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Neue Zürcher Zeitung AUSLAND Freitag, 08.09.2000 Nr.209   9


Kampagne gegen Untergrundkirchen in China

Festnahme eines Bischofs - gefährdete Religionsfreiheit

Peking geht immer härter gegen die nichtoffiziellen religiösen Gemeinschaften im Land vor. Vor wenigen Tagen wurde ein eben erst geweihter Bischof verhaftet; über sein Verbleiben ist nichts bekannt. Eine Studie der Administration Clinton kommt zum Schluss, die Religionsfreiheit in China sei derzeit stark gefährdet.

U. Sd. Peking, 7. September

Während sich Präsident Jiang Zemin in New York als weltläufiger Führer präsentiert, gehen seine Schergen in China mit aller Härte gegen die nichtoffiziellen religiösen Gemeinschaften vor. Wie die Nachrichtenagentur des Vatikans, Fides, mitgeteilt hat, wurde am 26. August Jiang Mingyuan, ein Bischof aus Henan, von der Polizei verhaftet und abgeführt; was mit ihm geschehen ist, weiss man nicht. Anlass zur Sorge besteht: Von zwei Klerikern aus Hebei, die 1996 verhaftet wurden, fehlt seither laut Fides jede Spur. Jiang Mingyuan war am 8. August von Bischof Wang Chonglin aus der Provinz Hebei vor über tausend Gläubigen und 26 Priestern geweiht worden.

Systematische Verfolgung

Den Initiatoren war das Risiko ihrer Handlung bewusst. Nicht nur waren sie von offizieller Seite gewarnt worden; es war ihnen auch klar, dass in China das Verfassungsrecht der Religionsfreiheit nur auf dem Papier besteht und dass sich die Behörden das Recht vorbehalten, sämtliche nichtoffiziellen Kirchen rigoros zu bekämpfen. China hält sich auch in Religionsangelegenheiten streng an das kommunistische Prinzip der totalen gesellschaftlichen Kontrolle und toleriert lediglich fünf Glaubensrichtungen - Buddhismus, Taoismus, Islam, Katholizismus und Protestantismus. Als valable Alternativen kann man diese sogenannt offiziellen Kirchen allerdings nicht bezeichnen. Wer die zahlreichen, teilweise intolerablen Auflagen des Staates nicht akzeptieren will, sieht sich in den Untergrund gedrängt. Aus diesen Gründen sind auch die sich zum Papst in Rom bekennenden Katholiken in die Illegalität gerutscht.

Die Verfolgung der Nichtoffiziellen geschieht systematisch. In der Küstenprovinz Fujian etwa sind laut Angaben der in den Vereinigten Staaten ansässigen Stiftung von Kardinal Kung Ende August 24 Katholiken verhaftet worden, und in Henan wurden am 25. August laut dem Hongkonger Zentrum für Menschenrechte und Demokratie 85 Mitglieder der christlichen Fang-Cheng- Kirche angeklagt, mittels «eines üblen Kults die Justiz zu behindern». Rein legalistisch betrachtet, haben die Behörden das Recht, gegen Sekten oder das, was sie dafür halten, vorzugehen: Im Laufe des ebenso unermüdlichen wie ergebnislosen Kampfes des Staates gegen die mächtige Falun-Gong-Bewegung wurde ein Gesetz geschaffen, das allein schon die Zugehörigkeit zu einem «üblen Kult» zu einem Verbrechen macht. Während das Gesetz lange Zeit primär in Bezug auf die Falun-Gong-Bewegung zur Anwendung kam, scheinen es die Kommunisten derzeit auch im Kampf gegen andere Glaubensrichtungen anzuwenden, in erster Linie gegen Christen jeglicher Denomination, dann aber auch gegen Muslime, vor allem, wenn sie in latent sezessionistischen Randgebieten wohnen. 14 christliche Gruppen sind inzwischen als «üble Kulte» gebrandmarkt und verboten worden; mehrere ihrer Führer sitzen im Gefängnis.

Ebenso intensiv versucht Peking aber, die eigenen staatlichen Gegenkirchen zu stärken und so das Scheitern der Gespräche mit dem Vatikan über die Anerkennung der offiziellen katholischen Kirche Pekings vor einem Jahr vergessen zu machen. So legt man Wert darauf, so viele Priester wie möglich zu Bischöfen zu weihen und die offizielle Kirche generell zu verjüngen. Die Untergrundkirchen ihrerseits setzen alles daran, so viele Bischöfe wie möglich von älteren und vom Papst anerkannten Geistlichen weihen zu lassen. Die Auseinandersetzung trägt alle Anzeichen eines Kulturkampfes: Parallel zum Niedergang der kommunistischen Religion und zur Wirtschaftskrise wächst in China das Bedürfnis nach spiritueller Nahrung rapide, und ausländische Religionen gelten als attraktive Alternativen zu den heimischen Glaubensrichtungen. So sind in den letzten Jahren im ganzen Land Zehntausende von christlichen «Hauskirchen» mit Millionen von Mitgliedern aus dem Boden geschossen, und die rasante Erstarkung dieser Gruppen bereitet den Kommunisten offenbar grösste Sorge.

In der Administration Clinton, die Peking gewiss nicht gerne brüskiert, wächst derzeit die Erkenntnis, dass Jiang Zemin durch Handelserleichterungen wohl kaum zu mehr Toleranz zu bewegen sein wird. Im zweiten jährlichen Bericht des State Department über die Religionsfreiheit in China, der nur Stunden nach Jiangs Ankunft in den USA veröffentlicht wurde, ist von einer spürbaren Verschlechterung der Lage die Rede, und die in regelmässiger Folge erscheinenden Berichte über die Folterung von Gläubigen werden insgesamt als glaubwürdig eingestuft. Die «brutalen Akte» gegen Mitglieder von Falun Gong und anderer Bewegungen zeigten, dass sich die chinesische Regierung Sorgen mache über Dinge, die sie weder verstehen noch kontrollieren könne.

Dementi aus Peking

Chinas Führung hat den Bericht des State Department über die Religionsfreiheit in China als Fälschung bezeichnet. Die Kritik Washingtons sei eine eklatante Einmischung in die inneren Angelegenheiten, sagte ein Sprecher des Aussenministeriums in Peking. «Durch Fälschung und Verdrehung der Tatsachen attackiert dieser Report die Religionspolitik und die Freiheit Chinas.» Peking fordere die USA auf, sofort einzuhalten und ihre Fehler zu korrigieren.

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