritik zu ernten.=20 Viele Beobachter glauben, erstmals seit den Ereignissen von 1983 sei als=20 Reaktion auf die Ereignisse in den n=F6rdlichen Landesteilen wieder eine Ha= tz auf=20 Tamilen m=F6glich. "Wir rechnen mit dem Schlimmsten", meint Balakrishnan un= d warnt=20 vor einer Situation, in der sich Teile der entt=E4uschten, weil auf der=20 Jaffna-Halbinsel den Tamil Tigers unterlegenen, Streitkr=E4fte mit=20 sinhalesisch-chauvinistischen Elementen und Schl=E4gertrupps, die sich f=FC= r Geld=20 anheuern lassen, zusammen tun, um sich an der tamilischen Zivilbev=F6lkerun= g f=FCr=20 die Dem=FCtigungen zu r=E4chen.=20 Tats=E4chlich deutet sich eine solche Gefahr schon seit l=E4ngerer Zeit an.= Und=20 daran sind die lokalen Medien nicht ganz unschuldig, weil sie die zahlreich= en=20 sinhalesisch-nationalen Gruppierungen erst bekannt gemacht haben und =FCber= ihre=20 mit rassistischen =C4usserungen und Hasstiraden gegen die tamilische Minder= heit=20 Sri Lankas gespickten Verlautbarungen abdruckten. Es sind Bewegungen wie di= e=20 "Nationale Organisation gegen Terrorismus" (NMAT), die schon seit langem=20 Tamilen, die in Colombo leben, auffordern, doch ihren Platz frei zu machen = und=20 nach Jaffna zu gehen. Sie seien ja doch nur die verl=E4ngerte Speerspitze d= er LTTE=20 in Colombo und w=FCrden alle insgeheim die tamilischen Terroristen unterst= =FCtzen.=20 Die Gleichung "alle Mitglieder der LTTE sind Tamilen, also sind auch alle= =20 Tamilen potentielle Terroristen" wurde flugs ebenso aufgemacht wie die Rech= nung,=20 das Leben in Colombo sei deshalb nur so teuer geworden, weil dort so viele= =20 Tamilen lebten die bereit seien, jeden Preis zu zahlen.=20 Seitdem k=FCrzlich Norwegen bekanntgegeben hat, bereit zu sein, zwischen de= n=20 Konfliktparteien zu vermitteln, kommt es durch Aktionen der NMAT und andere= n=20 hardlinern auch immer wieder zu Protesten vor der diplomatischen Vertretung= =20 Norwegens in Colombo. Norwegische Fahnen werden mit dem Slogan verbrannt, m= an=20 brauche keine Einmischung durch Dritte. Norwegen sei =FCberdies parteiisch = und=20 bekannt daf=FCr, die Sache der Tamilen und der LTTE zu unterst=FCtzen. Bewe= ise f=FCr=20 solche Anschuldigungen hat man freilich keine - ausser der Theorie, in Norw= egen=20 lebten ja tamilische Asylbewerber, die die LTTE von dort aus finanziell=20 unterst=FCtzten. Stattdessen pl=E4diert der NMAT f=FCr eine milit=E4rische = Endl=F6sung und=20 fordert die Regierung auf, bis zum letzten Soldaten f=FCr die Einheit Sri L= ankas=20 k=E4mpfen zu lassen. "Jeder patriotische Sinhalese muss das Vaterland gegen= die=20 Versuche der Tamilen verteidigen, eine Teilung der Insel herbeizuf=FChren= =F6, hiess=20 es in den letzten Wochen immer wieder bei =F6ffentlichen Veranstaltungen. D= ie=20 Regierung solle eine allgemeine Mobilmachung beschliessen und das Kriegsrec= ht=20 ausrufen. Mittlerweile sind diese Forderungen von der Regierung in die Tat= =20 umgesetzt worden. So hat sich mittlerweile durch einen latent vorhandenen Hass vieler Sinhale= sen=20 gegen=FCber der tamilischen Minderheit, den aufpeitschenden Aktionen=20 sinhalesisch-chauvinistischer Organisationen, gesichtsverlustreichen=20 milit=E4rischen Niederlagen der sich zu fast ausschliesslich aus Sinhalesen= =20 zusammensetzenden Streitkr=F6fte und Sprengstoffattentate der Tamil Tigers = auf=20 Ziele in Colombo eine h=F6chst brisante Gemengelage entwickelt. "Der Vulkan= steht=20 kurz vor dem Ausbruch", meint der Journalist und Analytiker Jeyaraj, der di= e=20 Entwicklungen in seinem Heimatland schon seit Jahren von Toronto aus beobac= htet.=20 "Die anti-tamilischen Ressentiments wachsen immer schneller", glaubt er. So= llte=20 es erneut zu gewaltt=E4tigen Ausschreitungen gegen tamilische Zivilisten ko= mmen,=20 nutze dies nur der LTTE und ihrem ultimativen Ziel der Etablierung eines ei= genen=20 Tamilenstaates auf der Insel. "Die Ereignisse von 1983 haben dem Kampf der= =20 Tamilen und besonders der LTTE bereits grossen moralischen Auftrieb gegeben= ",=20 meint Jeyaraj. Erst danach habe f=FCr viele Tamilen der Einsatz f=FCr einen= =20 unabh=E4ngigen Tamilenstaat, verbunden mit einer Unterst=FCtzung der LTTE, = Bedeutung=20 erhalten. Erneute Unruhen mit Pogromen gegen Tamilen w=E4ren dann der "letz= te=20 Nagel im Sarg des Einheitsstaates Sri Lanka". zdwf schrieb: Sehr geehrter Herr Keller, ich bin mir nicht mehr sicher: hatte ich Ihnen ein Belegexemplar versproche= n?=20 Falls ja: haben Sie ein solches schon erhalten? Entschuldigen Sie bitte ggfs. meine S=E4umigkeit! Mit besten Gr=FC=DFen Ihr Manfred Kohler