Return-Path: Received: from sxu1002.smtp-gw.to ([209.249.55.65]) by mailin00.sul.t-online.com with esmtp id 13w7Sk-1YfEw4c; Wed, 15 Nov 2000 19:39:14 +0100 Received: by sxu1002.smtp-gw.to (8.8.8/8.8.8) id NAA23671 for liste-hidden-list; Wed, 15 Nov 2000 13:21:19 -0500 (EST) Message-ID: <3A12D0B7.3637C6C5@bndlg.de> Date: Wed, 15 Nov 2000 19:06:47 +0100 From: Wolfgang Plarre X-Mailer: Mozilla 4.73 [de]C-CCK-MCD DT (Win98; U) X-Accept-Language: de MIME-Version: 1.0 To: Kosova-Info-Line-LISTE Subject: [Kosova-Info-Line] Wintervorbereitung 2000 - Oktober-Bericht aus Prishtina von Informationsstelle der Deutschen Caritas und Diakonie X-Priority: 2 (High) Content-Type: text/plain; charset=iso-8859-1 Content-Transfer-Encoding: 8bit Sender: owner-liste@kosova-info-line.de Precedence: resend Quelle: http://www.cvizk.de/berichte/berichtokt2000.pdf Informationsstelle der Deutschen Caritas und Diakonie in Pristina Monatsbericht Oktober Wintervorbereitung 2000 Einleitung Aufgrund der Tagung in Kassel im August diesen Jahres beinhaltete der Monatsbericht August die vier Hauptthemen Unterkunft, Energieversorgung, Gesundheitswesen und wirtschaftliche Lage im Kosovo. Da sich in dieser Hinsicht in den vergangenen 3 Monaten nicht viel verändert hat, beschränken ich mich in diesem Bericht auf das im Moment dringendste, jedoch relativ kurz zu umfassende Thema der Wintervorbereitung. Schon das Ende des letzten Winters bedeutete für die internationale Gemeinschaft im Kosovo den Übergang von Not- und Katastrophenhilfe zur Entwicklungshilfe. Die Informationsstelle Pristina wies jedoch im Frühling darauf hin, daß auch im Winter 2000/2001, vor allem mit der Rückkehr von Flüchtlingsströmen aus den westlichen Ländern Nothilfe wieder nötig sein würde. Obwohl man den Eindruck von eifrigem Bauen hat, ist bislang nur ein geringer Teil der zerstörten Häuser wiederaufgebaut worden. Das ehrgeizigste Wiederaufbauprojekt hat nicht nur kaum begonnen, sondern ist zudem noch reduziert worden. Laut Gottfried Köfner 1 vom UNHCR, ist das EU Programm, das den Aufbau von 8000 Häusern vorsah, um 50% gekürzt worden. Damit sind am Ende dieses Jahres noch 35.000 Familien im Kosovo in inadäquaten Behausungen untergebracht 2 . Die drei wichtigsten Probleme liegen nach wie vor im Bereich der Nothilfe: # Unterkunft # Feuerholz # Nahrungsmittelversorgung Für alle drei gibt es nicht genügend finanzielle Mittel. Unterkunft Wie schon in einem vorherigen Bericht erwähnt, liegt die Aufgabe der Unterkunftsbeschaffung mittlerweile in den Händen von UNMIK. Laut Spas Spasov von UNMIK 3 leben derzeit 7.500 Menschen in Temporary Community Shelter (TCS, Kollektivzentren), das bedeutet, daß 60% der verfügbaren Plätze ausgefüllt sind. Die restlichen 40% sind für Menschen vorgesehen, die im Moment noch in Zelten leben, wobei es sich um nicht weniger als 2.900 Personen handelt. Für Rückkehrer gibt es keine konkreten Pläne ihre Unterbringung betreffend. Man hofft auf Aufnahme durch Familienangehörige. Täglich kommen jedoch Rückkehrer in unser Büro, die von den sie aufnehmenden Familien Ultimata zum Auszug bekommen haben. ___________________________________________________________________ 1 Head of Protection, Schreiben vom 23 Oktober 2000 2 Pillar 4, UNMIK 3 Interview am 23. Oktober 2000 ___________________________________________________________________ Evelyn Arnold, die UNMIK Direktorin der Abteilung Gesundheit und Sozialwesen 4 , erklärt, daß es keine finanziellen Mittel zum Eröffnen weiterer TCS gibt. Sie zeigt