Neue Zürcher Zeitung AUSLAND Dienstag, 04.07.2000 Nr.153 8
Das zwischen den zentralasiatischen Ländern Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan aufgeteilte Fergana-Tal gilt wegen der ethnischen Vielfalt, der ungelösten Grenzfragen, der Wasser- und Landknappheit bei einer schnell wachsenden Bevölkerung als potenzieller Krisenherd mit gefährlicher Sprengwirkung. Die sich zuspitzenden sozialen Probleme und die hohe Arbeitslosigkeit könnten sich als fruchtbarer Boden für religiöse Extremisten erweisen.
C. Sr. Namangan, Ende Mai
Der Chef einer offiziell nicht registrierten Menschenrechtsgruppe in der im Fergana-Tal im Osten Usbekistans gelegenen Stadt Namangan zeichnet ein düsteres Bild. Er klagt über willkürliche Verhaftungen, Folterungen, Sippenhaft, konstruierte Anschuldigungen, manipulierte «Beweise», Missstände in den überfüllten Gefängnissen. Er zeigt dem Besucher offizielle Formulare, auf denen den Hinterbliebenen mitgeteilt wird, dass der Sohn oder der Vater im Gefängnis hingerichtet wurden. Die Bevölkerung sei eingeschüchtert, und die gläubigen Muslime hätten inzwischen sogar Angst, in die Moschee zu gehen. Die Zahl jener, die aus religiösen Gründen im Gefängnis sitzen, geht nach seinen Schätzungen in die Tausende. Ihnen allen werde pauschal - und meist zu Unrecht - vorgeworfen, illegalen Gruppierungen anzugehören und islamistisches Gedankengut zu verbreiten.
In Namangan ist der Islam traditionell stark verwurzelt. In der turbulenten Übergangszeit zu Beginn der neunziger Jahre, als die Sowjetunion zerfiel und Usbekistan unabhängig wurde, war die Stadt das Zentrum der islamischen Erneuerung, aber auch der politischen Opposition gegen Präsident Karimow. In dieser Zeit entstanden im gesamten Fergana-Tal zahlreiche religiöse Bewegungen, gemässigte und radikale. Die Zahl der Moscheen, die wieder geöffnet oder neu erbaut wurden, lag allein in der Region von Namangan bei über 900. Laut den Worten des stellvertretenden Vorsitzenden des Regierungskomitees für Religionsfragen, Schoazim Minowarow, kamen damals vom Ausland bezahlte Missionare in das Fergana-Tal, um vor allem Jugendliche für fundamentalistische Ideen zu gewinnen. Ende 1991 besetzten in Namangan Mitglieder der islamischen Erweckungsbewegung «Adolat» (Gerechtigkeit), der sich viele jugendliche Arbeitslose angeschlossen hatten, einige Verwaltungsgebäude. Im Dezember 1997 wurden in der gleichen Stadt Polizisten und ein hochrangiger Funktionär ermordet. Bei mehreren Bombenexplosionen in der Hauptstadt Taschkent kamen im Februar des letzten Jahres 16 Personen ums Leben. Im Sommer 1999 schliesslich drangen einige hundert bewaffnete islamistische Kämpfer, unter ihnen viele im Laufe der neunziger Jahre aus dem Fergana-Tal geflohene Usbeken, von Tadschikistan aus in den Süden Kirgistans ein, wo sie einige Dörfer besetzten und Geiseln nahmen. Angeblich hatten sie in den usbekischen Teil des Fergana-Tals gelangen wollen, um dort einen islamischen Gottesstaat zu errichten.
Über die Hintergründe all dieser Ereignisse und die Urheber gibt es die unterschiedlichsten Versionen. Die Behörden machten religiöse Extremisten verantwortlich, im Fall der Bombenexplosionen in Taschkent auch die politische Opposition, deren Führer sich seit vielen Jahren im Ausland aufhalten. In der Folge kam es laut Angaben von Menschenrechtsorganisationen zu eigentlichen Verhaftungswellen.
