Frankfurter Rundschau 19.03.2001
Ein Wort wie "Widerstand" wagt niemand mehr auszusprechen
Unter den Augen oder sogar mit Hilfe von Bogotás Soldaten verbreiten rechte Paramilitärs Terror in Kolumbiens Ölzentrum
Von Ursula Rüssmann (Frankfurt a. M.)
Menschenrechtsorganisationen haben Alarm geschlagen und auf die "verzweifelte Lage" der Zivilbevölkerung in der kolumbianischen Stadt Barrancabermeja hingewiesen. Rechtsgerichtete Paramilitärs sind nach Angaben der Initiativen dabei, die strategisch wichtige Kommune mit massiver Gewalt unter ihre Kontrolle zu bringen. 60 Prozent seien schon besetzt, Polizei und Regierungstruppen unterstützten sie.
Barrancabermeja - der Name der Stadt mit ihren 280 000 Einwohnern hat in Kolumbien einen besonderen Klang. In der Erdölstadt am Rio Magdalena, der Lebensader Kolumbiens, sitzt die Schaltzentrale der starken Ölarbeitergewerkschaft. Hier wuchsen soziale Initiativen, Frauen- und Stadtviertelgruppen. Breite Netzwerke wie das Menschenrechtsbündnis Credhos bildeten sich. Hier, wo lange die linken Rebellengruppen Farc und ELN dominierten, wollen jetzt die Paramilitärs an die Macht. Bettina Reis von der Deutschen Menschenrechtskoordination Kolumbien warnt, damit drohe eine "Bastion der sozialen Bewegungen" Kolumbiens zu kippen.
Carlos Castano, ein Kommandeur der Paramilitärs, hat die Eroberung der Stadt öffentlich als Ziel verkündet. Die Milizen attackieren damit auch das Projekt der Regierung, der ELN im Umland eine entmilitarisierte Zone zu überlassen. Eine breite Blutspur zieht sich durch die Stadt: Allein 500 Morde im vergangenen Jahr, berichtet Christine Klissenbauer, die für Pax Christi Deutschland als Friedensarbeiterin in Barrancabermeja im Einsatz ist, der FR.
Seit Dezember tobt der Terror heftiger denn je. Am 22. des Monats drangen 100 Paramilitärs in nordöstliche Viertel ein, besetzten Häuser und Hütten, kappten Telefonleitungen. Arbeitslose Jugendliche werden mit Dollars und Handys geködert, sich anzuschließen. Getötet wurden laut Klissenbauer vor allem junge Männer, die als "Sympathisanten der Guerilla" galten.
Auf den Menschen laste "unglaublicher Druck", meint Friedensarbeiterin Klissenbauer. Worte wie "Menschenrechte" und "Widerstand" wagt niemand mehr auszusprechen. Vor allem gegen die zivilen Netzwerke gehen die Paramilitärs vor: So wurden Mitarbeiter von Credhos und einer Fraueninitiative vertrieben; die Frauenorganisation OFP und ein Mitarbeiter der "Internationalen Friedensbrigaden" (PBI), der ihnen Begleitschutz gibt, wurden zu "militärischen Zielen" erklärt. Klissenbauer beschreibt die Stimmung vieler Aktivisten als "niedergeschmettert". PBI sieht die Menschenrechtler "in höchster Gefahr".
Bogotá schickte erst Ende Januar Sondereinheiten. Doch nichts verbesserte sich. Amnesty-International-Generalsekretär Pierre Sané sprach von "purer Kosmetik" und nannte es "inakzeptabel, dass die Paramilitärs offen agieren können, obwohl die Stadt voller Soldaten ist." Die Basisorganisationen vor Ort lehnen die Truppenverstärkung ohnehin ab, weil Militär und Polizei häufig mit den "Paras" paktieren. "Wir rechnen nicht mehr mit der Regierung", sagt Klissenbauer kategorisch.
Es könnte sogar noch schlimmer kommen, nicht nur in Barrancabermeja. Denn das von Präsident Andrès Pastrana gestartete Drogenbekämpfungs-Programm "Plan Colombia" kurbelt die Gewaltspirale weiter an. Die USA sponsorn den Plan mit bisher 1,3 Milliarden Dollar, davon eine Milliarde reine Militärhilfe. Weitere umgerechnet 1,6 Milliarden Mark wollen die USA laut US-Außenminister Colin Powell im kommenden Jahr für eine "regionale Initiative" zur Drogenbekämpfung in Lateinamerika bereitstellen, davon sollen rund 620 Millionen Mark an Bogotá gehen. Washington unterstützt die Entlaubung von Kokafeldern und die Bildung von "Anti-Drogen-Bataillonen", die auch am Rio Magdalena zum Einsatz kommen sollen. Ein verhängnisvolles Störsignal gegen den Dialogprozess mit ELN und Farc, meint Kolumbien-Expertin Reis. Gouverneure betroffener Provinzen protestierten jetzt in Washington vergeblich: Die Gewalt sei eskaliert, Felder mit Nutzpflanzen seien vernichtet worden, klagten sie.
Auch die EU ist auf Distanz zum Plan Colombia gegangen. Brüssel kündigte stattdessen an, 400 Millionen Mark für Hilfsprojekte in Magdalena Medio zu geben: für sauberes Wasser, Strom und Friedenserziehung. Ein richtiger Schritt, meint Reis: "Drogenanbau als soziales Problem ist nur mit Entwicklung zu lösen."