Frankfurter Rundschau 26.03.2001
Verdächtigung, noch nichts weiter
Nach den Anschlägen macht Moskau Rebellen verantwortlich
Von Florian Hassel (Moskau)
Die Bombenanschläge im Süden Russlands lagen keine 24 Stunden zurück, als Generalstaatsanwalt Wladimir Ustinow den angeblich Verantwortlichen präsentierte: Der Rebellenführer und "bekannte Terrorist Chattab" habe die Anschläge bestellt, die bisher 21 Menschen das Leben kosteten. Am Sonntag verbreitete die Polizei vier Phantombilder, der russische Oberstaatsanwalt Tschetscheniens meldete wenig später die Festnahme von drei Männern, die der Teilnahme an den Attentaten verdächtigt würden.
Nach einer Zeit relativer Ruhe - zumindest außerhalb Tschetscheniens - lebt Russland inzwischen wieder mit dem Schock blutiger Anschläge. Wie im Herbst 1999, als bei einer Serie von Attentaten mehr als 200 Menschen getötet wurden, zeigt das Fernsehen erneut überlebende Opfer und Blut spendende Russen - diesmal aus dem Krankenhaus von Mineralnije Wodij, einem Logistikzentren der russischen Kaukasusarmee.
Doch am Samstagvormittag starben nicht Soldaten, sondern 19 Zivilisten, als ein offenbar mit Schrauben, Nägeln und Sprengstoff beladenes Auto neben dem Markt von Mineralnije Wodij explodierte. In der Nähe der Stadt Tscherkessk starben zwei Kriminalisten, als Verkehrspolizisten im Tank eines anderen Wagens eine Bombe entdeckten und Spezialisten anforderten. Ein dritter Sprengsatz explodierte schließlich in der Stadt Jessentuji in der Region Stawropol.
Präsident Wladimir Putin schickte Beileidstelegramme und kündigte "extrem rigorose Maßnahmen" gegen die Schuldigen an. Sein Sicherheitsberater Sergej Iwanow wurde deutlicher: Viel spreche dafür, dass tschetschenische Rebellenführer "zur Taktik des terroristischen Kampfes übergehen. Leider können die Machtstrukturen (Armee, Polizei und Geheimdienst, d. Red.) nicht immer alle Gewaltaktionen verhindern." Gerade der Inlandsgeheimdienst FSB, seit dem 22. Januar statt des Verteidigungsministers für den Krieg in Tschetschenien verantwortlich, steht nun unter Druck: Weder ist der Guerillakrieg innerhalb Tschetscheniens schwächer geworden, noch kann oder will der Geheimdienst offenbar Attentate verhindern.
Schuldzuweisungen und angebliche Fahndungserfolge sind bisher wenig glaubwürdig. So etwa die Festnahme von drei Verdächtigen in Grosnij. Dass angebliche Terroristen nach ihrer Tat ausgerechnet den am schärfsten überwachten Weg durch Dutzende russischer Kontrollpunkte nach Grosnij wählen und ihnen dies in nur wenigen Stunden gelingt, gilt als nahezu ausgeschlossen. Sicherheitsberater Iwanow erinnerte daran, die Gefahr neuer Terrorakte bestehe fort, solange Moskau in Tschetschenien nicht die Bedingungen für ein "normales friedliches Leben" schaffe. Dass die Menschen dort nach wie vor nicht zu ihrem Alltag zurückkehren konnten, liegt vor allem an den russischen Soldaten und Polizisten unter der Aufsicht Putins und Iwanows.
Zehntausende von Zivilisten sind während des Konflikts bisher ums Leben gekommen. In einer aufsehenerregenden Artikelserie schilderte kürzlich Anna Plitikowskaja, Kriegsreporterin der Wochenzeitung Nowaja Gaseta, das nach wie vor andauernde russische Terrorregime. Die Einwohner mehrerer Dörfer flehten den Kreml an, sie wegen des Terrors geschlossen umzusiedeln.
Die Dorfbewohner haben ebenso wenig eine Antwort erhalten wie Präsident Aslan Maschadow auf einen bereits im Juni 2000 vorgelegten Friedensplan. Am Samstag bekräftigte Maschadows "Außenminister" Ilias Achmadow die Gültigkeit des Plans, den er am kommenden Dienstag in Washington John Byerle, Mitarbeiter von US-Außenminister Colin Powell, vorstellen will. Moskau hat scharf gegen das Treffen protestiert.