Frankfurter Rundschau online 13.09.2000 Die UN-Soldaten sehen mit Neid und Skepsis die britischen "Rambos"
Blauhelm-Truppe in Sierra Leone ist über das Verhalten gegenüber den Rebellen zerstritten / Mandat verbietet Attacken
Von Christoph Link (Nairobi)
Die kleine britische Truppeneinheit in Sierra Leone sonnt sich derzeit im Ruhm einer gelungenen Geiselbefreiung. Umso blasser sehen die 13 000 UN-Blauhelme aus, die ebenfalls im Lande stationiert sind.
Am Dienstag war noch einmal die Stunde der Briten in Freetown. Vor der Presse schilderten junge Elitesoldaten ihre Aktion zur Befreiung von sieben Geiseln aus der Hand der West-Side-Boys: Wie sie 500 Meter durch den Fluss Rokel waten mussten, um das Camp der Geiselnehmer im Dorf Magbeni zu erreichen, wie sie mit schweren Waffen und Maschinengewehren beschossen wurden und wie ihre Kampfhubschrauber die Geschützstellungen des Feindes "neutralisierten".
Im Hauptquartier der UN-Friedenstruppe im Hotel Mamayoko in Freetown ist die Aktion der Briten mit Neid aber auch Skepsis verfolgt worden. Mehrfach hatten UN-Kommandeure die britischen Soldaten in Sierra Leone als "Rambos" kritisiert. Anders als den Briten ist der 13 000 Mann starken UN-Truppe ein Auftritt nach Rambo-Manier streng untersagt. Ihr Mandat ist das einer Friedenstruppe, die sich allen Bürgerkriegsparteien gegenüber neutral zu verhalten hat. So ist auch das zögerliche Verhalten beim Geiseldrama der UN zu erklären, als 500 Blauhelme in die Gewalt von RUF-Rebellen geraten waren. Deren Befreiung verlief relativ gewaltlos. Die Briten hingegen töteten 25 West-Side-Boys und einer ihrer eigenen Soldaten starb. Beobachter gehen davon aus, dass die Fallschirmjäger über die Geiselbefreiung hinaus mit den marodierenden West-Side-Boys "aufräumten", das heißt ihre Waffen zerstörten.
Die UN hingegen versucht den guten Draht mit allen Rebellengruppen im Lande zu halten. So gaben jüngst RUF-Rebellen, sieben Truppentransporter zurück, die sie den UN geraubt hatten. Die Lkw waren zwar ramponiert und mussten geschoben werden, dennoch freute sich ein UN-General über "das Engagement der RUF-Rebellen für den Friedensprozess".
Im Hauptquartier der UN in Freetown ist man heillos zerstritten darüber, wie es weitergehen soll in Sierra Leone und welcher Kurs gegen die Rebellen verfolgt wird. Als Hauptverantwortlichen für das Stocken der Entwaffnungsprogramme haben zumindest nigerianische Militärs den indischen Kommandanten der UN-Truppe, General Vijay Vetley, verantwortlich gemacht. Mit skandalösen Anschuldigungen habe Vetley seine moralische Integrität verloren, er versuche von seiner "Passivität und Inkompetenz abzulenken". Vorausgegangen war ein Zerwürfnis zwischen Vetley und drei hohen nigerianischen Offizieren in Freetown. Per internem Bericht hatte Vetley drei Nigerianern, darunter Gabriel Kpamber, der Ex-Kommandeur der westafrikanischen Eingreiftruppe Ecomog, ein Komplott gegen ihn unterstellt.
UN-Generalsekretär Kofi Annan wird die Krise im UN-Kommando beenden müssen. Er schickte ein Team unter Leitung von General Manfred Eisele nach Freetown, das für bessere Koordination sorgen soll. Außerdem, so Annans Sprecher, führe man mit Mitgliedstaaten Gespräche "auf höchster Ebene" über die Mission.
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Dokument erstellt am 12.09.2000 um 21:04:46 Uhr
Erscheinungsdatum 13.09.2000