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Das Monster Gulag muss gefüttert werden

Immer noch sitzen Hunderttausende zu Unrecht in russischen Straf- und Arbeitslagern

Von Florian Hassel (Krasnojarsk)

Es ist nicht so, dass der Bildhauer Wiktor Babizkij sich über seine Arbeitsbedingungen beklagen möchte. Die Aufträge kommen regelmäßig, die Materialversorgung funktioniert reibungslos. Bis die Statue des Zaren Peters des Großen seinen Vorstellungen entsprach, verbrauchte Babizkij über ein Dutzend Tonnen Beton und eimerweise Bronzefarbe. Jetzt ragt der goldene Peter acht Meter hoch in den sibirischen Winterhimmel und zieht die Blicke im Straf- und Arbeitslager IK-27 auf sich.

Vom russischen Doppelkopfadler am Eingangstor bis zu den vergoldeten Sphinxen vor dem Theater trägt das Lager in der Nähe der westsibirischen Großstadt Krasnojarsk die Handschrift Babizkijs, eines 38 Jahre alten Mannes mit braun-grünen, sanften Augen und einer weißen Papierfliege über dem schwarzen Sträflingshemd. Nur mit der künstlerischen Freiheit hapert es. "Eigentlich würde ich lieber die Gedanken malen, die mir durch den Kopf gehen. Doch weil abstrakte Malerei hier niemand versteht, muss ich das schaffen, was gefragt ist", bedauert Babizkij. Ob er als nächstes ein Segelschiffrelief oder die Statue eines sibirischen Bären vorbereitet, "entscheide nicht ich, sondern der Chef", sagt Babizkij, der das letzte Drittel einer zehnjährigen Haftstrafe wegen Totschlags absitzt. Der Chef, das ist der Lagerkommandeur, Oberst Sergej Doiko. Was Doiko sagt, ist Gesetz im Lager UP-288/27, kurz IK-27.

Babizkij ist nicht der einzige Künstler am Hofe Oberst Doikos. Wenn die Sträflinge mit dem Militärmarsch "Abschied einer Slawin" zum Mittagessen gerufen werden, laufen sie an einer langen Hofwand vorbei, die über Dutzende von Metern mit farbenfrohen Figuren aus russischen Sagen bemalt ist.

Doch spätestens im Speisesaal zerbricht die optische Illusion eines Disneylands des Strafvollzugs. Hunderte schwarz gekleidete, kahl rasierte Häftlinge löffeln schweigend den dünnen Eintopf aus dem Blechnapf. Nach dem Essen passieren alle eine Metallschleuse am Ausgang. Die soll verhindern, "dass jemand ein Messer mitgehen lässt und uns später eine böse Überraschung bereitet", sagt ein Wächter. Die Mauern um das mehrere Quadratkilometer große Gelände mit seinen dreistöckigen Schlafbaracken und großen Fabrikhallen sind mit Stacheldraht gesichert. Jenseits der inneren Lagermauern beleuchten starke Scheinwerfer den Schnee, und die Scharfschützen auf den äußeren Wachtürmen haben strikten Schießbefehl.

Die vier Sträflinge, die an einem Wintertag bei minus 28 Grad im Lagercafé sitzen, sind alles andere als leichte Jungs. "Ich habe vor zehn Jahren im Streit einen Zechkumpanen erschlagen", erzählt der 29 Jahre alte Oleg Kurenko beiläufig. Andrej Schtschulgajew (26) hat ein Geschäft mit gezogener Pistole überfallen. Seinen neben ihm sitzenden, zwei Jahre jüngeren Namensvetter brachte schwere Erpressung für sieben Jahre hinter Gitter.

