NZZ Online 03.10.2000

Wieder Kämpfe im Grenzgebiet Guineas

Stimmungsmache gegen Flüchtlinge

In Guinea sind im Grenzgebiet zu Liberia und Sierra Leone am Wochenende über siebzig Personen bei Kämpfen getötet worden. Guinea und Liberia bezichtigen sich gegenseitig, Rebellengruppen aus dem Nachbarland zu unterstützen.

pla. Nairobi, 2. Okt.

In Guinea ist es am Wochenende zu schweren Kämpfen zwischen guineanischen Soldaten und «Rebellen» gekommen. Nach Angaben der Polizei kamen die nicht näher bezeichneten Angreifer aus dem Norden Liberias. Die Regierung in Conakry hatte für frühere Angriffe eine von Liberia unterstützte Koalition von guineanischen Dissidenten und der sierra-leonischen Revolutionary United Front (RUF) verantwortlich gemacht. Liberia seinerseits bezichtigte Guinea, Kräften Unterschlupf zu gewähren, die Präsident Taylor stürzen wollten.

Ungeliebte Flüchtlinge

In Lagern in Guinea leben mehr als 400 000 Flüchtlinge aus Liberia und Sierra Leone. Viele sind bereits vor Jahren vor den Bürgerkriegen in ihren Heimatländern nach Guinea geflohen. Das Uno-Flüchtlingswerk und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz haben im September nahezu alle Mitarbeiter aus dem Grenzgebiet zurückgezogen, weil die Region als zu gefährlich eingeschätzt wird. Bisher war die Regierung in Conakry nicht in der Lage oder nicht bereit, für die Sicherheit der Hilfsorganisationen zu sorgen. Sie machte am Wochenende erneut Stimmung gegen die Flüchtlinge. Der Staatschef Conté bezeichnete in einer Rede zum Jahrestag der Unabhängigkeit die Flüchtlinge als Banditen, die mit Drogen handelten, die Immunschwächekrankheit Aids verbreiteten und zu einem Zerfall der Sitten beitrügen.

Vor zwei Wochen hatte ein ähnlicher Appell Contés zu einer Hatz auf liberianische und sierra-leonische Flüchtlinge in Conakry geführt. Damals hatte der Staatschef die Flüchtlinge beschuldigt, sie würden Rebellen beherbergen, welche die Republik Guinea destabilisierten. Mehrere tausend Flüchtlinge wurden in Conakry festgenommen und nach Berichten von Menschenrechtsorganisationen misshandelt. Etwa 6000 Flüchtlinge entschlossen sich daraufhin zur Rückkehr in ihrer Heimatländer. Kritiker der Regierung Conté wiesen auf die zeitliche Koinzidenz zwischen der Hatz auf die Flüchtlinge, den Attacken im Grenzgebiet und dem Prozess gegen den Oppositionsführer Condé hin. Condé wurde wegen angeblicher Putschvorbereitungen zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.

Die unklare Rolle von Präsident Taylor

Der liberianische Staatschef Taylor gilt als Förderer der RUF und als Profiteur am Diamantenschmuggel aus Sierra Leone. Er steht im Verdacht, die RUF in Sierra Leone mit Waffen zu unterstützen. Taylor versucht die Spannungen im Grenzgebiet und die angeblichen Angriffe von Dissidenten auf liberianisches Gebiet zu nutzen, um sich und sein Land als Opfer darzustellen. Versuche der Economic Community of West African States, zwischen Guinea und Liberia zu vermitteln, waren bisher nicht erfolgreich.

Neue Zürcher Zeitung, Ressort Ausland, 3. Oktober 2000, Nr.230, Seite 3