Definitives Verbot
der Wafa-Partei in Algerien
Polizeiliche Schliessung der Parteibüros
Mr. Madrid, 14. November
Die algerische Polizei hat am Sonntag begonnen, die Büros der
islamistischen Wafa-Partei im ganzen Land zu schliessen. Die Wafa war
vom über 70-jährigen ehemaligen Minister Ahmed Taleb Ibrahimi im
Sommer vor einem Jahr gegründet worden, nachdem er und fünf andere
Bewerber im April wegen Manipulationen zugunsten des offiziellen
Kandidaten Bouteflika auf die Kandidatur bei der Präsidentenwahl
verzichtet hatten. Die lokalen Verantwortlichen der Wafa wurden, wie
die Partei in einem Communiqué am Montag bekanntgab, vor die Polizei
zitiert, wo ihnen mündlich das Verbot jeglicher politischen Tätigkeit
mitgeteilt wurde. Die Polizei sperrte am Montag auch den Zugang zum
Hauptsitz der Partei im Quartier von El Biar in Algier ab, kurz
nachdem eine Delegation von Amnesty International - die zweite in
diesem Jahr - sich hier mit Taleb Ibrahimi getroffen hatte. Die Wafa
betrachtet das Vorgehen des Innenministeriums und der Polizei als
illegal, weil keine schriftliche Begründung des Verbots erfolgt sei.
Ein Magnet für Protestwähler?
Innenminister Zerhouni hatte in der vergangenen Woche im Parlament
eine Zulassung der Wafa definitiv ausgeschlossen, weil sie eine pure
«Wiederauferstehung» des 1992 verbotenen Front islamique du salut
(FIS) sei. Nach den Angaben des Innenministers sind 17 der 40
Gründermitglieder der Wafa ehemalige aktive FIS-Anhänger, die zum Teil
in subversive und terroristische Aktivitäten verwickelt gewesen seien.
Dies gelte auch für 46 der 94 Mitglieder des Parteivorstandes. Taleb
Ibrahimi hat diese wiederholten Vorwürfe immer bestritten und Beweise
verlangt. Da der Innenminister auf das Zulassungsgesuch der Wafa nicht
innert sechs Monaten schriftlich geantwortet hatte, konnte sich die
Partei als legal betrachten. Die Regierung Bouteflika hat zwar eine
von der Bevölkerung nicht allseits gutgeheissene «nationale
Versöhnung» mit einer Amnestie für reuige islamistische Terroristen in
Gang gesetzt. Die Wafa war aber in den Augen der Generalskaste, welche
das politische Leben Algeriens überwacht, zu einem gefährlichen
Magneten für Protestwähler geworden. Taleb Ibrahimi, der «nationale
und spirituelle Werte» verteidigen will, stammt zwar selbst aus dem
«System». Er war fast 25 Jahre lang Minister, unter anderem in den
Regierungen der Präsidenten Boumediène und Chadli. Seine
«populistische» Wandlung wird vom Regime als Gefahr empfunden, die man
- wie auch im Fall anderer nicht zugelassener Parteien - mit illegalen
Methoden bekämpft.
Neue Zürcher Zeitung, Ressort Ausland, 15. November 2000, Nr.267, Seite 5