Neue Zürcher Zeitung AUSLAND Dienstag, 06.06.2000 Nr.130   2

Freilassung zweier Dissidenten in China

U. Sd. Peking, 5. Juni

Kurz nach dem elften Jahrestag des Massakers auf dem Tiananmen-Platz in Peking hat die chinesische Führung zwei Dissidenten freigelassen. Wie das in Hongkong stationierte Informationszentrum für Menschenrechte und Demokratie in China mitteilte, wurden am Montag der 54-jährige Lu Yongxiang und der 40-jährige Huang Yanming aus dem Gefängnis von Guiyang entlassen. Die beiden waren im Jahre 1995 verurteilt und ins Gefängnis gesteckt worden, weil sie die kommunistischen Machthaber in einem offenen Brief aufgefordert hatten, politische Gefangene freizulassen, unabhängige Parteien und Zeitungen zuzulassen und eine neue, demokratische Verfassung auszuarbeiten. Dies trug ihnen fünf Jahre Gefängnis wegen konterrevolutionärer Verbrechen ein. Die beiden Dissidenten hätten eigentlich schon am 3. Juni entlassen werden sollen, wurden aber wegen des Jahrestages des Massakers bis am Montag gefangengehalten. Kaum zurück in der sehr relativen chinesischen Freiheit, riefen sie die KP dazu auf, die Demokratiebewegung von 1989 neu zu beurteilen und nicht mehr als konterrevolutionäre Rebellion einzustufen. Eine baldige Sinnesänderung der chinesischen Machthaber in dieser Frage ist allerdings unwahrscheinlich. Noch immer sitzen viele der für das Massaker Verantwortlichen in Amt und Würden, und Li Peng, der Politiker, der in der Regel am engsten mit den Geschehnissen von 1989 in Verbindung gebracht wird, ist nach wie vor Parlamentsvorsitzender und die Nummer zwei im Politbüro.

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