Frankfurter Rundschau 26.03.2001
IM BLICKPUNKT Neue Initiative in Somalia Von Christoph Link (Nairobi) Somalia kommt nicht zur Ruhe. Drei Menschen starben vor wenigen Tagen beim Angriff einer Miliz auf das Hotel in Mogadischu, in dem die Übergangsregierung residiert. Kurz darauf rief Warlord Hussein Mohammed Aidid zu einer neuen Konferenz der Versöhnung auf - ausgerechnet vom "Erzfeind" Äthiopien aus. Das "Ramadan"-Hotel in Mogadischu ist Herberge für Minister und Parlamentarier der Übergangsregierung von Somalia. Seit September versucht das Kabinett unter dem gewählten Präsidenten Abdoulkassim Salat Hassan im anarchischen Somalia Recht und Ordnung wiedereinzuführen. Vor dem wegen seines stillen Gartens beliebten Hotel parken mehrere Geschützwagen. Dennoch gelang es der Miliz eines unbekannten Warlords Ende vergangener Woche, eine Granatensalve auf das Hotel abzufeuern. Das Zimmer des nicht anwesenden Premiers wurde zerstört, drei Zivilisten starben. Der Angriff war offenbar die Antwort auf eine Provokation der Hotelmiliz - Alltag in Mogadischu. Die Opposition der selbst ernannten Kriegsherren ist das größte Problem der im Exil in Djibouti gebildeten Übergangsregierung. Jetzt versetzte ihr einer der Warlords, Hussein Mohamed Aidid, auf diplomatischem Weg ein paar Nadelstiche. Im Verein mit dem Anführer der bei Baidoa im Südwesten Somalias starken Rahanawein-Milizen rief er in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba zu einer neuen nationalen Konferenz der Versöhnung auf. Alle politischen Bewegungen Somalias seien dazu aufgerufen, binnen sechs Monaten eine Regierung auf "breiter Basis" zu bilden. Der Appell klang ganz so, als ob es nicht schon eine viermonatige Versöhnungskonferenz in Arta bei Djibouti mit mehr als 800 Clan-Führern gegeben hätte, die zur Gründung des Parlaments und der Regierung von Salat Hassan führte. Dass der Appell Aidids von Äthiopien aus erfolgte, ist pikant, denn die äthiopische Armee ist in der staatsfreien Zeit Somalias mehrfach im Land ein- und ausmarschiert, sie gilt als Aggressor. In Mogadischu wird der Initiative des Hussein Aidid kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Die Übergangsregierung hüllt sich in Schweigen. Hussein Aidid ist der Sohn des berüchtigten Generals Aidid, dessen Milizen auf brutale Weise 18 US-Soldaten umbrachten und deren Leichen durch die Gassen von Mogadischu schleiften. Das war im Jahr 1994, doch die Fotos von damals prägen das negative Image Somalias noch heute. Der Sohn Aidids studierte zwölf Jahre lang in den USA, er ist westlich-modern gekleidet und ein BBC-Reporter beschrieb ihn kürzlich als "kultiviert". Die Bürger Mogadischus können darüber nur lachen. Wer den rund 40-jährigen Hussein Aidid im Gespräch erlebt, muss stundenlanges Schwadronieren in Kauf nehmen. Bei einer Rundfahrt durch "seinen" Stadtteil in Mogadischu schneidet Aidid gerne auf und erhebt ein heruntergekommenes Hochhaus zu seiner Verwaltungszentrale mit 250 Beamten. "Alles geflunkert", raunt der Fahrer. Nicht geflunkert ist der Esel mit Wasserkanistern, der vor Aidids Haus aufkreuzt und den Besitzer in Wut versetzt, denn er beweist, dass dieser Warlord nicht einmal fließendes Wasser hat. Aidid wird belächelt - auch vom neuen Polizeichef Mogadischus, einem alten Haudegen, der schon unter dem Warlord Osman Atto gedient hatte. An eine Regierungsbildung durch irgendeinen Warlord glaubt in Mogadischu niemand mehr. Denn zwischen 1994 und 2000 - vor der Friedenskonferenz von Djibouti - hatte es zwölf Versuche gegeben, das zu erreichen. Alle sind gescheitert.
Warlords gegen Demokraten