Lagerkommandeur Doiko, ein breiter Mann mit schwarzem Schnurrbart, kann weitere Schwerverbrecher vorführen. "Wir haben knapp 190 Mörder, 111 schwere Räuber und 63 Vergewaltiger im Lager." Die sollen ihre Verbrechen wie zu Sowjetzeiten vor allem durch harte Arbeit in der lagereigenen Möbelfabrik und Betongießerei büßen. "Als dieses Lager vor mehr als 30 Jahren gegründet wurde, gab es dafür einen einfachen Grund", sagt Doiko. "Das benachbarte Aluminiumwerk von Krasnojarsk brauchte billige Arbeitskräfte."

Der von Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn beschriebene "Archipel Gulag" der Sowjetunion lebt weiter - wenn auch in abgeschwächter Form. In vielen Arbeitslagern und Gefängnissen Russlands sind die Bedingungen weit schlechter als in der Vorzeigekolonie IK-27 mit funktionierender Heizung und ausreichender Verpflegung. Von seinem chinesischen Kollegen abgesehen, dürfte Jurij Tschaika der einzige Justizminister der Welt sein, dem nicht nur 801 Arbeitslager und 197 Gefängnisse unterstehen, sondern auch ein Wirtschaftsimperium aus 750 Fabriken und Landwirtschaftsbetrieben. 390 000 Menschen arbeiten für die Lagerverwaltung GUIN. Allein in der Region Krasnojarsk arbeiten in 42 Gefängnissen und Lagern 30 000 Angestellte für die Hauptabteilung Strafvollzug.

Dass Moskau mit rund einer Million Häftlingen - bezogen auf die Bevölkerungszahl - mehr Menschen hinter Gittern hält als wohl jedes andere Land, liegt nach Meinung des Justizreformers Walerij Abramkin daran, "dass das Monster Gulag gefüttert werden muss. Vier Fünftel der Häftlinge sind Kleinkriminelle und sitzen zu Unrecht im Lager." Selbst General Wladimir Schajeschnikow, oberster GUIN-Aufseher über die Region Krasnojarsk, glaubt, dass "mindestens 30 Prozent der Sträflinge nichts in unseren Lagern verloren haben".

Zum Beispiel Wladimir Barsukow (20), der Anfang November ins Lager IK-27 gekommen ist. Seine Heimat Kindjakowo östlich von Krasnojarsk ist eines von Tausenden russischer Dörfer, die im vergangenen Jahrzehnt ins kollektive Elend abgerutscht sind. Weil Wladimir 1999 im Dorfladen zwei Brote unter die Jacke steckte, verurteilte ihn die Richterin zu drei Jahren auf Bewährung. Anfang 2000 gab die Kolchose auf, bei der Wladimir als Kuhhirte arbeitete. Wenige Monate später stahl er einen Fernseher, um mit dem Verkaufserlös seine Mutter und sich selbst über die Runden zu bringen. Das Urteil: viereinhalb Jahre Lager. "Der Junge hat aus Not gestohlen, scheut keine Arbeit und zeigt sich hier als regeltreuer Mensch", sagt Major Sergej Aksjonow, einer der Justizbeamten. "In einem zivilisierten Land wäre er nicht im Lager gelandet."

Von den 1 600 Sträflingen im Lager IK-27 sind rund 400 Schwerverbrecher, doch auch 600 wegen - oft geringfügigem - Diebstahl Verurteilte. Ferner füllen 250 Narkomani - Rauschgiftsüchtige - das Lager. "Die weitaus meisten sind keine großen Dealer, sondern kleine Süchtige", sagt Lagerkommandeur Doiko. "Sie gehören nicht zu uns, sondern in ein Entziehungsheim. Oft werden sie erst zu Verbrechern, wenn sie hier im Lager ihre kriminelle Akademie durchlaufen haben." Dass ausgerechnet in den Straflagern mancher Beamte liberaler eingestellt ist als viele Polizisten und Richter, könnte an der engen Symbiose von Sträflingen und Aufsehern liegen. Major Sergej Aksjonow, ein gelernter Architekt, durchquert die Lagertore seit vierzehn Jahren. Sein Fazit: "Bei uns in Russland sperren die Richter vor allem die Armen und Ungebildeten ein."