Minowarow betont, dass die Behörden nur gegen religiöse Extremisten vorgingen, die unter dem Deckmantel des Islams umstürzlerische politische Ziele verfolgten und gegen die Gesetze verstiessen. Usbekistan sei ein muslimisches Land, und der Staat fördere den Islam. Als Beweis führt er die Gründung einer islamischen Universität in Taschkent sowie die Registrierung von 1654 Moscheen im ganzen Land an. Die staatliche Pflege des islamischen Erbes ist vor allem auch ein identitätsstiftender Faktor und dient der Legitimierung der Herrschaft. Aus der Sicht des Gesprächspartners in Namangan tun die Repräsentanten des offiziellen Islams alles, was der Staat von ihnen verlange. Jene, die sich der Aufsicht zu entziehen versuchten, würden verfolgt. Auch klagt er darüber, dass in der Region von Namangan von ursprünglich über 900 Moscheen heute nur noch 173 geöffnet seien; das sei viel zu wenig. Nach der Neufassung des Religionsgesetzes im Mai 1998 hatten sich alle religiösen Gemeinschaften neu registrieren lassen müssen.
Das von hohen Bergen eingerahmte, fruchtbare Fergana-Tal ist durch die Staatsbildungen in Zentralasien zerschnitten worden, und in jedem der neu entstandenen Staaten leben Minderheiten. Der grösste Teil gehört zu Usbekistan, die Region um die Stadt Chodschent mit ihrem hohen usbekischen Bevölkerungsanteil zu Tadschikistan; der Osten mit den Städten Osch und Jalalabad, in denen ebenfalls viele Usbeken leben, gehört zu Kirgistan. Der kirgisische und der tadschikische Teil des Fergana-Tals sind durch hohe Berge, die nur im Sommer passierbar sind, von den übrigen Landesteilen abgeschnitten. Hinzu kommt, dass vor allem im tadschikischen und kirgisischen Teil das Gefühl weit verbreitet ist, Verlierer zu sein und von der jeweiligen Hauptstadt vernachlässigt zu werden. Auch das usbekische Fergana-Tal gilt nicht als Machtbasis von Präsident Karimow. In Kirgistan dominiert der Norden mit der Hauptstadt Bischkek über den stärker islamisch geprägten Süden. Die politischen Eliten von Chodschent, die zu sowjetischen Zeiten Tadschikistan beherrscht hatten, wurden während des Bürgerkriegs von den anfänglich mit ihnen verbündeten Clans von Kuljab von der Macht verdrängt. Der geringe Einfluss der politischen Eliten in Chodschent und Osch entspricht in keiner Weise der enormen wirtschaftlichen Bedeutung der beiden Regionen für Tadschikistan und Kirgistan.
Im Fergana-Tal zeigt sich die ganze Absurdität der von Moskau in den zwanziger Jahren künstlich gezogenen Grenzen. Ihr Verlauf ist überaus kompliziert, und es gibt eine Reihe von Enklaven und Exklaven. Die Usbeken sollen in den letzten Monaten in einigen Grenzabschnitten eigenmächtig Grenzsteine versetzt oder Kontrollposten verschoben haben. Kirgistan hat denn auch die Uno bereits um Vermittlung bei der Lösung von Grenzdisputen mit Usbekistan und Tadschikistan gebeten. Auch führen wichtige Transportwege auf der Strasse und auf der Schiene in vielen Fällen durch das Territorium eines Nachbarlandes, zum Teil sogar mehrmals. So stösst man auf dem Weg von der Stadt Fergana nach Kokand plötzlich auf einen usbekischen und kurz danach auf einen kirgisischen Grenzposten. Nach einem Kilometer passiert man erneut die kirgisisch-usbekische Grenze. Die Eisenbahnlinie und die Hauptstrasse von Chodschent im Norden Tadschikistans in die Hauptstadt Duschanbe führen über Usbekistan, und die Eisenbahnlinie, die Taschkent mit dem usbekischen Teil des Fergana-Tals verbindet, verläuft über Tadschikistan. Von tadschikischer Seite wird darüber geklagt, dass die Usbeken schon seit Jahren keine tadschikischen Lastwagen mehr über die Grenze liessen. So sei Tadschikistan gezwungen, die über zwei Pässe von über 3000 Metern Höhe führende Strasse von Duschanbe nach Chodschent, dem Industriezentrum des Landes, unter grossem finanziellem Aufwand auszubauen.
