Frankfurter Rundschau 22.03.2001
Als Rustam Temirsultanow aus dem Hubschrauber geworfen wurde
Menschenrechtler prangern Russlands Armee für das "Verschwindenlassen" und Folter tschetschenischer Zivilisten an
Von Florian Hassel (Moskau)
Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch veröffentlicht am heutigen Donnerstag einen Bericht über systematisches "Verschwindenlassen" tschetschenischer Zivilisten durch russische Soldaten und Polizisten. Tschetschenien wird auch in der laufenden Sitzung der UN-Menschenrechtskommission ein Thema sein.
Es war im vergangenen Juli, als sich Nura Lulujewa, eine 40 Jahre alte Mutter von vier Kindern, aufmachte, um auf einem Markt im Norden Grosnys Erdbeeren zu verkaufen. Doch dort nimmt eine Gruppe Maskierter sie, zwei ihrer Kusinen und weitere Frauen fest. Als tschetschenische Polizisten zum Markt eilen, halten ihnen die Maskierten Ausweise eines russischen Geheimdienstes entgegen und fordern sie auf, "sich hier nicht einzumischen". Zur Bekräftigung schicken sie eine Maschinengewehrsalve in Richtung der Polizisten - und fahren mit den Frauen davon.
Bis zum 4. März fehlt von Nura Lulujewa jede Spur. An diesem Tag identifiziert Nuras Bruder ihre Leiche und die ihrer beiden Kusinen in einer Lagerhalle in Grosny. An den Köpfen hängen noch die Binden, mit denen die Russen ihnen nach ihrer Festnahme die Augen verbanden.
Ende Februar wurden in Sdorowije, einem verlassenen Ferienort neben dem Hauptquartier der russischen Tschetschenientruppen in Chankala, mehr als 60 Leichen entdeckt und nach Grosny gebracht. Die Menschenrechtsorganisation Memorial (auch auf Deutsch unter www.memo.ru) gab am Montag bekannt, mindestens 16 Leichen seien identifiziert worden - als die von Zivilisten, die von Russen festgenommen und offensichtlich ermordet wurden. Und nicht nur in Sdorowije werden Leichen gefunden. Im Bericht "Der schmutzige Krieg in Tschetschenien" dokumentiert Human Rights Watch die Fälle von 111 "Verschwundenen" und mindestens acht Massengräbern - laut Diederik Lohmann vom Moskauer Büro der Organisation "die Spitze eines Eisberges".
Am 14. Januar durchkämmen russische Truppen Starije und Nowije Atagi westlich Grosnys und nehmen mindestens 21 Männer fest. Zwölf Tage später findet ein Bewohner die Leichen von Achmed Saurbekow (28) und Chamsad Chasarow (25) in einem Steinbruch. Arme, Ellbogen und Schultern sind gebrochen. Auf den Leichen sind Spuren ausgedrückter Zigaretten; beiden wurden die Ohren, Saurbekow auch ein Teil der Haut abgeschnitten.
Grausame Foltern gehören in Tschetschenien zum Handwerkszeug der Russen. Bewohner Arschtijs in der Nachbarrepublik Inguschetien sehen, wie Soldaten einen Mann aus einem fliegenden MI-8-Militärhubschrauber abwerfen. Die Leiche wird als die des 24 Jahre alten Rustam Temirsultanow identifiziert. Der inguschetische Leichenbeschauer berichtet Human Rights Watch, Temirsultanow sei ein Auge herausgeschnitten und in den Mund gesteckt worden, bevor ihn seine Folterer lebendig abwarfen. Nicht eines der von Human Rights Watch und Memorial dokumentierten Verbrechen ist von den russischen Behörden bisher strafrechtlich verfolgt worden.
Moskau warnt USA vor KontaktenMOSKAU (rtr). Moskau hat sich gegen Kontakte der US-Regierung zu tschetschenischen Politikern und Rebellen ausgesprochen und sieht darin eine Belastung der US-russischen Beziehungen. Das sagte Kreml-Sprecher Sergej Jastrschembskij, am Mittwoch, nachdem ein hoher Beamter des US-Außenministeriums baldige Kontakte zur tschetschenischen Regierung in Aussicht gestellt hatte.