Die Erziehung über die Weisheit der Partei ist Vergangenheit, doch der Wille, die Sträflinge zu Neuen Menschen zu machen, wirkt weiter. Im Herbst 1999 eröffnete Anatolij Jelinskij, vorher Direktor einer Grundschule, in einer hölzernen Baracke die Lagerschule wieder, die acht Jahre zuvor aus Geldmangel geschlossen worden war. Statt I-Dötzchen unterrichten Jelinskij und seine 18 Kollegen nun Männer wie Sabdulajew Naschamut, trotz seines bärengleichen Körperbaus ein Mann mit einem breiten Kindergesicht unter den schwarzen Haaren. Doch infolge einer Haftstrafe von zwölf Jahren wegen Vergewaltigung hat Naschamut noch etliche Jahre als Sträfling vor sich. Auch Kantinenchef Wladimir Leonow wird noch lange auf ein neues Leben warten müssen. Anfang 1997 wurde Leonow wegen bewaffneten Raubüberfalls und Mordes zu 13 Jahren Haft verurteilt. Im vergangenen Jahr nahm sein Leben eine Wendung: Eine Brieffreundin verliebte sich in Leonow, mit seinen blonden Haaren und einem feingeschnittenen Gesicht ein attraktiver Mann von 28 Jahren.

Mitte August 2000 war es soweit. Der Lagerchef registrierte die Eheschließung, und das Brautpaar zog sich in die "Zimmer des Wiedersehens" zurück: ein Zimmertrakt, in das sich neben einem riesigen Aquarium und einer Kinderschaukel, einer Herbstwaldtapete und einem künstlichen Kamin auch ein mannshoher, knallroter Coca-Cola-Automat aus den 50er Jahren verirrt hat. Zwischen den Treffen - viermal im Jahr für je 72 Stunden - blättert Leonow oft im Album mit den Bildern seiner Hochzeit und seiner Frau und ihrer Tochter. "Als ich Swetlana kennen lernte, hat sich für mich alles verändert", sagt der verurteilte Raubmörder.

Natürlich sind funktionierende Schulen und reuige Häftlinge nur ein Teil der Lagerrealität. In dem anderen wird das Fußvolk der Sträflinge in jeder Baracke von den von der Lagerleitung ernannten Sowchosi und drei, vier Gefolgsleuten mit wiederum einigen Untergebenen regiert.

"Wenn Du zum Führungskreis gehörst, kannst Du im Prinzip alles besorgen: Rauschgift, Alkohol, selbst einen Fernseher", sagt ein in der Hierarchie oben stehender Sträfling. Da Frauen zu auffällig wären, prostituieren sich manche Sträflinge freiwillig - oder werden von den Barackenchefs vergewaltigt.

Nach Angaben der Häftlinge sind die meisten Wärter bestechlich und bessern so ihr karges Gehalt von umgerechnet höchstens einigen hundert Mark auf. Doch der rege Handel ist auch für die Wärter nicht ohne Risiko. Als General Wladimir Schajeschnikow, der GUIN-Chef der Region Krasnojarsk, den FR-Reporter empfing, trug ein Untergebener gerade den Tagesbericht vor: ein Mord in einem Untersuchungsgefängnis, ein Ausbruchversuch - und ein Justizbeamter, der versucht hatte, einige Liter Schnaps ins Lager zu schmuggeln. Nun kommt der ertappte Beamte selbst für drei bis fünf Jahre in ein Arbeitslager in Nischnij Tagil oder Irkutsk. Dort büßen Tausende verurteilter Polizisten, Geheimdienstler und Lagerwärter ihre Zeit ab. Die Bewachung ist strenger als in anderen Lagern. Schließlich kennen die Insassen alle Tricks.

 

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Copyright © Frankfurter Rundschau 2001
Dokument erstellt am 07.03.2001 um 21:26:57 Uhr
Erscheinungsdatum 08.03.2001

 

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