Usbekistan hat die Grenzkontrollen im Fergana-Tal in den letzten Monaten verschärft. Bereits ist von der Einführung der Visumspflicht zwischen den zentralasiatischen Ländern die Rede. Derzeit gibt es im Fergana-Tal nur noch einen einzigen usbekisch-kirgisischen Grenzübergang, den man mit dem Auto passieren kann; aber auch das soll bedeutend schwieriger geworden sein. Überall sonst müssen Kirgisen und Usbeken zu Fuss über die Grenze. Der stellvertretende Gouverneur der Region Andischan, Kudratillo Ubajdullajew, rechtfertigt die strengeren Grenzkontrollen mit dem Kampf gegen den internationalen Terrorismus und den Drogenhandel. Laut Angaben der Uno werden in der Tat mehr als zwei Drittel des in Afghanistan hergestellten Heroins durch Zentralasien nach Russland und weiter nach Westeuropa transportiert, ein grosser Teil davon durch das Fergana-Tal. Auch müssten sich die Menschen, so betont Ubajdullajew, daran gewöhnen, dass es nun souveräne Staaten und damit Grenzen gebe.
Die Kehrseite des strengeren Grenzregimes aber ist, dass die drei Teile des Fergana-Tals, die historisch eine Einheit bilden und wirtschaftlich, sozial und kulturell eng miteinander verbunden sind, noch mehr auseinander gerissen werden. Der für die lokale Bevölkerung wichtige Kleinhandel über die Grenzen hinweg, die regionale Kooperation und die menschlichen Kontakte zwischen Usbeken, Kirgisen und Tadschiken, die oft verwandtschaftlich miteinander verbunden sind, werden erschwert. Zudem wirken solche Massnahmen abschreckend auf ausländische Investoren, die das Fergana-Tal als einen einheitlichen Wirtschaftsraum betrachten.
Zur ethnischen Vielfalt, zu den umstrittenen Grenzen und der katastrophalen ökologischen Lage als Folge des Raubbaus in der Sowjetzeit kommen enorme soziale Probleme hinzu, die sich im Urteil ausländischer Beobachter verschärft haben. Die Arbeitslosigkeit, insbesondere unter den Jugendlichen, ist hoch. Es gebe keine Arbeit, klagen manche Gesprächspartner. Auch lohne es sich nicht, eine Arbeit zu suchen, die Löhne seien viel zu niedrig, und ausserdem brauche man Verbindungen oder Geld zum Schmieren. Die Bevölkerung wächst rasant, Boden und Wasser sind knapp. Im Fergana-Tal, das ungefähr 300 Kilometer lang und bis zu 70 Kilometer breit ist, leben rund elf Millionen Menschen: 27 Prozent der Einwohner Usbekistans, die Hälfte der Bevölkerung Kirgistans und ein Drittel der Einwohner Tadschikistans.
Ubajdullajew zeichnet trotz allem ein idyllisches Bild. Gewiss gebe es Arbeitslosigkeit, räumt er ein. Doch es seien in den letzten Jahren viele neue Industriebetriebe und Joint Ventures entstanden, etwa die Daewoo-Autowerke; jedes Jahr würden allein im Gebiet Andischan 45 000 neue Arbeitsplätze geschaffen. Priorität werde der Entwicklung der Kleinbetriebe und dem Dienstleistungssektor eingeräumt. Andischan habe sich enorm entwickelt, und dem Besucher wird mit Stolz der aus Deutschland importierte beheizbare Rasen des Fussballstadions gezeigt.
Zwar ist es ruhig im Fergana-Tal, und der Alltag scheint seinen gewohnten Lauf zu nehmen. Doch könnte sich dies angesichts der wachsenden sozialen Not und des grossen Konfliktpotenzials eines Tages ändern. Derzeit lässt sich kaum abschätzen, wie gross der Einfluss des politischen Islams und der von den Behörden nicht registrierten religiösen Bewegungen auf die Bevölkerung wirklich ist. Armut und Perspektivelosigkeit bilden jedoch einen fruchtbaren Boden für islamistisches Gedankengut. Nach allgemeiner Einschätzung besteht die Gefahr, dass vor allem Jugendliche zunehmend unter den Einfluss islamischer Fundamentalisten geraten könnten, die sich der sozialen Not annehmen und eine gerechte Gesellschaft versprechen. Man könne die religiösen Extremisten, so meint ein einheimischer Journalist, auf lange Sicht nur dann besiegen, wenn man den Menschen Hoffnung gebe.
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