Peking hat ungehalten auf die Ankündigung des Vatikans reagiert, am 1. Oktober 120 chinesische Märtyrer zu kanonisieren. Damit haben sich die bereits angespannten Beziehungen zwischen China und dem Heiligen Stuhl weiter verschlechtert.
U. Sd. Peking, 21. September
Es steht nicht gut um das Verhältnis zwischen Peking und dem Vatikan. Zwar hofften viele Beobachter auf eine Besserung, als in der vergangenen Woche eine Delegation aus Rom, geleitet von einem Kardinal, eine religiöse Konferenz besuchte, doch was in den letzten Tagen in Peking von offizieller Seite verlautete, ist sowohl im Ton wie im Inhalt an Bitterkeit kaum noch zu übertreffen und macht klar, dass an eine baldige Beilegung des Zerwürfnisses nicht zu denken ist. In einer wütenden Erklärung liess das Aussenministerium am Donnerstag verlauten, die Pläne des Vatikans, am 1. Oktober, dem chinesischen Nationalfeiertag, 120 chinesische Märtyrer zu kanonisieren, verletzten die Gefühle des chinesischen Volkes und würden «nicht toleriert».
Ob so viel Ärger wirklich nötig gewesen wäre? Wie aus gewöhnlich gut informierten, dem Vatikan nahe stehenden Kreisen verlautete, handelt es sich bei den meisten für die Heiligsprechung Vorgemerkten um Personen, die während des Boxeraufstands Anfang des letzten Jahrhunderts umgebracht worden sind. Christliche Märtyrer, die den Schlächtereien während Maos Kulturrevolution zum Opfer fielen, sollen sich laut diesen Angaben nicht unter den Auserwählten befinden. Doch dies genügt den Kommunisten anscheinend nicht. In Peking, wo man auf die Symbolik und die protokollarische Nuance grossen Wert legt, ist man erzürnt darüber, dass der Vatikan die Kanonisation ausgerechnet am chinesischen Nationalfeiertag vornehmen will. Ob es sich dabei um einen Zufall handelt oder um Absicht, war am Donnerstag nicht zu ermitteln.
Angesichts der stetigen Bemühungen Pekings um eine Klimaverbesserung erstaunt die Kompromisslosigkeit, mit der die KP derzeit gegen unbotmässige Gläubige - nicht nur Christen - vorgeht. Die Kampagne erreichte ihren vorläufigen Höhepunkt am letzten Donnerstag, als Bischof Zeng Jingmu, ein 81-jähriges Mitglied der römisch- katholischen Untergrundkirche, verhaftet wurde. Der alte Mann kennt die Kerker der Kommunisten: Er wurde 1958 zum ersten Mal ins Gefängnis gesteckt und blieb dort bis 1983. Dann wurde er für genau einen Monat freigelassen, um dann weitere acht Jahre, bis 1991, wieder hinter Gittern zu verbringen. 1996 verurteilten die Kommunisten den inzwischen 76-jährigen Bischof zu drei Jahren Zwangsarbeit und Umerziehung - ein Akt beispielloser Niedertracht gegenüber einem Menschen, der sich nach allem, was man weiss, ausser dem Bekenntnis zu seiner Religion nichts hat zuschulden kommen lassen. Als Zeng 1998 vorzeitig freigelassen wurde, wurde dies im Westen weitherum umgehend als Zeichen jener vielzitierten, aber von sämtlichen professionellen Spezialisten dementierten «Besserung» der Menschenrechtslage gepriesen - ein weiteres Beispiel, wie vorzüglich chinesisches Kalkül und westliches Streben nach Geschäften harmonieren.
Zeng ist Mitglied der romtreuen katholischen Untergrundkirche, die den Herrschern in Peking wegen ihrer rasch zunehmenden Popularität schon lange ein Dorn im Auge ist. Die KP Chinas lässt religiöse Bewegungen zu, verlangt von ihnen aber die völlige Unterwerfung. Diverse christliche Denominationen, aber auch Muslime oder Anhänger von Meditationsbewegungen wie Falun Gong weigern sich indessen, die Autorität der Kommunisten in geistlichen Dingen anzuerkennen. Für die Katholiken heisst das konkret, dass sie mit der «Katholischen Patriotischen Gesellschaft», der vom Staat zugelassenen, die Suprematie des Papstes nicht anerkennenden «Kirche» katholischer Ausrichtung, nichts zu tun haben wollen. Dass sich an dieser Überzeugung demnächst etwas ändern wird, ist unwahrscheinlich. Die Kommunisten verfolgen die Illegalen mit verblüffender Rachsucht - nur drei Tage vor der Arrestierung Zengs setzen sie den 82-jährigen Priester Ye Gong Feng fest und folterten ihn laut Angaben der in den USA niedergelassenen Kardinal-Kung-Stiftung bis zur Bewusstlosigkeit. Westliche Retorsionen fürchtet Peking offenbar schon lange nicht mehr. Und lässt sich doch einmal ein Gast zu einem diskreten Hüsteln hinreissen, setzt man einfach einen oder zwei Dissidenten frei: Darauf, dass man ihnen dafür auch noch dankt, können die Kommunisten zählen.
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NZZ 2000