Die Taliban konsolidieren ihre Macht
Die Taliban-Miliz in Afghanistan geht in ihrer diesjährigen militärischen Offensive gegen den einzigen verbleibenden Gegner umsichtiger vor als in früheren Jahren. Mit der Strategie, Ahmad Shah Masud im Norden die Versorgungswege nach Tadschikistan abzuschneiden, haben ihre Eroberungen diesmal bessere Chancen auf Bestand.
By. Delhi, 28. September
Der afghanische Präsident Burhanuddin Rabbani wird immer mehr zu einem König ohne Land. Während er vor kurzem als offizieller Repräsentant seines Landes am Millenniums-Gipfel der Uno teilnahm, schrumpfte das Herrschaftsgebiet seines Statthalters und Verteidigungsministers im Land, Ahmad Shah Masud, weiter zusammen. In den militärischen Operationen dieses Sommers ist es seinen Widersachern, den Taliban, gelungen, grosse Teile von Kunduz und Takhar, den beiden Provinzen im Nordosten des Landes, einzunehmen. Besonders schmerzhaft war dabei der Verlust der Stadt Taloqan, des provisorischen Regierungssitzes von Rabbani und der wichtigsten Versorgungsbasis von Masud. Die Taliban sind damit ihrem Ziel näher gekommen, der Miliz von Masud die Verbindungswege zwischen der Festung im Panjshir-Tal im zentralen Hindukusch-Gebirge und dem nördlichen Nachbarland Tadschikistan gänzlich abzuschneiden. Der Verteidigungsminister Rabbanis ist gezwungen, immer mehr auf den Umweg nach Badakhshan und den Pamir im äussersten Nordosten des Landes auszuweichen.
Auch beim Südeingang des Panjshir-Tals hat der Druck auf Masud in diesem Sommer zugenommen. In früheren Jahren war es ihm immer wieder gelungen, sich durch Ausfälle in die Ebene nördlich Kabuls Luft zu verschaffen. Nun haben die Taliban mit Zwangsumsiedlungen und einer Politik der verbrannten Erde dem Gegner weitgehend die Möglichkeit genommen, mit Hilfe von Taliban-feindlichen Dorfbewohnern die Front der Gotteskrieger im Rücken aufzubrechen. Lediglich am Salang-Pass, der die lebenswichtige Verbindung zwischen Kabul und dem Norden Afghanistans sicherstellt, bleibt Masud eine ständige Bedrohung für die Taliban. Weil von dort aus die Höhenzüge über den Tunneleingängen kontrolliert werden können, sind die Gotteskrieger zum Umweg über schwer zugängliche Pässe gezwungen. Dies erschwert ihnen die Versorgung der bei der Operation im Norden eingesetzten Truppen.
Die Ausweitung der Taliban-Herrschaft auf nunmehr über 90 Prozent des Landes stellt die Staatenwelt vor die Frage der Anerkennung eines Regimes, das effektiv den grössten Teil des Territoriums kontrolliert, so tyrannisch die Machtausübung auch sein mag. Zu den schärfsten Gegnern einer diplomatischen Aufwertung gehören die zentralasiatischen Staaten sowie Russland, das weiterhin mit eigenen Truppen den Grenzfluss Amu Darya bewacht und über Tadschikistan Masud mit Waffen und Gütern versorgt. Der tadschikische Präsident hat in den letzten Wochen immer stärker seine Besorgnis geäussert, dass die Anerkennung der Herrschaft der Taliban als südliche Nachbarn das nächste Kapitel eröffnen könnte - die Aufwieglung der islamischen Bevölkerungen der innerasiatischen Mitglieder der Gemeinschaft unabhängiger Staaten gegen deren kryptokommunistische Regime. Der Taliban-Aussenminister Motawakil hat diese Befürchtungen als Panikmache zurückgewiesen. Doch die zumindest verbale Unterstützung des tschetschenischen Widerstands durch Kabul ist für Moskau und dessen Bundesgenossen ein schlechtes Omen.
In Russland ist in den letzten Monaten immer offener die Forderung aufgetaucht, mit Luftangriffen auf von den Taliban beherrschtes Territorium den ungemütlichen Nachbarn fern zu halten. In den Afghanistan-Gesprächen der Sechs-plus-Zwei-Gruppe am Rand der Uno-Generalversammlung war es Moskau, das einem Abrücken von der Isolationspolitik gegenüber dem Kabul-Regime am stärksten entgegentrat. Es hat diese Woche den Kreml-Sprecher Sergei Jastrschembski nach Pakistan entsandt mit einem Schreiben Präsident Putins für den militärischen Machthaber in Islamabad. Beobachter spekulieren, dass dies ein guter Moment ist, das international isolierte Pakistan dafür zu gewinnen, beim afghanischen Bundesgenossen seinen Einfluss spielen zu lassen - gegen das Versprechen einer Aufwertung der bilateralen Beziehungen. Russland wird unterstützt von den USA, welche weiterhin hoffen, dass die Uno-Sanktionen vom letzten Jahr die Taliban zur Auslieferung des wegen Terrorismus gesuchten Usama bin Ladin bewegen werden. Die zentralasiatischen Staaten ihrerseits befürchten, dass die Ausdehnung der Taliban-Macht über den gesamten Norden neben einer Gefährdung ihrer Regierungen eine neue Flüchtlingswelle auslösen könnte.
Flüchtlinge und Menschenrechte sind allerdings keine Faktoren, welche die Politik der Taliban stark beeinflussen. Sie machten dies in diesem Sommer wieder klar, als sie sich nicht scheuten, ihre Offensive zu beginnen, obwohl sich das Land mitten in der schlimmsten Dürreperiode seit Menschengedenken befand. Mit einem Ernteausfall in der Grössenordnung von 2,3 Millionen Tonnen konnte sich ein Viertel der gesamten Bevölkerung nicht mehr selber ernähren und war auf Getreidelieferungen des World Food Programme angewiesen. Gleichzeitig versuchten die radikalen Islamisten, das Brot-Programm der Uno für die 28 000 Kriegswitwen der Hauptstadt Kabul zu unterbinden, mit dem Argument, zahlreiche Bäckereien beschäftigten Frauen.
Die Bemühungen einer Taliban-Delegation in New York um eine diplomatische Anerkennung des Regimes hatten daher wenig Chancen. Ihr Argument, Kabul habe inzwischen alle Bedingungen für eine diplomatische Anerkennung erfüllt, stiess auf taube Ohren. Selbst der deutliche Rückgang der Drogenproduktion um 28 Prozent wurde von der Uno mehr der Dürre zugeschrieben als dem Durchgreifen der Islamisten, für welche der Drogenexport immer noch eine wichtige Geldquelle zur Waffenbeschaffung darstellt.
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