sich sehr besorgt über die deutsche Rückkehrpolitik und bestätigt noch einmal, daß es keine Aufnahmekapazitäten für weitere Rückkehrer gibt. Obwohl die Menschen in den TCS einen Vertrag zum Bleiben bis Anfang März haben, wird UNMIK das Geld Ende Dezember ausgehen. Man weiß noch nicht, wie es dann weiter gehen soll. Die Kosten für die 44 TCS belaufen sich auf 3,0 Mio. DM von Juli bis Dezember - hinzu kämen noch die Kosten für Nahrungsmittel und Feuerholz. UNMIK möchte die Menschen in den TCS jedoch zur Eigeninitiative ermuntern, indem sie weder Nahrungsmittel noch Feuerholz geben. Über 90% der Begünstigten haben allerdings keinerlei Einkommensquelle, außer gelegentlichen Ein-Tages-Jobs auf Baustellen, etc.. Womit wir zum Thema Ersparnisse kommen: Die Familie, die ich hier beispielhaft beschreibe, ist kein Einzelfall, sondern eher die Norm: Die Familie Krasniqi 5 war 8 Jahre lang in Deutschland. In diesen Jahren hat der Vater keine Arbeitserlaubnis erhalten. Für die zwei Kinder bekam er insgesamt 80 DM im Monat, plus 80 DM pro Erwachsenen. Lebensmittel kaufte die Familie per Gutscheinen. Die Krasniqis sind ursprünglich aus Podujevo und haben nie ein Haus besessen. Da der Vater schwer lungenkrank ist, hat die Organisation ADRA sie im TCS "Dormitory" in Pristina in der Nähe des Krankenhauses untergebracht. Von dem Geld, das die Familie in Deutschland bekam, konnte sie nicht viel sparen. Auch wenn der Hausbau im Kosovo nicht so teuer ist wie in Deutschland, wird die Familie sich von den paar gesparten Hundert Mark keines bauen können. Natürlich kann auch die internationale Gemeinschaft keine Häuser für Menschen bauen, die niemals eines besaßen. Die Lage dieser Familie ist aussichtslos. Zwar war die Mutter Dolmetscherin in Deutschland, doch werden Deutschsprachige Übersetzer nicht mehr eingestellt -Englisch ist die Sprache der Internationalen im Kosovo. Die beiden Kinder, 12 und 14 Jahre alt, waren auf dem Gymnasium, sprechen kaum Albanisch und bezeichnen ihre Rückkehr als "Alptraum, aus dem ich hoffentlich bald aufwachen werde." Das Schlimmste für die Kinder ist, daß sie wissen, daß Ausgewiesenen die Einreise nach Deutschland auf mindestens 5 Jahre verwehrt wird. Ich frage den Vater, warum er der freiwilligen Auswanderungsaufforderung nicht gefolgt ist: "Ich habe nichts in diesem Land (Kosovo), kein Haus, keine Arbeit, keine Perspektive. Ich bin hier genauso Asylant wie in Deutschland, nur das dieses Land völlig am Boden ist." Wie so viele andere hat die pure Verzweiflung ihn bis zur zwangsweisen Abschiebung warten lassen. Das "Dormitory" ist eines der 27 von ADRA verwalteten Kollektivzentren. Um den Großteil der verbleibenden TCS kümmert sich World Vision; IRC (International Rescue Committee) und Mercy Corps International teilen sich den Rest. Auch das TCS in Bardhe e Madhe steht unter dem Schutz von ADRA. Da es voll belegt ist, leben noch 4 Familien in dem kleinen Ort in Sommerzelten. Der Verwalter Fehmi Domaniku 6 hofft darauf, daß einige der Familien noch vor dem Winter das TCS verlassen werden, um Platz für die in Zelten Lebenden zu machen. Die Wände in diesem Kollektivzentrum sind dünn wie Papier, die Fenster undicht. Herr Domaniku berichtet, daß 50% der 104 Familien in der Region, die auf einen Platz in einem der Zentren warten, Rückkehrer sind. ___________________________________________________________________ 4 Interview am 7. November 2000 5 Interview am 3. November 2000 ___________________________________________________________________ Ein Lösungsvorschlag von ihm ist, daß die Internationale Gemeinschaft den Menschen hilft, die Eigeninitiative ergriffen haben. Er sagt, daß 25% der Menschen mit zerstörten Häusern versucht haben, sie selbst zu reparieren, aber meist nicht genügend Geld haben, um die Häuser bewohnbar zu machen. Den meisten von ihnen könnte mit sehr wenig Geld geholfen werden und somit Platz in den TCS geschaffen werden. Leider fiel dieser Vorschlag bisher auf keinen fruchtbaren Boden. Das TCS in Magure wird von Mercy Corps verwaltet. Von den 28 Familie = 177 Personen haben 2 Personen Arbeit. Da noch viele Familien auf eine Unterkunft in diesem Ort warten, soll ein zweites Kollektivzentrum eröffnet werden, das uns der Verwalter zeigte. Die 13 Räume sind 6 m² groß, es gibt ein Bad mit 2 offenen Duschen und 3 Toiletten. Eine gemeinsame Küche gibt es nicht, die Menschen müssen Kochöfen in den ohnehin winzigen Räumen aufstellen. Im Zentrum in Milosheva leben 9 Familien, womit seine Kapazität erschöpft ist. Obwohl niemand einen Job hat - es gab eine Fabrik dort, die jetzt stilliegt - erhalten nur 3 Familien Sozialhilfe von UNMIK (s. Monatsbericht August). In diesem Ort leben noch 15 Familien in Zelten. Es soll ein neues Zentrum eröffnet werden, in dem aber nur 8 Familien untergebracht werden können. Was mit den Übrigen geschehen soll, weiß niemand. Das Kollektivzentrum in Krajkova (Gllogovc), von dem ich schon einmal berichtet habe, befindet sich in einem ehemaligen Großkuhstall. Schon im Sommer waren die Umstände schlecht, jetzt sind sie menschenunwürdig. Seit dem 8. November sind 53 Familien in diesem TCS im Hungerstreik. Keine der Familien ist in einem Wiederaufbauprogramm aufgenommen (die meisten sind Rückkehrer), die Kälte in den Zelten innerhalb des riesigen Gebäudes ist schon jetzt fast unerträglich, seit Juni haben die Menschen keine frischen Nahrungsmittel oder Milch bekommen, den Kindern sieht man bereits Mangelerscheinungen an. Keiner der Rückkehrer hat Arbeit, kann sich also keine eigenen frischen Nahrungsmittel kaufen. Auf dem Gelände laufen Dutzende von Kühen herum, die jedoch der Dorfbevölkerung gehören und von den Menschen im TCS nicht genutzt werden dürfen, genauso wenig wie die Erträge der Felder ringsherum. UNHCR kümmert sich nur mehr um die Unterbringung von Minderheiten, die in Gastfamilien untergebracht werden. Gastfamilien für weitere Rückkehrer sind bisher nicht gefunden worden. Nahrungsmittel Seit Juni 2000 verteilt auch die Mutter-Theresa-Gesellschaft keine frischen Nahrungsmittel mehr. Es muß noch einmal betont werden, das mittlerweile den meisten Rückkehrern die ohnehin kümmerlichen Ersparnisse ausgegangen sind und die offensichtliche Fehl- bis Unterernährung ihrer Kinder der lebende Beweis für größte Armut ist. Im ganzen Kosovo gibt es nur eine Hilfsorganisation die noch frische Nahrungsmittel verteilt - British War Child. Aufgrund beschränkter finanzieller Mittel kann War Child allerdings nur die Region Pristina, d.h. die Temporary Community Shelter von Pristina, Magure, Milosheva und Bardhe e Madhe mit Nahrungsmitteln versorgen. Das TCS von Krajkova (Gllogovc, Region Pristina) wird nicht mehr einbezogen, da die Organisation letztes Jahr bei dem Versuch eine Bäckerei zu eröffnen von der TMK (ehemalige UCK) bedroht worden ist. Das Verteilungsprogramm ist bis Ende Februar 2001 vorgesehen und beinhaltet 10 kg Früchte, Gemüse und Milch pro Familie pro Woche (pro Familie ein Liter Milch und ein Liter Saft pro