SZ vom 29.03.2001 Politik


Deutsche Richter helfen in Kolumbien
Juristen in Not
Eine einzigartige Stiftung steht vor dem Aus

Von Helmut Kerscher

Die rund 26000 deutschen Richter und Staatsanwälte müssen glücklicherweise wegen ihrer Berufsausübung nicht um ihr Leben fürchten. Aber viele ihrer rund 7000 kolumbianischen Kollegen leben in ständiger Todesangst. Kolumbien ist für Juristen das gefährlichste Land der Welt; im Jahr 1999 gab es acht Morde. Fast 400 Justizangehörige wurden seit 1989 getötet, oft vor den Augen der Ehepartner und der Kinder, andere wurden entführt, Tausende bedroht – mit Todeslisten, Trauerkränzen, Zeitungsanzeigen, Telefonanrufen. Je unabhängiger sie agieren, um so gefährdeter sind sie.

Das gilt leider auch für andere Länder der Welt. Aber die meisten Toten gab und gibt es in Kolumbien, an zweiter Stelle folgt Sri Lanka, wie aus Angaben des Zentrums für die Unabhängigkeit von Richtern und Anwälten in Genf hervorgeht. Kolumbiens „Krieg gegen die Richter“ begann im Jahr 1984 zeitgleich mit dem Drogenkrieg, nachdem schon vorher 50 Juristen ermordet worden waren. Außer organisierten Kriminellen bedrohen auch rechtsradikale Paramilitärs und die linke Guerilla das Leben jener, die versuchen, in Kolumbien Recht durchzusetzen. Namenloses Elend kam über die Familien der Opfer. Seitdem haben viele Richter und Staatsanwälte ihren Beruf aufgegeben, viele mussten fliehen, Hunderte wurden erschossen, die Täter nie gefasst.

Mit dem in Deutschland kaum vorstellbaren Grauen wurden im November 1989 im Münchner Hotel Eden Wolff rund 35 Mitglieder des Bundesvorstandes des Deutschen Richterbundes (DRB) konfrontiert. Nubia Serrano, die frühere Vorsitzende der kolumbianischen Justizgewerkschaft „Asonal Judical“, war aus ihrem spanischen Exil einer Einladung gefolgt und berichtete über die Zustände in ihrem Land. „Wir müssen was tun“, sagte danach jemand in das entsetzte Schweigen hinein. Und in der folgenden Ausgabe der Deutschen Richterzeitung erschienen ein Spendenaufruf des DRB: „Die kolumbianische Justiz braucht unsere Hilfe“.

Es entstand ein Hilfsfonds für die Angehörigen von Opfern aus der kolumbianischen Justiz und daraus in Bogota die Stiftung FASOL (Fondo Aleman de Solidaridad). Im Jahr 1993 konnte der Vorsitzende des Deutschen Richterbundes, Rainer Voss, angesichts eines Spendenaufkommens von rund 600 000 Mark mit Fug und Recht schreiben: „Die Aktion des Deutschen Richterbundes gehört meines Erachtens mit zum Besten, was unser Verband seit seinem Bestehen geleistet hat“.

In einem erneuten Spendenaufruf versuchte Voss dem Richterbund nahezubringen, was er bei seinem ersten Kolumbien-Besuch aus Erzählungen der Witwen und der Verfolgten über die Bedeutung der Aktion erfahren hatte: Tausenden von Menschen, vor allem Witwen und Kindern, wurde seit Ende 1989 mit Spenden in Höhe von insgesamt 1,5 Millionen Mark geholfen. Die Stiftung betreut derzeit mehr als hundert Opferfamilien sozialpsychologisch und medizinisch, bewahrt sie vor dem sozialen Abstieg, indem sie Schul- und Berufsausbildungen für Frauen und Kinder sowie Existenzgründungen finanziert. Viele hochgefährdete Juristinnen und Juristen aus Kolumbien konnten mit deutschen Geldern ins Ausland und damit in Sicherheit gebracht werden.

Voss schrieb über die Arbeit des Stiftungs-Büros in Bogota, wo außer der Leiterin Blanca Lydia Anaya zwei Frauen für Hunderte von Hinterbliebenen sorgen. Mehrfach reiste Voss nach Kolumbien, sprach – unterstützt durch die deutsche Botschaft – mit Regierungsmitgliedern, hohen Justizangehörigen und Kollegen. Er lernte das Gefühl der Bedrohung am eigenen Leib kennen, bei heimlichen Treffen in Armenvierteln und bei offiziellen Fahrten im gepanzerten Auto. Stundenlang kann Voss erzählen, vor allem von den vielen Kindern der Opferfamilien und von der beeindruckenden Harmonie unter ihnen.

Der Spendenfluss versiegt

Er wünscht sich, dass mehr seiner Kolleginnen und Kollegen diese Bilder im Kopf hätten. Voss und andere haben oft in der Richterzeitung berichtet, unter ihnen FASOL-Vorstandsmitglied Pater Ulrich Kollwitz. Aber: „Das Grauen kann man nicht einfangen“, sagt Voss. Das Grauen der Kinder, die den Mord am Vater erlebt haben. Die unendliche Trauer der Frauen, die ihren Ehemann verloren haben und sich mit den Kindern durchschlagen müssen. Die etwa das Inventar verkaufen, um überhaupt überleben zu können.

Und nun drohen die Spenden zu versiegen. Der Spendenfluss ist in den letzten beiden Jahren stark zurückgegangen, der Haushalt der Stiftung für das laufende Jahr nicht mehr gedeckt. Das Vermögen reicht nur noch acht bis neun Monate. Dabei hat FASOL allein im ersten Halbjahr 42 neue Fälle zu betreuen. Die beispiellose Hilfsaktion deutscher Richter und Staatsanwälte steht nach knapp zwölf Jahren vor dem Aus: Das Vermögen des vom Deutschen Richterbund (DRB) finanzierten Hilfsfonds für Hinterbliebene von ermordeten Justizangehörigen in Kolumbien neigt sich in diesen Monaten dem Ende zu.

SZ-Leser können diese einzigartige Stiftung mit ihren (steuerlich absetzbaren) Spenden auf folgendes Konto vor dem Untergang bewahren: Misereor e. V., Konto-Nummer: 2014, Bankleitzahl 390 500 00, Sparkasse Aachen, Verwendungszweck: Spende/Hilfe für Kolumbianische Richter/DRB.


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