Woche). ___________________________________________________________________ 6 Interview am 4. November 2000 ___________________________________________________________________ Feuerholz Wie schon oft beschrieben sind die Winter im Kosovo extrem hart. Im Januar fallen die Temperaturen auf minus 30 Grad Celsius. Im Kosovo gibt es kaum Übergangsjahreszeiten. Bis letzte Woche herrschten tagsüber sommerliche Temperaturen - bis zu 20 Grad. Von einem Tag auf den anderen ist die Temperatur auf 5 Grad tagsüber und null Grad nachts gefallen. Ohne Heizmöglichkeit friert man. Bis dato gibt es weder Heizöl noch Feuerholz in den ohnehin baufälligen Kollektivzentren. ECHO (European Community Humanitarian Office) hat versprochen, sich um dieses dringende Problem zu kümmern, doch laut Elisabeth Tomasinec 7 von ECHO hat Brüssel noch kein grünes Licht, d.h. kein Geld gegeben. Falls dies sich doch noch verwirklichen sollte, wird ECHO durch Implementierungspartner arbeiten, wie Premiere Urgence, CESVI, Solidarite, ATLAS Logstique und das THW. Außer der letzteren verfügt keine dieser Organisationen über eigene finanzielle Mittel. Auch in Pristina gibt es viele arme Menschen, von denen viele in Holzbaracken am Rande der Stadt leben. Sie müssen ihr Feuerholz selbst besorgen. Vahide Agolli erzählt, daß 1 m³ Holz im Sommer 70 DM kostet, im Winter jedoch 100 DM. Für eine Wohnung von 30 m² braucht man ungefähr 3 m³ alle 6 Wochen. Das Höchstmaß, das ECHO liefern könnte, sind 3 m³ pro Familie für den ganzen Winter, der bis in den März hinein dauert. Aktuelle Zusätze a. Auswirkungen der Wahlergebnisse im Kosovo Noch sind Auswirkungen der äußerst friedlich verlaufenen Kommunalwahlen im Kosovo nicht zu spüren. Es könnte sich herausstellen, daß die bisherigen selbsternannten Bürgermeister und die Beamten in den 19 Verwaltungsabteilungen, die zum Großteil Mitglieder der ehemaligen UCK waren, nicht ohne weiteres bereit sein werden, ihre - oft lukrativen - Posten zu räumen. Da die Implementierung der Wahlergebnisse noch nicht begonnen hat, werde ich die Vorgänge bis Februar oder März beobachten und ihnen dann einen Bericht widmen. b. Roma und Ashkali Die Informationsstelle der Caritas und Diakonie in Pristina schließt sich dem energischen Protest des UNHCR und UNMIK gegen die zwangsweise Rückkehr von Roma oder Ashkali in den Kosovo an. Vor 5 Tagen wurden 4 Ashkali Männer, der Jüngste 16 Jahre alt, exekutiert. Vorgestern wurde ein 13-jähriger Roma Junge verbrannt. Ein Ende der Gewaltwelle gegen diese Volksgruppe ist nicht abzusehen. Christina Kaiser Pristina, den 14. November 2000 ___________________________________________________________________ 7 Interview am 10. November 2000 ___________________________________________________________________ Frühere Berichte siehe http://www.cvizk.de/berichte.htm ******************************************************************** Wiederaufbau Kosov@ - Reconstruction Kosov@ Rindërtimi i Kosov@s - OBNOVA KOSOVA http://www.osnabrueck.netsurf.de:8080/~dbein/wiederaufbau.htm ******************************************************************** +---------------------------------------------------+ | Wolfgang Plarre | | Dillinger Str. 41, D-86637 Wertingen, Germany | | E-mail: wplarre@bndlg.de w.plarre@kosova.nu | | Tel: +49-8272-98974 Fax: +49-8272-98975 | | Internet: http://www.bndlg.de/~wplarre | +---------------------------------------------------+ _________________________________________________________ Ein Zeichen setzen: @ ! 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